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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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edler Ritterlichkeit, so gar nicht kennt und würdigt. Mehr als dies jedoch trennt sie eine tiese Kluft der Anschauung. Er steht allein, ohne Zusammenhang mit den Seinen; er gestaltet sich ein neues Leben und eine neue Zeit. „Was ist denn für mich die Familie," sagt er an einer Stelle, „doch nicht mehr als ein Haufen kleinlicher und bösartiger Menschen, die einen: tausend Knüppel zwischen die Füße werfen und sich dann einreden, sie wollten uns weiter helfen." Und von der Vergangenheit redend: „Aber endlich ist es doch eine Zeit, die wir hinter uns haben, und wir müßten uns freuen, sie hinter uns zu haben." Im Gegensätze dazu wurzelt Jettchen in der Familie und in der Vergangenheit. Nicht, daß sie jedes Mitglied der Verwandtschaft vergöttert, sie erkennt vielmehr nur zu deutlich die Schwächen, selbst die Verderbtheit der einzelnen, nicht daß sie alles und jedes, was vorüber ist, wiederherstellen und beleben möchte. Aber Familie und Vergangenheit sind die Wurzeln ihrer Kraft. Sie ist eine Gebert nicht bloß in äußerlichen Eigenschaften, sondern in ihrem Denken und Sinnen, sie gehört dem jüdischen Gefühlsleben, der Tradition an, wenn sie auch die einzelnen Vorschriften nicht übt und sich über Glaubensrneinungen nicht sehr den Kopf zerbricht. Gewiß geht sie in den Tod, in einem Konflikt der Liebe; aber ihr Leben ist verwirkt durch den Gegensatz der Anschauungen, der sie von dem Geliebten trennt. Der deutsche Jude, der eine Assimilation erträumt und für möglich hält, könnte diese herbe Lehre, die in dem Buche ausgesprochen wird, betrübend, trostlos nennen. Und doch muß er dem Dichter dankbar sein, der mit poetischer Kraft, mit historischem Sinn, in lebensvoller Anschaulichkeit ein solches Bild geschaffen und gestaltet hat. Späne non einer deutschen Werkstatt. Von Rektor Dr. K. Köhler in Cincinnati. 1. Das Fabeltier nTOPI der Mischna. r. Elias Fink will im März-Aprilheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums par koree das Fabeltier „das Erdenmännlein" in der Mischna (Kilajim V, 8) aus der Welt schaffen und ergeht sich in den verwegensten Seiltänzersprüngen, und frömmer als die frommen Erklärer von Jeruschalim zur Stelle an bis zu Simson von Sens, Jakob Levy und Levysohn, kann er nicht glauben, daß die Mischnalehrer ein solches Phantasiegeschöpf als wirklich existierend betrachten und behandeln konnten. Die Sünde gegen den heiligen Geist der Sprache, die er in seinen Textkonjunkturen am Jerusalemischen Talmud begeht, kommt für ihn bei solcher „Rettung" der Mischna nicht in Betracht. Nun will ich auf das fabelhafte „Erdenmännlein" der deutschen Sage, die mit dem Alraun, dem magischen Liebeskraut der Bibel, Dudaim, allerlei Wunderdinge verknüpft (Siehe zum Beispiel Simrock, Deutsche Mythologie S. 458) nur nebenbei Hinweisen, um Herrn Dr. Fink zu. zeigen, daß er mit seinem Hinweis auf Bertinoro und den Tanchuma zu Hiob V, 23 in eine Sackgasse geraten. Die Sache liegt einfach so: Die Mischna in Kilajim, die vom „Waldmenschen" oder Adone ha-Sadeh redet, hat einen Namen bewahrt, der uns im Masoratext zu Hiob V, 23 nur entstellt erhalten ist und den wohl, einer richtigen Tradition folgend, Raschi in seinem Kommentar mit Hinweis auf die Mischna in Kilajim so erklärt, als hätte er statt Atme ha Sadeh „Steine des Feldes" Adone ha Sadeh „Feldgeist" oder Erdenmännlein gelesen. Daß dies die einzig richtige Lesart in Hiob ist, ergibt sich aus dem Kontext. Mit Steinen braucht man keinen Bund zu schließen. Wohl aber gibt der Doppelsatz einen vortrefflichen Sinn: „Denn mit den Feldgeistern (Waldmännlein) bist du im Bunde. Und das Gewild des Feldes hat Frieden mit dir geschlossen." Nun aber lese man, was S. D. Curtiß in seinem interessanten Werk „Ursemitische Religion im Volksleben des heutigen Orients", deutsche Ausgabe 1903, S. 213, über die Versöhnung von den Djinnen (Geistern) durch Blut nach Doughty, dem Verfasser der Travels in Arabia veserla, schreibt: Der Tod, der zur Erntezeit in dem als Unglückslaud verschrieenen Boden die Ackerbauer befällt, wird seitens der Araber den Erddämonen, den Ahl al Ard „Erdleuten", zugeschrieben, daher sie das neugepflügte Land mit dem Blut eines Friedeusopfers besprengen. Hier ist Bibel- und Mischnatext klar beleuchtet. 2. Ein sonderbarer Segensspruch. „So einer einen Freund, der mehr als zwölf Monate abwesend war, wiedersieht, spricht er: Gesegnet sei der Herr, der die Toten wieder belebt." So lehrt R. Josua ben Levi (Berakot 58b), und alle Codices haben den Segensspruch ausgenommen, der im Gebetbuch auch seiue Stelle, gefunden hat. Eine Erklärung dieser eigentümlichen Vorschrift vermißt man. Hier ist die Lösung des Rätsels: Wer als tot geglaubt in die Heimat zurückkehrte, mußte nach Plutarch tzuaest. Romanae in Rom statt durch die Haustür durch eine dem Mutterleib ähnliche runde Dachöffnung ins Haus gelassen und in Griechenland wie ein Embryo im Mutterschoß in einen Zuber gebracht werden und allerlei Zeremonien der Geburt über sich ergehen lassen. Dasselbe geschah in Indien, Persien und Deutschland (siehe Liebrecht „Zur deutschen Volkskunde", S. 397 und siehe Gervasius, Otia Imperialia S. 170). Der obengenannte Verfasser der Semitischen Urreligion erzählt S. 200: „Wenn ein Pilger, Soldat oder Gefangener nach langer Abwesenheit heimkehrt, dann opfert man ein Schaf oder eine Ziege für den Heimkehrenden. Ehe er in die Haustür eintritt, stellt er sich mit gespreizten Beinen so hin, daß das Opfertier zwischen seinen Füßen liegen kann, und unmittelbar vor oder auf der Schwelle durchschneidet man dem Tier die Kehle; dann schreitet er über Opfer und Blut in das Haus hinein. Ist der Heimkehrende ein Christ, wird ihm mit dem Blut die Stirn in Kreuzesform bestrichen und Haus wie seine Gewänder vom Priester gesegnet." Er ist offenbar ein Neugeborener. Im selben Sinn also hat man jüdischerseits den Heimkehrenden als einen vom Tode Wiederauferstandenen begrüßt. — Wir pflegen im selben Geist von einem falschermaßen Totgemeldeten zu sagen: „Das bedeutet langes Leben." Ghetto-Komödien. Das rote Zeichen. Von I. Zangwill. II. ländlich kam einmal eine Woche, in der Bloomahs Familie sich überraschend ruhig und anspruchslos verhielt. Es sah beinahe so aus, als ob das Banner endlich wieder Einzug in die nüchterne Schulstube halten und alles durch seinen romantischen Schimmer erhellen wolle.

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