Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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dies rote Zeichen errungen hatte, war des zweiten Lobes ganz sicher. An jenem ereignisvollen Wintermorgen war Bloomah schon lange vor Tagesanbruch aufgestanden; sie durfte es unter keiner Bedingung riskieren, heute zu spät zu kommen. Sie Machte sich tapfer an die ihr übertragene Hausarbeit und dachte nur immer mit einer gewissen Angst daran, ob auch wohl keine ihrer Schulkameradinnen sich verschlafen würde. Indessen vertraute sie doch darauf, daß alle so gewissenhaft sein würden, wie sie selbst es war. Allerdings war die drohende Gefahr der Blattern nicht wegzuleugnen. Sie betete inbrünstig, der Allmächtige möge alle kleinen Mädchen ihrer Klasse vor der Krankheit behüten und ihnen das Banner zuwenden. Als sie beim Frühstück saß, brachte der Postbote ihrer Mutter eine Korrespondenzkarte. Bloomahs Herz klopfte zuin Zerspringen, als Frau Beckenstein die Karte las. Sie glaubte, daß die Epidemie eines der Familienmitglieder erfaßt habe. Die Mutter reichte ihr schweigend die Karte hin. „Liebe Mutter! Ich bin von einer furchtbaren Neuralgie geplagt. Schicke Bloomah, um den Fisch zu backen. Becky." Bloomah erblaßte; das war kaum weniger tragisch. „Die arme Becky", sagte ihre Mutter. „Es ist Zeit genug dazu, wenn die Schule vorüber ist", stotterte Bloomah. „Was," rief Frau Beckenstein, „dann wird ja der Fisch nicht mehr ordentlich kalt werden. O, ich merke es schon, Du denkst wieder an das rote Zeichen — ehe Du das verlieren möchtest, würdest Du es lieber sehen, daß Deine Schwester heißen Fisch äße? Geh' sofort zu ihr. Du unnatürliches Geschöpf, oder ich schlage Dir mit der Bratpfanne um die Ohren. Das wird Dir auch zu roten Zeichen verhelfen, ja, und auch zu blauen! Meine arme Becky hat mich niemals mit diesem elenden roten Banner angeödet und sie hat doch mehr als zweimal soviel gelernt wie Du." „Ach," sagte Bloomah übellaunisch, „sie kann ja noch nicht uml „Neuralgie" richtig buchstabieren-" „Wozu ist es denn nötig, ein solches Wort richtig buchstabieren zu können? Es ist schlimm genug, wenn man daran leidet. Warte mal, bis Du selbst kleine Kinder und Neuralgie hast, dann-werden wir ja sehen, wie Du es buchstabierst." „Sie kann noch nicht mal „geplagt" richtig schreiben", warf David ein. Seine Mutter wandte sich ihm gereizt zu. „Freilich, sie ist ja auch nicht bei den Meschummodim in die Schule gegangen." Bloomah ergriff plötzlich ihre Schultasche. „Wozu hast Du die Bücher notwendig? Die brauchst Du nicht, um Fisch zu backen." Frau Beckenstein entriß ihr die Tasche und schleuderte sie auf den Boden. Das Bleistiftkästchen fiel an der einen, der Fingerhut an der anderen Seite heraus. „Ich kann doch wenigstens für die Nachmittagsstunden in die Schule gehen — —" „Unsinn! Während Deine Schwester Schmerzen hat? Hast Du deun gar kein Gefühl? Laß mich Dein impertinentes Gesicht nicht vor Anbruch des Sabbats sehen." Bloomah schlich sich traurig davon. Gewohnheitsmäßig wandte sie ihre Schritte der schmutzigen Straße zu, in der das Schulhaus aus roten Ziegeln stand. Der Anblick des großen 275 --; , Gittertores und der hindurch eilenden Kinder machte sie tief ' seufzen. Einen Augenblick zögerte ihr Fuß. Die Versuchung, einzutreten, wurde allzu mächtig in ihr.! Aber es war doch nur für einen Augenblick. Sie selbst legte kaum Wert darauf, ob man heißen oder kalten gebackenen Fisch bekäme, aber daß Becky den Sabbat feiern sollte, ohne j Fisch dazu zu haben, das erschien ihren: kindlichen Geiste beinahe wie eine Gotteslästerung. Von den Tagen ihrer ersten Kindheit an war sie daran gewöhnt, daß, wenn der Ruhetag anbrach, gebackener Fisch ' gegessen wurde, er war sozusagen ein Bestandteil des Sabbats. Stets hatte die Mutter am Freitag Schollen und Zungen, oder, wenn das Geld knapp war, Stockfisch und Makrelen gebacken, und der Duft des gebackenen Fisches war für sie untrennbar mit dem Sabbatabend verknüpft. Seufzend wandte sie ihre Schritte und eilte sich, so sehr sie konnte, der Versuchung zu entgehen. „Bloomah, wohin geht Ihr?" riefen ihre Klassenkameradinnen ihr erschrocken nach. Aber Bloomah hörte nicht darauf, und glühend vor Aerger und Scham lief sie davon. Als gegen Mittag Beckys Fisch knusprig und schön hellbraun gebacken, mit Petersilie bestreut und verziert, auf der großen blauen Porzellanschüssel stand, um abzukühlen, erklärte Becky, vielleicht durch diesen angenehmen Anblick erheitert, daß es mit ihrer Neuralgie schon bedeutend besser ginge. Als es zwölf llhr schlug, entließ sie daher Bloomah gnädigst, und diese machte sich sofort auf den Weg zur Schule in der verzweifelten Hoffnung, wenigstens noch rechtzeitig zu den Nachmittagsstunden anzukommen. Der Londoner Himmel lag bleifarben über den mit Schmutz bedeckten Straßen, aber in ihrem Herzen glühte noch ein Hoffnungsfunken. Als sie die ihr so bekannte Straße erreichte, fiel es ihr auf, daß diese heute ein ganz besonderes Aussehen hatte. Die Leute standen in erregter Unterhaltung vor den Türen ihrer Häuser, als ob es da drinnen keine Sabbatmahlzeit zu bereiten gab; selbst mitten in der Straße standen lebhaft miteinander sprechende Gruppen. Je näher sie der Schule kam, um so dichter wurde die Menge, so daß sie kaum hindurch konnte. Vor dem eisernen Torweg der Schule aber -hatte sich ein dichter Menschenknäuel zusammengerottet, der heftig gestikulierend und durcheinander schreiend, den Eingang blockierte. Die arme Bloomah, die ganz atemlos, von dem raschen Laufen war, blieb erschrocken stehen; sie war dem Weinen nahe über ein so boshaftes Geschick und zerbrach sich vergebens den Kopf darüber, was denn wohl hier vorgegangen sein möge. Alles um sie weinte und wehklagte, die Frauen kreischten und rangen die Hände. . Der Volkshaufen bestand hauptsächlich aus Frauen, die erst kürzlich aus Rumänien und Rußland eingewandert waren, wie sehr leicht an ihren Perücken zu erkennen war, unter denen sie ihr Haar versteckten. Die vorn stehenden Weiber drängten gegen die Eisenstangen des verschlossenen Tores, schüttelten leidenschaftlich daran und schrieen wild durcheinander. Obgleich Bloomah — als Sprößling einer altenglischen Familie — nur wenig Jiddisch sprechen konnte, verstand sie, was die Frauen riefen: „Ihr Mörder!" „Gebt mir meine Rachel zurück!" „Sie töten unsere Töchter, wie Pharao dereinst unsere Söhne getötet hat."