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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 279 (sequence 5)
Language
German
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haben/ auch die Kollegen mosaischen Glaubens anderer Aerztekammerbezirke unter denselben Mißständen zu leiden haben, so stelle ich den Antrag, die hier zusammengefaßten Schriftstücke dem Aerztekammer-Ausschuß zu überreichen mit dem Anträge: „Durch den Herrn Minister der Medizinalangelegenheiten den Herrn Reichskanzler zu bitten, eine Gleichstellung der Paßvorschristen für deutsche Aerzte mosaischen Glaubens mit denen für die übrigen Aerzte erwirken zu wollen." Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen und beschlossen, durch den Ausschuß der preußischen Aerztekammern alle anderen Kammern aufzusordern, dem Beschluß beizutreten. Ob der von der Ostpreußischen Kammer gefaßte Beschluß die Reichsregierung von der Unhaltbarkeit der für die nach Rußland reisenden deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens bestehenden Ausnahmebestimmungen überzeugen wird, steht dahin. * Der soeben erschienene Bericht über die Wirksamkeit der „Israelitischen Allianz zu Wien" im Verwaltungsjahr 1907 erstattet an die 35. ordentliche Generalversammlung am 27. Mai 1908, ist wieder einmal ein ehrendes Zeugnis für die umfassende humanitäre Tätigkeit dieser in Reih und Glied mit den anderen großen jüdischen Organisationen in Europa wirkenden Vereinigung. Er zeigt auch in erfreulicher Weise, daß die österreichische Judenheit bei den großen Hilfswerken für die verfolgten Glaubensgenossen nicht nur nicht zurücksteht, sondern manchmal auch den ersten Platz einnimmt. Dies war im vorigen Jahr zunächst der Fall mit Bezug auf die internationale Aktion zugunsten der Opfer der Judenexzesse in Rumänien. Die Wiener . Allianz hat da, wie erinnerlich, sofort mit großer Energie und Umsicht helfend eingegriffen, und schon im März 1907, als die Ansammlung der Flüchtlinge an der österreichischen Grenze begann, war der Sekretär der „Allianz" Herr Dr. Kaminka an Ort und Stelle, um im Verein mit der Leitung der Filiale in Czernowitz und dem Grenzkomitee in Suczawa-Jtzkany die Hilfe zu organisieren. In der hierauf am 5. Mai in Wien abgehaltenen Konferenz der Organisationen, bei der die Alliance Isra&ite Universelle in Paris, der Hilssverein der deutschen Juden in Berlin, das Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt, die englischen üftd amerikanischen Komitees, sowie die Komitees von Bukarest und Jassy vertreten waren, wurde die gesamte Führung des Hilfswerkes der Wiener Allianz übertragen. Die von der österreichischen Organisation aufgebrachten Spenden in der Gesamthöhe von über 176 500 Kronen bilden auch den größten von einer europäischen Organisation für diesen Hilfszweck zustande gebrachten Beitrag. (Dem Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin sind, wie aus seinem soeben herausgegebenen Geschäftsbericht hervorgeht, für Rumänien aus ganz Deutschland im ganzen 109 983 Mark zugegangen). Einen ähnlichen Beitrag hat noch das amerikanische Hilfskomitee aufgebracht, das unter der tatkräftigen Leitung des Herrn Dr. P. A. Siegelstein in New Aork 176 591 Franken gesammelt hat. Von der Alliance in Paris und vom Berliner Hilfsverein unter Beteiligung von Frankfurt werden der Wiener Zentrale auf Grund der Konferenzbeschlüsse zugunsten der geschädigten Familien je 87 500 Franken, zur Verfügung gestellt. Das Komitee in London sandte 30829 Kronen. Außerdem brachten die Komitees in Bukarest und Jassy selbst durch Sammlungen über 85 000 Franken auf. Die Listen der Geschädigten wurden nach Anordnung der Wiener Allianz von den in Rumänien eingesetzten Distriktskomitees sorgfältig redigiert und von Vertrauensmännern in Bukarest (Herrn Oberrabbiner Dr. M. Beck und Herrn Js. Astruc) überprüft. Ueberdies hat der Sekretär der Allianz Herr Dr. Kaminka im Laufe des Jahres wiederholt an den Beratungen des Komitees in Jassy. Botosani, Jtzkany und Bukarest behufs Sicherung einer gerechten Verteilung der Unterstützungen teilgenommen. Auf diese Weise gelang esdas große Werk brüderlicher Hilfe an mehr als 3000 durch barbarische Hetzen in Not und Elend gebrachten Familien in mehr als 40 Städten und Ortschaften, soweit es die Verhältnisse in Rumänien zuließen, in vollkommen befriedigender Weise durchzuführen. Aus der Uebersicht über die geleistete Hilfe geht hervor, daß im Distrikt Bukarest (Aktion geleitet durch die erwähnten Vertrauensmänner und Herrn Adolf Salomon) 60 836,95 Franken, im Distrikt Jassy (Aktion geleitet durch die Herren M. Schemrer, M. Wachtel, Dr. Nimirower, Dr. Steuermann und Dr. Burstyn) 105 265,75 Franken, im Distrikt Vaslui durch das Komitee Jassy 85 553 Franken, im Distrikt Roman ebenfalls durch das Komitee Jassy 68 852 Franken, im Distrikt Botosani (durch die Herren M. Moskowici, A. Wahrmann, Rabbiner K. L. Landau und Spanier) 142 558 Franken und im Distrikt Burdujcni-Bucecea (durch die Herren Dr. I. Rosenfeld, Prof. Dr. L. Kellner und den Bügermeister von Jtzkany Kaiserlicher Rat S. Hellmann) 89 329,90 Franken zur Verteilung gelangt sind und die Ausgaben für diesen Teil der Hilfe zusammen 552 396,55 Franken ausmachen. Im Herbst 1907 hat die Allianz im Einvernehmen mit den anderen Organisationen eine besondere Aktion zugunsten der aus den Dörfern vertriebenen Juden einleiten müssen. Es wurden hierfür von der Wiener Organisation und ebenso von Paris und Berlin (unter Beteiligung von Frankfurt) separat je 22500 Franken bewilligt. . Die separate rumänische Aktion der Wiener Allianz erforderte neben den an das gemeinsame Hilfswerk geleisteten Beiträgen eine Ausgabe von 29 288 Kronen für den Unterhalt von Flüchtlingen auf österreichischem Gebiete, sowie die Bahnbeförderungen und Unterstützungen in denjenigen Fällen, wo nach den Konferenzbeschlüssen aus den gemeinsamen Mitteln die Hilfe nicht zu gewähren war. Ferner hat die Allianz infolge der besonderen Not zahlreicher rumänischer Gemeinden zur Verköstigung armer Schulkinder einen Beitrag von 3000 Franken geleistet, und zahlreichen rumänischjüdischen Schulen, so den Knabenschulen in Adjut, Vaslui, Piatra, Sulitza, der Schule Or Thora in Botosani, Cultura in Bacau, der Haushaltüngsschule Lumina in Galatz, der Schule in Frumisica, namhafte Beiträge gewährt. Eine umfassende Fürsorge wurde ferner den jüdischen Emigranten aus Rumänien zngewendet. Durch das Entgegenkommen der Jewish Golonisation Association konnten die Ende 1906 sistierten Gruppen - beförderungen wieder ausgenommen werden, und es wurden während der letzten Monate 1907 durch Vermittlung der Allianz nach Kanada 1071, nach den Vereinigten Staaten 146, nach Argentinien 52, zusammen 1269 Personen in Gruppen, außerdem 146 Personen einzeln befördert. Aus der Gesamttabelle der Emigrantensürsorge des Wiener Bureaus ergibt sich, daß im Jahre 1907 durch dasselbe registrierte russische und rumänische Emigranten zusammen 2596 befördert wurden; in dieser Zahl sind nicht enthalten die zahlreichen Auswanderer, die auf kurzem Wege auf der Durchreise in Wien von der Allianz Unterstützungen erhielten, und die nach Tausenden zählenden Personen, denen die Komitees der Allianz in Czernowitz, Brody und Krakau ihre Fürsorge zuwandten. Der Bericht erwähnt, ferner, die Schulaktion der Allianz in Galizien und die Kooperation der Allianz mit dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zur Förderung des Unterrichts in der Spitzenklöppelei, durch welchen einer großen Anzahl junger jüdischer Mädchen und Frauen aus den ärmsten Kreisen ermöglicht wird, sich redlich ihr Brot zu verdienen. Die Allianz hat dem Hilfsverein zur Entsendung von fünf Lehrerinnen pro 1908 einen Beitrag von 5000 Kronen bewilligt, und das Zusammenwirken ist dadurch erleichtert worden, daß ein Mitglied des Allianzvorstandes zum Vizepräsidenten jenes Vereins erwählt wurde. . Der Bericht über die Situation in Rußland hebt hervor,. daß sich die Lage der Juden während des verflossenen Jahres leider wieder wesentlich verschlechtert hat, da sie in ihrer Hoffnung, bürgerliche Rechte zu erlangen, mehrere Jahrzehnte zurückgedrängt erscheinen, und sich nicht einmal die liberale Kadettenpartei, auf welche so große Hoffnungen gesetzt wurde, einen Antrag zugunsten der Juden zu stellen getraut. Interessant ist die Mitteilung des jüdischen Abgeordneten Nisselowitsch, welche in russischen Blättern erschien und in: Berichte zur Charakterisierung der Situation wiedergegeben wird, die wir bereits auszugsweise mitgeteilt haben. / *

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