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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
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Die Hauptperson aber ist Jason Gebert. Man könnte diesen zweiten Teil des Romans recht wohl mit seinem Namen bezeichnen. Er ist der einzige, der sich wesentlich verändert, oder richtiger, der nun die wahren Seiten seines Wesens hervorkehrt. Er war immer ein geistreicher Skeptiker, empfänglich für alles Neue, wohlbeschlagen in dem Alten und voll inniger Vertrautheit damit. Während die übrigen Mitglieder der Gebertschen Familie Politisch und religiös in den alten Geleisen leben, wenig Nachdenken und zu einer selbständigen Meinung gar nicht kommen wollen, ist er religiös freisinnig, ohne dadurch sich dem Judentum zu entfremden, politisch radikal. Er hat den Befreiungskrieg mitgemacht, der für ihn ein Freiheitskrieg war, ist in die demagogischen Umtriebe verwickelt gewesen und hat einmal in der Hausvogtei gesessen. Zwar bleibt er königstreu, wie viele Preußen und — damals wenigstens — die meisten Berliner, er geht auf die Straßen, um sich den Trubel nach der Grundsteinlegung des Denkmals für den Alten Fritz anzusehen; er hat für den verstorbenen König Friedrich Wilhelm III. seine Art Familientrauer; der neuen Regierung sieht er aber mit besonderer Teilnahme entgegen, weil er dadurch einen kräftigen Liberalismus erhofft, die oft versprochene Verfassung ersehnt. Er ist. obgleich Kaufmann — es ist freilich nicht recht klar, worin seine Beschäftigung besteht; sicher ist nur, daß er während der Reise seines Bruders Salomon seine Vertretung übernimmt — ein hochgebildeter Mann. Für ihn ist das Theater nicht bloß eine Vergnügungs-, sondern eine wahre Bildungsstätte; er liest nicht ausschließlich Romane und Gedichte, wenn er auch für Heine schwärmt, selbst für dessen vielangeseindete Schrift über Börne. Er kennt die Schriften der Bettine von Arnim und die Briefe der Rahel, und begnügt sich nicht wie die anderen damit, von ihnen als Berliner Berühmtheiten zu reden; er vertieft sich mit gründlichem Verständnis und voller Billigung in Strauß^ Leben Jesu und besitzt und äußert ein reges Interesse an dem merkwürdigen literarischen Denkmal, das Th. Mündt einer Frau, der Charlotte Stieglitz, errichtete. Gerade dies Buch ist für unsere Geschichte von großer Bedeutung. Jettchen liest es und empfängt davon den tiefsten Eindruck. Man kann nicht sagen, daß durch diese Lektüre etwa der Gedanke in ihr aufkeimt, Selbstmord zu begehen. Zwar die Art, wie beide Frauen sich aus der Welt stehlen, ist genau dieselbe; aber der Fall beider ist ganz verschieden. Charlottens Hauptmotiv, mag sie auch Th. Mündts Leidenschaft nicht ganz gleichgültig betrachtet, vielleicht diesen männlich kräftigen Liebhaber ihrem unmännlichen Gatten gegenüber gelegentlich begünstigt haben, war doch das Verlangen, ihren indolenten Gemahl aufzurütteln durch einen großen Schmerz; der Grund, aus dem Henriette zur Waffe greift, ist die Ueberzeugung, daß sie Kößling, dem sie einmal die größte Gunst geschenkt, nicht mehr liebt, daß sie mit Herz und Sinnen Jason angehört, und daß sie ihm, dessen Leidenschaft ihr nicht fremd ist, nicht angehören kann. Das treibt sie in den Tod. Ihr rührender Abschiedsbrief an Kößling, hauptsächlich das Bekenntnis ihrer Liebe zu Jason, bezeugt dies; wie Jasons Glut und Begehren, seit den Kindheitstagen des Mädchens vorhanden und im Laufe der Jahre zu immer größerer Stärke angefacht, in mancherlei Selbstgesprächen und Reden, in den sehr schönen Versen bekundet wird, die er ihr in das Buch über Charlotte Stieglitz schreibt. Es ist nicht etwa das komisch wirkende, etwas lächerliche Aufflackern eines Alten für ein junges Mädchen, sondern es ist die große Leidenschaft, die erste wahrhafte Liebe eines älteren Mannes, der bisher die Frauen nur als nötige, aber verächtliche Freudenbringerinnen betrachtet, zu einem schönen Weibe. Neben den Personen, die in dem Buche vorgeführt werden, wird die Natur und die Zeit geschildert. Der Verfasser unseres Werkes gehört zu den Modernen, die viel reden lassen und wenig selbst schildern. Tut er dies aber, so weiß er die größten Wirkungen hervorzubringen. Ein Meisterstück des ersten Bandes war die Darstellung des Sommerlebens im Charlottenburger Schloßpark; ihr stellen sich im zweiten würdig zur Seite die Beschreibung des Winterbeginns, des starren Frostes, des Tauwetters in Berlin, des Sommerabschieds und des Herbstanfangs in Potsdam. Das sind unvergängliche Stellen, von starkem Realismus erfüllt und doch so duftig, so vom Zauber der Phantasie umwoben, die Worte von solchem Wohllaut, daß man sie nicht genug bewundern kann. Und dann die Zeit: es ist eine kurze Epoche, die wir durchschreiten: das letzte Jahr Friedrich Wilhelm HL, die Anfänge Friedrich Wilhelm IV. Man würde einem Roman ein sehr schlechtes Kompliment machen, wenn man ihn ein politisches Lehrbuch oder ein geschichtliches Handbuch nennen wollte; aber es ist ein wirkliches Lob für ein Dichtwerk, wenn man es nebenher als ein vollkommenes politisches Stimmungsbild bezeichnet. Die Ruhe, fast die Stagnation in den letzten Zeiten des alten Königs, die Gärung, die großen Hoffnungen, in die sich doch die Notwendigkeit einer stillen Resignation über die Nichterfüllung der Wünsche mischt, sind vorzüglich geschildert. Geringeres Lob muß man der literarischen Charakteristik zollen: es werden zwar, wie schon bei Jason gezeigt ist, gar manche Bücher genannt; es wird von Dramen geredet, die damals Aussehen erregten, z. B. einem von Gutzkow; Lokalblätter jener Zeit werden charakterisiert, aber eine wirkliche Anschauung des literarischen Treibens jener Zeit erlangt man nicht. Indessen möchte ich dies nicht als eine:: Fehler des Werkes bezeichnen; denn da die Kreise, in denen der Roman spielt, durchaus unliterarische sind, so lag die Notwendigkeit nicht vor, ein breitausgeführtes Gemälde . der geistigen Strömungen jener Tage zu geben. In Summa: ein erquickliches, geistreiches, gemütvolles trefflich erfundenes, gut erzähltes Buch. Wollte ich etwas tadeln, so wäre es nur die häufige Anführung des banalen Satzes: „Und alles kam, wie es kommen mußte." Denn abgesehen davon, daß solche Wiederholungen höchst ermüdend sind, könnte man dem Autor bei diesem Spiel der Phantasie entgegnen, daß es doch nur so kommt, nicht wie es muß, sondern wie er es zu gestalten für gut findet. Die Leser, die den Auseinandersetzungen bisher gefolgt sind, werden vielleicht fragen." passen diese in ein jüdisches Blatt? Sind auch alle Personen, mit Ausnahme einer einzigen, jüdischen Glaubens, so sind die Vorgänge allgemein menschlich, seines subtiles Seelenleben. Und doch darf man den Roman als einen jüdischen ansprechen. Gewiß, der tiefe Konflikt im Leben der Heldin besteht darin: Sie hat die Liebe zu dem Jüngeren ausgegeben, gehört mit ihrer Seele dem Aelteren und kann, da sie jenem mit ihrem Körper augehört hat, nicht weiter leben. Das ist allgemein menschlich, und doch spielt das Jüdische nicht nur hinein, sondern bildet eigentlich die Hauptsache. Denn woher entstammt die in nere Trennung Henriettens von Kößling? Sie besteht, wenn man es mit hochtrabenden Worten bezeichnen will: in der Erkenntnis von der Verschiedenheit des Judentums vom Germanentums. Man könnte ja fagen: dieses praktische, ein wenig äußerliche, die reelle Tätigkeit ausschließlich oder vorzugsweise schätzende Mädchen weiß mit dem Träumer, dem Idealisten, dem Spintisierer nichts Rechtes anzufangen, sie, die Verwöhnte, Verhätschelte ist verletzt, daß Jener die ersten Gebote der Galanterie, die zarten Pflichten

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