Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 281 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefolge muß das Gespenst des Mittelalters doch einmal die Segel streichen, und bei uns in Mitteleuropa ist der Fanaiismus, der leider ja in manchen Ländern auch heute noch unter der Asche lodert, doch allmählich vor der fortschreitenden Aufklärung im Weichen. Die Dummheit und Bosheit sind indes unsterblich, wir müssen uns hüten, diese ewige Macht zu unterschätzen, . und so haben auch Ströme von Tinte in der Literatur und Tagespresse nicht hingereicht, um z. B. die Fabel vom Einschleppen der Seuchen durch Juden und das Märchen vom Rituälmord und andere Fabeln ganz auszurotten. Aber, Gott sei Dank, etwas haben die Anstrengungen der allgemeinen Volksaufklärung doch bereits genützt. Es muß nur unermüdlich weiter daran gearbeitet werden. Immerhin ist die Unkenntnis der breiten Massen — und diese entscheiden schon jetzt auch bei uns in Deutschland in vielen Dingen, gewinnen auch in politischer Hinsicht durch ihre Zahl weiter täglich an Terrain — in Angelegenheiten der Juden und des Judentums geradezu beispiellos und fast erschreckend! Die kinematographischen Vorführungen zmn Beispiel, wie sie täglich Hunderttausenden allein in den europäischen Hauptstädten vorgeführt werden, bringen, ohne daß die eigentliche höhere Schicht der Bevölkerung davon viel Notiz nimmt, seit kurzem fortgesetzt ergreifende dramatische Szenen aus dem Leben der amerikanischen Hinterwäldler in Wildwest zum Beispiel, ferner das Treiben spanischer Zollschmuggler und dergleichen, aber auch Schilderungen für Herz und Gemüt von den Fischern der Bretagne, aus dem Leben der Straßen von London, Paris usw. Warum ist uns, da der Kinematograph und das verbesserte Lichtbild sich in kurzer Zeit zu einer einflußreichen Tribüne des öffentlichen Lebens entwickelt haben, bisher weder in London, noch in Paris, noch in Berlin — aus diesen drei Zentralen stammen die meisten Films, und es gibt bereits eine ganze Literatur dafür — irgend eine ergreifende und auch zum Herzen sprechende Darstellung aus dem Leben der Juden begegnet? Juden als Trödler, immer in der Rolle des.. gewöhnlichen Schacherers, habe ich vereinzelt auch schon in den Films der Kinematographen gesehen, aber eine Spur des wahren Judentums, wie wir sie doch auf dem Theater längst Haben — noch nirgends. Dabei sind das Theater, namentlich in seinen Anfängen, und der Kinematograph in ihren Wirkungen sehr nahe verwandt. Die großen, von der Arbeit abgehetzten Massen, ferner die Jugend, auf deren Belehrung es uns doch zunächst ankommt, finden hier in kurzer Zeit dasselbe in den Filmsbildern, was schon Aristoteles als die Wirkung der Tragödie bezeichnet, die — Reinigung durch Furcht und Mitleid! Mit Ausnahme der Szene von König Belsazar, auf der übrigens an der, Wand ein paar, hebräische Buchstaben, aber in ganz widersinniger Zusammenstellung, erschienen und ferner des ergreifenden Bildes von „Daniel in der Löwengrube" hat der Kinematograph bisher noch absolut nichts Iüdisches, wohl aber hier und da schon Unjüdisches, Rischußerregendes, Unkeusches, zur Schadenfreude und ähnlichen Lastern Aufreizendes geboten, vor dem wir streng unsere Kinder bewahren müssen. Da die demnächstige Internationale Ausstellung für Kinematographie in Hamburg ausdrücklich auch Presse und Propaganda in ihren Bereich gezogen hat, auch die erste ihrer Art ist, jede menschliche Einrichtung^ und auch diese so einflußreiche moderne Erfindung aber verbesserungsfähig ist, so sollten Berufene unter unsdie geschäftlich oder sonstwie dieser neuen Technik näher stehen, jetzt bald darauf hinzüwirken suchen, daß das moderne Lichtbild und der Kinematograph, der nun einmal Hunderttausenden das für die Massen zu kostspielige Theater ersetzen muß, aus einem Volksverbildungsmittel bald ein wirkliches Bildungsmittel wird, und auch volkspädagogisch nützlich wirkt. Wenn man sagt, daß uns als Juden diese Ausgabe nicht zufällt, so ist nur das eine daran wahr, daß wir hierbei nicht die ersten sind, denn es bestehen schon Vereine von Lehrern, Rektoren und — Filmsfabrikanten zur Reform der kinematographischen Bilder - Darstellungen; in früherer Zeit aber haben wir Juden gerade es sehr wohl verstanden, in unserem eigensten Interesse volkspädagogisch zu wirken. Hat man doch in Deutschland eine Zeitlang sogar gemeint, die Juden hätten die ganze öffentliche Meinung in der Tasche, was in Wahrheit schon lange nicht im geringsten mehr der Fall ist. Gewiß, auch die Kinematographen-Filmsfabriken, deren es in der ganzen Welt höchstens zehn bis fünfzehn gibt, da Millionen an Kapital dazu gehören, (ein einziger Film, das heißt eine Szenerie, kostet 800 bis 1000 Mark in der Fabrik) gehören zum Großkapital. Aber wir Juden sind auch hier geschäftlich längst ins Hintertreffen geraten. Man spricht nun in unseren Kreisen schon seit geraumer Zeit von der Verwertung der Kunst in der Pädagogik. Hier gibt, es ein Mittel, wenn demnächst in Hamburg die Vertreter der Filmsfabriken usw. zusammenkommen, den Herren klar zu machen, daß sie zu ihrem Schaden den Stoffkreis der Bibel und des Judentums (auch Szenen aus dem Leben Moses soll eine Pariser Firma kürzlich hergestellt haben) viel zu sehr im Verhältnis bisher vernachlässigt haben, sicher in der Tat auch zu ihrem Schaden, denn mit den bisherigen Späßen und grob sentimentalen Effektszenen wird sich der Kinematograph auf die Dauer nicht halten. In Wahrheit aber liegt, da ein einmal hergestellter Film die ganze Welt durchwandert und überall die Herzen rühren und erschüttern kann, ein der Ausbildung und auch der Unterstützung eminent fähiges Volksbildungsmittel vor. Szenen aus dem Leben unserer jüdischen Auswanderer im Hamburger Hasen z. V. könnten mit Leichtigkeit ausgenommen und am besten bereits zur ersten Internationalen kinematographischen Ausstellung demnächst in Hamburg den Interessenten vorgeführt werden. Die Abnehmer werden dann schon von selbst kommen. Der geeignete Text muß dazu in der richtigen Weise ausgearbeitet und vorgetragen werden. Ein solches Bild wird dann in der ganzen Welt, da von einem Film unzählige Abzüge genommen werden können, in New Jork sowohl wie in Rom, die Herzen ergreifen und sich auch zur Vorführung in jüdischen Schulen usw. eignen. Auch unsere Schulen im Orient, jüdische Kolonisations- und Kulturarbeit, ferner Szenen aus Israels Leidenszeit, seiner heldenmütigen Vergangenheit können ausgenommen und mit einem Schlage in den besseren Vitaskop-Sälen der ganzen Welt verbreitet werden. Ich habe selbst in guten Kinematographen- Theateru, die für 1000 Personen Plätze und ein eigenes Orchester hatten, ganz weit hergeholte, fast täppisch mitunter wirkende Vorführungen gesehen, so z. B. Kultus und Religion in Siam und Kambodscha, sehr viel aus dem angeblichen Leben der Japaner usw. Selbst die Kaiserin von China will nach authentischer Meldung den Kinematographen benutzen, um ihr Volk mit der Kultur bekanntzumachen. Ebenso sind die Türken leidenschaftliche Freunde des Kinos. Es handelt sich hier aber nicht nur um eine weltliche, sondern auch religiöse Sache! Ich kann versichern, daß auch der Präsident der Anglo Jewish Association fcie Verwendung des Kinematographen, namentlich um Licht und Sonnenschein den armen jüdischen Kindern in den zahlreichen Schulen der Association zuzuführen und um den Aermsten der Armen im Osten Londons und im