Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 280 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 28Ö -- ' Die Drehfus-Asfäre hat in Frankreich noch ein häßliches Nachspiel gehabt. Bei der Uebersührung der Leiche Emile Zolas nach dem Pantheon fanden große Kundgebungen der vereinigten Nationalisten und Antisemiten statt. Zum Schlüsse der Feier schoß ein Mann aus den Major Dreyfus und verwundete ihn an der Hand. Die „V, Z." erhält darüber folgenden Bericht aus Paris: „Stet der Pantheonfeier saßen Alfred Dreyfus, seine Frau und Tochter und sein Bruder Mathieu Dreyfus in der ersten Reihe der Stühle, neben der Rednerbühne, dem Katafalk gegenüber. Maitre Demange stand an die Säule gelehnt neben Mathieu. Ich hatte meinen Platz neben Demange. Schon während der Feier war mir ein Mann in der dritten Reihe gerade hinter Dreyfus, zwei Reihen vor Björnson, durch seine wahre Gblgenphysiognomie ausgefallen. Nach der Aufführung des letzten Satzes der neunten Symphonie trat ein Polizeikommissar auf Dreyfus zu und flüsterte ihm zu. mit den Seinen ruhig sitzen zu bleiben, bis alles gegangen sein würde. Er nickte und blieb. Kurz vor elf verließen Falliäres und die Minister das Pantheon und der allgemeine Aufbruch folgte. In diesem Augenblick des Tumults krachte ein Schuß. Dreyfuß fuhr auf und sank zurück. Es erhob sich ungeheures Geschrei und Gedränge. Drei oder vier Sekunden verflossen, als ein zweiter Schuß fiel. Jetzt erhob sich Dreyfus und rief mit erstickter Stimme: „Ich Habenichts!" Aber gleichzeitig griff er nach seinem Arm und zog die Hand blutig zurück. Die Schüsse hatte der Mann mit dem Galgengesicht, ein gewisser Gregor, abgegeben, der beim „Gaulois" beschäftigt ist. Er hatte sich hinter Dreyfus gedrängt und aus allernächster Nähe auf ihn geschossen. Wie er ihn fehlen konnte, ist mir unbegreiflich; man muß ihn im beginnenden Gedränge gestoßen haben. Wir stürzten uns alle auf ihn, aber ehe wir ihn zwischen die Stühle niederwarfen, konnte er ein zweites Mal schießen, doch traf die Kugel aus der niedergedrückten Waffe den Fußboden. Man hatte kaum Zeit, den Mörder ein. wenig zu würgen und ihm einige Fausthiebe zu versetzen, als die Polizeibeamten, Lepine an der Spitze, ihn unseren Händen entrissen und wegschleppten. Im Verhör gab er seinen Namen an und rühmte sich, der Senior der Kampfpresse und der „einzige gute Franzose" der Pantheonversammlung zu sein." Der ganze Vorgang dürfte die allgemeine Stimmung nicht zugunsten der nationalistischen Partei beeinflussen. - Die Nachrichten aus Rußland, die uns unser alter und geschätzter Mitarbeiter, Herr L. A. Trachtenberg, sendet, lauten nicht gerade sehr ermutigend. Wir geben seinen Bericht an dieser Stelle wieder: . „Der Minister Plehwe, unseligen Andenkens, gab demselben nach dem schrecklichem Kischenewer Blutbädeim Jahre 1903 den Betrage von 2500 Rubel!" Dieser geschichtlichen Tatsache haben wir keinen Kommentar zuzusügen. Die bekannten Kischinewer Antisemiten Krupensky (einer derselben ist jetzt Deputierter der Reichsduma) zahlten an Kruschewan für zwei Wahlkampagnen die „winzige" Summe von 1500 Rubel. Wie Sie sehen, sind es nette Zustände in der Hauptstadt des -gesegneten Bessarabien, die der berühmte Dichter Alexander Puschkin als" „verfluchtes Kischinew" bezeichnete. Wir fanden in den letzten Zeit sehr oft in der russischen Presse Korrespondenzen und Berichte über den Prozeß des Rabbiners Helmann. Nun bringt der „Odesky Listok" (Nr. 114 vom 16./29. Mai) folgende Notiz: „Wie wir mitteilten, sollte im Kiewer Militärbezirksgerichte der Prozeß des Berdyczewer Gemeinderabbiners Helmann, der beschuldigt wurde, den Berdyczewer Pristaw (Polizeikommissar) Kärtomyschew getötet zu haben, verhandelt werden. Auf Vorstellung des Prokureurs des Kiewer Kriegsgerichtes wurde jetzt, infolge Mangels der Uebersührung das Urteil aufgehoben. Es erfolgte der Befehl an den Berdyczewer Gesängnisdirektor, den - unglücklichen Helmann aus der Haft zu entlassen. Die Helmannsche Angelegenheit wurde vom Staatsanwalt des Kiewer Bezirksgerichts dem Kiegsgericht überwiesen. — Tout est bien, que finit bien! Recht traurig sind die Nachrichten, die aus Polen, speziell aus W ars ch au kommen. DerZutrittzu den dortigen mittleren Staatsschulen wird für die jüdischen Kinder im Schuljahre 1908/9 gänzlich geschlossen werden und zwar aus folgendem Grunde: In den letzten, drei Jahren, in denen die polnische Bevölkerung die russischen Schule boykottiert . hat, sind zur Vervollständigung der Schülerzahl Juden über die festgesetzte Norm von zehn vom Hundert in diese Schulen ausgenommen worden. Im vorigen Jahre, als der Boykott nachließ, sind jüdische Schüler im Verhältnis von zehn vom Hundert der Zahl der Neueintretenden, ohne Rücksicht aus den schon vorhandenen Prozentsatz von Juden, ausgenommen worden. In diesem Jahre hat die Schulbehörde beschlossen, die Zahl der jüdischen Schüler auf zehn vom Hundert zu beschränken, wobei nicht nur die Anzahl der Neueintretenden, sondern auch das Prozentverhältnis der älteren jüdischen Schüler zu der Gesamtanzahl in Anschlag zu bringen ist. Auf diese Weise wird der schulpflichtigen jüdischen Jugend die Möglichkeit, zu lernen, genommen. Im VI. Gymnasium z., B. entfallen aus 195 jüdische Kinder, die sich meldeten, bloß drei Stellen. Daß diese drei Stellen Kindern reicher Eltern zufallen werden, die mit Bestechungen arbeitM können, ist selbstverständlich. Den Blättern ist natürlich verboten worden, etwas darüber zu schreiben. Wir finden in den letzten Nummern der Odessaer Zeitungen so manches Interessante, das wir der Mühe werthalten, in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zu verzeichnen. Das Erste, das uns in die Augen fällt, ist die folgende kurze, aber „inhaltreiche" Notiz, die lautet: „Das Recht der Juden, in diesem Jahre in Petersburg zu wohnen, wo die Lehranstalten ihre Tätigkeit beginnen, wird beschränkt werden." Nach seiner Rückkehr aus Petersburg empfing der Odessaer General-Gouverneur Tolmatschew eine jüdische Deputation. Dieselbe drückte ihre Freude aus, ihn wieder in Odessa begrüßen zu können, da er. so unendlich viel zur Beruhigung der Einwohner dieser vielgeprüften Stadt beigetragen habe. Der General-Gouverneur dankte der Deputation für die Begrüßung mit der Bitte, seinen Dank der jüdischen Bevölkerung zu bestellen. „In Odessa" — sagte General- Major Tolmatschew — „kenne ich . bloß Bürger und mache keinen Unterschied unter den Nationalitäten. Auch in der Zukunft werden alle meine Kräfte darauf gerichtet sein, Ruhe und Friede in der Sadt, wie auch den Wohlstand derselben zu erhalten." Ueber den berüchtigsten antisemitischen Agitator Kruschewan bringt der „Odesky Listok" eine ziemlich umfangreiche Aufstellung seiner allgemein interessierenden Schulden. Unter den „Einnahmen" figuriert folgender „historischer" Posten:' Line moderne Erfindung. Von M. Friedeberg. man konnte sehr trübe gestimmt werden, nachdem man den interessanten Leitartikel dieses Blattes „Ganz wie im Mittelalter" gelesen und beherzigt hat, und sicherlich haben solche Rückblicke einen hohen mahnenden, moralischen Wert, indem sie uns zeigen, daß unsere alten Feinde immer noch mit der alten Wut des Rückschritts am Werke sind. Aber anderseits schützt uns die fortschreitende Kultur, wenn auch Ströme von Druckerschwärze heute noch immer gegen uns vergossen werden, nunmehr doch vor ähnlichen Rückfällen in die Barbarei des Mittelalters. Höchstens auf dem jüdischen Theater, wie es z. B. London und Newhork bereits besitzen, sind wir noch in der Lage, ähnliche Szenen des Fanatismus genau zu beobachten. Neuerdings bietet sich dazu Gelegenheit auch auf dem Kinematographen, den ein Gelehrter, der viel für diese noch im Anfang ihrer Entwicklung stehende Erfindung getan hat, „das Theater, die Schule und die Zeitung der Zukunft" genannt hat. Vor der. Elektrizität und ihrem . .. r ' ..-• rr,v.^,