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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 278 (sequence 4)
Language
German
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Wo ein Wille ist, da ist auch em Weg. Nur kann ich mich mit dem Gedanken Vogelsteins nicht befreunden, daß die Liberalen solcher Gemeinden — und sie sind in der. Mehrzahl — im Interesse des Lehrers Opser bringen sollen. Das Opferbringen muß dem Gesetze der Reziprozität entsprechen. Das Verlangen nach einseitigem Tragen von des Lebens Lasten und Pflichten ist eine Härte, ist orthodox. Die Orthodoxen können Opfer nicht bringen, ohne ihrer Ueberzeugung untreu zu werden, und-deshalb verlangt man von ihnen auch kein Entgegenkommen; aber von den Liberalen begehrt man „die. Preisgabe ihrer Ueberzeugung"? Nur um des lieben Friedens willen?- Nein, wir wählen auch hier lieber eine reinliche Scheidung. Die überwiegende Majorität der Gemeindemitglieder entscheidet; die verschwindende Minorität wird und muß auf bestimmende Rechte im Interesse der Gesamtheit verzichten, wenn ich es auch für tolerant halte, daß man auf die Wünsche der liberalen Minorität ebensoviel Rücksicht nähme, wie sie die orthodoxe Minderheit überall geradezu beansprucht und größtenteils erlangt. Entschließen sich die Gemeindevertreter, die nicht nur die Erwählten einer Partei sind, Beamte zu wählen, deren Anschauungen mit denen des größten Teiles der Gemeindemitglieder harmonieren, so den haltlosen Standpunkt von der „Nüchternheit des Kutschers" endlich verlassend, dann wird einmal die Kluft zwischen Schule und Haus leicht zu überbrücken sein, weil es der taktvolle Rabbiner vermeiden wird, nicht nur das Speisegesetz nicht zu erörtern, das Sache des Hauses ist, sondern auch vermeiden wird, bei der Behandlung der „Vorschriften" zur Heilighaltung von Sabbat und Festtagen das Schreiben zu verbieten, das trotz alles verlangten Entgegenkommens weder von den liberalen Vätern, noch von deren Söhnen unterlassen werden kann. . In Gemeinden, in denen Orthodoxe und Liberale in fast gleicher Starke, vorhanden sind, müßten sich die Vorsteher entschließen, zweierlei Gottesdienst einzurichten. Wohl weiß ich, daß mein Vorschlag manchem ein Kopsschütteln abringen wird, weil man der Meinung sein kann, daß beispielsweise der Rabbiner nicht zweien Anschauungen huldigen könne, und daß er sich zum Komödianten erniedrige, wenn er an einem Vormittage orthodox und liberal predige. Aber das soll er meiner Meinung nach auch garnicht, und doch müßte es gehen. Ein edel denkender Mann müßte es wohl verstehen, seine Predigten so zu halten, daß sie weder orthodox noch liberal angehaucht sind. Der Prediger soll belehren und erklären. Er soll die Geschichte des Judentums vor den Hörern aufrollen und die Ethik unserer Religion aus der Schale befreien. Und da es nur eine Geschichte und nur eine Ethik gibt, wird man von dem Prediger, der sich aus diese'zwei Gebiete beschränkt, nicht behaupten, daß er „aus zwei Zweigen hüpfe". Als Seelsorger mag der orthodoxe Prediger, wenn nur ein solcher amtiert, von den Orthodoxen reklamiert werden, Orthodoxe und Liberale sollen ihn aber als Vermittler der Geschichte des Judentums und seiner Ethik ansehen. Fungiert nur ein liberaler Rabbiner, .so sorgen die Orthodoxen für ihre Seele ganz gut allein, zumal sie ja gescheiter sind als die liberalen Rabbiner. Sie gebärden sich wenigstens in diesem Sinne. Nur bei einem solchen harmonischen Zusammenwirken aller Kräfte kann das Judentum aus der ganzen Linie erstarken. Nur so-wird der „dritte Faktor" zur festesten Säule, die nicht nur gestützt wird, die vielmehr selbst stützt: Schule und Haus. Für das Leben. Die Wache. Berlin, 9, Juni. er erste Akt der Landtagswahlen ist vorüber, und wir sind bereits in der Lage, die Resultate derselben, soweit sie für unsere Kreise von speziellem Interesse sind, zu übersehen. Gewählt sind in Berlin die Abgeordneten Dr. Ge.rschel, Geheimer Justizrat Cassel, Leopold Rosenow, in Fraustadt-Lissa Justizrat Wolfs, in Wirsitz-Bromberg Geheimer Kommerzienrat Aronsohn, in Mogilno-Wongrowitz Landgerichtsrat Peltasohn. In aussichtsvolle Stichwahl kommt in Altona Rechtsanwalt Wald sie in mit dem Sozialdemokraten Emanuel Wurm. In Stichwahl kommen Stadtrat Dr. Weigert (Berlin VII), Amtsgerichtsrat Dr. Liepm a tut (Teltow-Beskow- Storkow). Der Sozialist Hugo Hei mann wird in einem der von seiner Partei eroberten Wahlsttze aufgestellt werden. Nicht gewählt wurden Dr. Sobernhe im (Spandau-Osthavelland), Stadtrat Pariser (Jüterbog-Luckenwalde), Fabrikbesitzer Schweig (Rothenburg-Hoyerswerda), Kommerzienrat Münsterberg (Danzig) und Amtsgerichtsrat Dr. Herz (Harburg). Der in Stettin gewählte Rechtsanwalt Lippmann ift> wie wir der Vorsicht halber bemerken, nicht mehr Jude, ebenso wie der in Guben aufgestellte Justizrat Dr. Lew in. Was nun die Wahlchancen unserer Gegner betrifft, so sind diese recht schlecht. Der Antisemit des bisherigen Landtags, Herr Werner, wird in Rothenburg-Hersfeld nicht wiedergewählt; ebenso sind die Deutschsozialen aus dem Abgeordnetenhause verschwunden. Die Christlichsozialen Mumm (Halle-Herford), Henke (Güttingen-Minden), von Bila- Hainrode (Nordhausen) sind ebenfalls durchgefallen. Dagegen kommt ihr Kandidat Simons in Hofgeismar-Wolfhagen in Stichwahl. Aber was will das gegenüber der großen Schar von offenen und versteckten Gegnern der anderen Parteien bedeuten, die wieder ihren Einzug in das preußische Abgeordnetenhaus halten werden. Schon heute, wo sich das Wahlschlachtfeld in seiner ganzen Größe und bis in all seine Einzelheiten noch keineswegs klar übersehen läßt, kann man sagen, daß sich die Situation für uns in keiner Weise verändert hat. Denn schon jetzt kann als sicher festgestellt werden, daß der Liberalismus keine bemerkenswerten Erfolge errungen hat, und daß wir bei all den Fragen und Angelegenheiten, die die jüdischen Verhältnisse betreffen, mit der bisherigen Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses, am wahrscheinlichsten mit einer konservativ-klerikalen Koalition zu rechnen haben werden. - . .. * - Die vielbesprochene Angelegenheit der russischen Paßvorschristen ist in letzter Zeit auch Gegenstand der Verhandlungen der Ostpreußischen .Aerztekammer gewesen. Bekanntlich erhalten nur jüdische Kaufleute, die Inhabergerichtlich eingetragener Firmen, das notwendige Visum des russischen Konsuls, Aerzte, Gelehrte, Privatpersonen aber nicht. Diese Zustände haben in ärztlichen Kreisen seit langer Zeit gerechten Mißmut erregt und Erwägungen veranlaßt, ob und wie Abhilfe zu schaffen sein würde.' Infolge einer aus Anlaß eines besonders krassen Einzelfalles an die Ostpreußische Kammer gerichteten Eingabe ist der Stein endlich ins Rollen gekommen. In der letzten Sitzung der Aerztekammer für die Provinz Ostpreußen erklärte der Referent Forstreuter: „Meine Herren! Sie werden wohl mit den Antragstellern, übereinstimmen und die Paßvorschriften, wie sie nach der gedruckten Anweisung des russischen Konsuls in Königsberg für deutsche Aerzte mosaischen Glaubens bestehen, für entwürdigend und die Interessen des ärztlichen Standes schädigend erachten. Da, wie wir gesehen

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