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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 24. ßerlin, 12. Juni 1908. eitung desAudentumL Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 AI. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner S*. Ludwig Philixxson. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judentums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/<t9, zu richten. Verlag von Rudolf Rlofse, Berlin. Der dritte Faktor. Bert in, 10. Juni. on einem Freunde unseres Blattes, der weder Rabbiner, noch Lehrer, noch Kantor ist, der aber gleichwohl ein warmes Herz für das Judentum hat, gehen uns nachstehende Zeilen zu, die wir gern an dieser Stelle veröffentlichen: Die jüngst an dieser Stelle wiedergegebenen Mahnworte aus dem Bericht des Herrn Dr. Vogelstein über die Religionsschule zu Stettin haben, weil sie dem Herzen eines für das Judentum ehrlich wirkenden Mannes entsprossen, gewiß ihren Eindruck nicht verfehlt. Zu einem vollen Erfolge können sie meines Erachtens aber deshalb nicht führen, weil Herr Dr. Vogelstein eins übersehen hat, den dritten Faktor, die dritte Säule des Judentums. „Auf drei Säulen richt die Welt!" sagen unsere Weisen, auf der Lehre, dem Gottesdienst und dem Wohltun. Die erste der drei Säulen hat ihren Grund in der Schule und wird gepflegt vom Rabbiner und Lehrer; die letzte hat ihn im Hause, der Pflegstütte für das Gemüt. Zwischen ihnen ragt die Säule des Gottesdienstes empor, die von beiden gestützt, von beiden geschwächt werden kann. Gehen Lehre und Leben, Geist und Herz, Wissen und Taten, Hand in Hand, so stärken sie die dritte Säule. Befehden sie einander, befinden sie sich im Widerspruch zueinander, so schwächen sie sich und die von ihnen gestützte mittelste Säule, daß diese stürzt und in ihrem Sturze die Nachbarsäulen umreißt. Wenn das in der Schule dargebotene Wissen vom Hause geringschätzig geachtet wird, wenn Haus und Schule keine Vereinigungs-, nur Trennungspunkte berühren, wenn das Haus umftößt, was die Schule aufgerichtet, wenn die Schule orthodox — das Haus liberal ist, dann kann die dritte Säule keinen festen Mittelpunkt bilden. Die Mißachtung vor dem Lehrstoff der Schule oder gar seine Verwerfung kann keine Achtung vor dem Bestände der gottesdienstlichen Einrichtungen zeitigen. Diese Achtung jedoch ist der Grund zur Andacht, und diese wiederum Bedingung sür die Erbauung, die uns das Herz warm machen soll zur Erzeugung religiöser Gefühle und für deren Betätigung in der gesamten Lebensführung. Hieraus geht nun ein Wesentliches hervor, daß nämlich die dritte Säule doch nicht nur gestützt wird, sondern daß sie selbst stützt. Sie selbst kann zum Gedeihen von Schule und Haus in hervorragender Weise beitragen. Allerdings müßten wir dann mit der weitverbreiteten Anschauung brechen, daß Schule und Haus einzig und allein darauf hinzuarbeiten hätten, daß wir am Gottesdienste uns aufmerksam beteiligen. Denn non scholae, sed vitae discimus, nicht nur für die Schule — v. v. Gottesdienst — sondern fürs „Leben" lernen wir. Da nun beispielsweise, im Unterricht für das Hebräische tatsächlich nie so viel (oder so wenig) geleistet werden kann und wird, um uns zu befähigen, dem Gottesdienst mit einigem Verständnis zu folgen, die allerhauptsächlichsten Gebete und Vortragsstücke zu verstehen, da so das Gotteshaus für lange Zeit hinaus den Mittelpunkt' unseres religiösen Lebens bilden wird, muß diesem dritten Faktor unser Hauptaugenmerk zugewendet werden. Nimmt der Gottesdienst nach uralt ein oder altem Ritus seinen Gang, dann werden die Liberaldenkenden sehr wenig mit hinaus ins Leben nehmen, trotz der deutschen Predigt. Und werden die Gefühle der Liberaldenkenden nicht genährt, bleiben sie unbefriedigt, da zieht die Unzufriedenheit, die Lauheit, die Gleichgültigkeit ein, und der Mittelpunkt wird nicht zum Vereinigungspunkt; da ist das Leben in der Gemeinde nicht zum Vorteil für das Judentum. Darum muß hier eingesetzt werden, um eine Wandlung zu vollziehen. Leistungsfähige Gemeinden sollten vor einer reinlichen Scheidung nicht zurückschrecken. Die Furcht vor der Spaltung, die der Friedensliebe entsprungen ist, die ja an sich gewiß recht schön ist, ist nicht mehr am Platze. 8i vis pacem, para bellum; willst du den Frieden, wähle den Krieg. Nur keinen faulen Frieden, keinen oberflächlichen. Der Schein trügt. Und wenn auch nach außenhin eine (einige?) Gemeinde erscheint, unter der Asche glimmbs, und die Unzufriedenheit mit den aufgezwungenen Verhältnissen, die die Liberalen nicht zu ändern vermögen, hält sie vom Besuch des Gotteshauses und von der Beteiligung am Gemeindeleben zurück, verbittert die Gemüter und führt schließlich gegen die „unduldsame" Partei zum Haß mit all seinen unedlen Nebenerscheinungen. Wird jeder Partei ihr Recht, kann jede Partei nach ihrer Ueberzeugung, nach ihren Wünschen und Neigungen ihre religiösen Bedürfnisse nähren Und stärken, dann erst, wenn beide unangefochten als gleichberechtigte Faktoren nebeneinander bestehen, entsteht der wahre, der echte, rechte Friede, der mehr zur Einigkeit im Judentum beiträgt, als der faule, erzwungene, scheinbare Friede, der in Wahrheit zerklüftet bis zur Unüberbrückbarkeit. Schwieriger liegen die Verhältnisse in den Gemeinden, die nur einen Beamten aus jeder Kategorie aufnehmen können. Und doch sind die Schwierigkeiten nicht so groß, daß I sie nicht überwunden werden könnten.

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