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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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* 274 Da passierte etwas sehr Fatales; eines der Mädchen hatte am Ende der vorhergehenden Woche die Schule verlassen, weil sie eine andere besuchen sollte, kam jedoch am Donnerstag zurück und erklärte, daß ihre Eltern beschlossen hätten, daß sie doch in der alten Schule bleiben solle. Die ganze Klasse opponierte dagegen und rief: „Fräulein, nehmen Sie sie nicht an." Bloomah aber ries ihr heftig und im befehlenden Tone zu: „Geh^ fort, Sarah!" Die armen Kinder glaubten nämlich, daß man die Tage, in denen Sarah nicht erschienen, als Schulversäumnis anrechnen würde. Es erwies sich auch, daß sie recht hatten. Sarah reduzierte die roten Zeichen um sechs — das Banner war verloren. Indessen regte der Umstand, daß sie dem ersehnten Ziele so nahe gewesen, die Kinder dazu an, einen neuen Versuch zu machen. Wieder war es am Donnerstag, daß ihre Hoffnungen zerstört wurden. Dieses Mal war die allgemeine Enttäuschung fast noch grausamer, denn alle die schürzentragenden kleinen Schülerinnen, auch Bloomah, waren zur rechten Zeit aus ihrem Platze und hatten sämtlich ein rotes Zeichen bekommen. Da drang plötzlich Bloomahs Mutter in diese Gesellschaft von, kleinen Heiligen, und ohne Notiz von der Lehrerin zu nehmen, deutete sie dramatisch mit dem Finger auf ihre Tochter und rief: „Bloomah Beckenstein, komm nach Hause." Bloomahs Gesicht erglühte wie ein großes rotes Zeichen, während alle andern kleinen Mädchen erstaunt auf sie hin starrten. Tränen der Demütigung und bitteren Kummers tropften über die ihre Augen umgebenden dunklen Ringe aus ihre Wangen herab. Wenn sie gezwungen-wurde fortzugehen, ohne an dem Unterricht teilzunehmen, würde sie wegen Schulversäumnis ein schwarzes Zeichen erhalten. Die ganze Klasse war in Aufregung. „Faltet die Hände!" rief die Lehrerin in scharfem Tone, und die Mädchen nahmen alle die vorgeschriebene steife Haltung an. Bloomah folgte instinktiv dem Beispiele der anderen. „Bloomah Becken stein, willst Du mich zwingen, Dich au den Haaren von hier fortzuziehen?" „Frau Beckenstein,-Sie dürfen hier wirklich nicht in solcher Weise austreten", sagte die Lehrerin in höflicher Weise. „Sagen Sie das Bloomah", antwortete Frau Beckenstein unbeirrt. „Sie ist ohne weiteres von Hause sortgelaufen, um hierher zu kommen. Dabei ist zu Hause niemand, der nach dem Rechten sieht, denn wir sind alle wie zerschlagen, da wir die halbe Nacht aus einer Hochzeit getanzt haben und erst gegen vier Uhr bei strömendem Regen nach Hause gekommen sind. Wenn Sie sich überzeugen wollen, Fräulein, so gehen Sie nur mit nach Hause, da werden Sie sehen, daß Benjamin noch im Bette liegt: er hat es aufgegeben, heute zur Arbeit zu gehen. Er muß seinen Schlaf habender verdient wöchentlich drei Pfund Sterling, denn er ist Zuschneider bei S. Cohn, da kann er es sich, Gott sei Dank, leisten, mal eiüen Tag im Bette zu bleiben. Also voran, Bloomah Beckenstein! Was? Lehrt man Euch hier nicht, daß Ihr Vater und Mutter ehren sollt?" Die arme Bloomah stand auf, sie hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß Väter und Mütter ihre Kinder nicht in solch beschämende Lage bringen dürften. Mit hängendem Kopfe ging sie bis zur Türe und brach, sobald sich diese hinter ihr geschlossen, in leidenschaftliches Weinen aus. Kurz darauf brach Frau Beckenslein das Bein und müßte wochenlang liegen, ohne sich bewegen zu können. Damit waren alle Chancen zur Erlangung des Banners für lange Zeit vollständig vorbei. . Die Last der nun auf Bloomah liegenden Pflichten drückte schwer auf dem armen feinfühligen Kinde, daß es ordentlich -davon gebeugt zu sein schien und nachts von dem Klasfenbuche träumte, in dem hinter ihrem Namen ganze Reihen schwarzer Zeichen aufmarschierten; ihre Zahl wuchs und wuchs bis in die Unendlichkeit. Sie blätterte vergebens'Seite um Seite um, in der Hoffnung, ein rotes Zeichen hinter ihrem Namen zu entdecken, die kleinen schwarzen Striche aber wurden größer und größer. Plötzlich schienen sie Leben zu bekommen und sich in grauenhafte, mit spitzen Stacheln bewaffnete Insekten zu verwandeln, die alle aus sie zu krochen. Sie erwachte mit einem verzweifelten Angstschrei. Dann wieder träumte ihr, sie läge zitternd, in Angstschweiß gebadet, unfähig sich zu bewegen, von den Falten einer schwarzen Flagge umhüllt. Zu alledem kam noch, daß ein Beamter des Schulaufsichtsrates überall herumschnüffelte und seltsame Fragen stellte. Endlich aber kam doch die Zeit, wo es ihr möglich wurde, zu ihrer geliebten Schule zurückzukehren. Sie hatte sich darauf gefaßt gemacht, von allen Mitschülerinnen unfreundlich empfangen zu werden und atmete nun tief auf, daß dies nicht der Fall war. Gegensätze berühren sich, und ihre Abwesenheit hatte so lange gedauert, daß man sie bei ihrem endlichen Erscheinen freundlich willkommen hieß. Bloomah verdoppelte nun ihre Anstrengungen. Die Hoffnung, nun doch das rote Banner zu gewinnen, erfüllte jede Brust. Aber die anderen Klaffen waren nicht weniger eifrig. Besonders die fünfte Klasse, in deren unbestrittenem Besitze sich das Banner schon einen ganzen Monat entfaltete, verteidigte hartnäckig ihre Ansprüche darauf/ ihre sämtlichen Schülerinnen saßen regelmäßig und mit größter Pünktlichkeit auf ihren Plätzen. Dann plötzlich hatten die Preisbewerber mit einem neuen traurigen Faktor zu rechnen. Im Ostend brach eine Blatternepidemie aus, von der, wie es sich gerade traf, bald eine Schülerin aus dieser und dann aus jener Klasse befallen wurde. Rote Zeichen, schwarze Zeichen, Medaillen und Preise — es hing doch alles nur von Glück und Zufall ab. Der Stolz der fünften Klaffe wurde gedemütigt. Eine der Schülerinnen wurde von. der Epidemie ergriffen, zwei andere von den Eltern aus Furcht vor Ansteckung zurückgehalten. Die ganze Schule wurde von einer gewissen nervösen Unruhe erfaßt. Nur Bloomahs Klaffe, die den festen Entschluß gefaßt hatte, diesmal zu siegen, hielt sich tapfer und wankte nicht. Die Epidemie griff weiter um sich. Im Ghetto sprach man davon, in den kleinen Synagogen Bittgebete einzuführen. Während der Krisis, die durch die Epidemie verursacht wurde, hatten Bloomah und ihre Kameradinnen die besten Chancen, das Banner zu erringen. Sie legten Montag morgens los und waren so zu sagen „alle an Deck". Dienstag und Mittwoch vergingen, ohne daß das Klassenbuch durch ein schwarzes Zeichen verunziert wurde. Auch der Donnerstag, an dem früher sich öfter ein Unheil ereignete, verging ohne Mißgeschick, und wenn es nun nur gelang, glücklich durch den Freitag zu kommen, so war die Trophäe errungen. Der Freitag aber war der leichteste Tag von allen, denn in Erwartung des nahenden Sabbats wurde die Schule früher geschloffen. Die Kinder gingen nicht wie sonst um 12 Uhr nach Hause, um nachmittags wieder zu kommen. Es war nur eine kurze Mittagspause auf dem Spielplätze. Niemand durste nach Hause gehen, und wer daher morgens

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