Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228822--64577-3276647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
*•**-■'- - '--7 - ~ .-"Y* V' : —— 271 - zu müssen. Diese.Antwort geben wir aber auch den Hyperorthodoxen, die glauben, aus Gewissensrücksichten nach einer völligen Trennung streben zu müssen. Weniger Fanatismus und mehr'Verständnis, weniger starre Prinzipienreiterei und mehr Liebe und Einsicht! Das möchten wir den extremen Kämpfern zurufen. Es ist höchste Zeit, zu mahnen, daß wir wegen der Differenzen die Einheit Israels nicht vergessen. Es ist höchste Zeit, an die Ideale zu denken, die uns in heiliger Gemeinschaft verbinden. Nicht die Kluft zu erweitern, sondern einen Weg zum Frieden zu bahnen, ist die Aufgabe der Führer in Israel. Wir bedürfen, wie keine andere Gemeinschaft, der Einigkeit, denn unsere Zukunft ist bedroht. Ein Unparteiischer. Georg Hermann: Henriette Jaroby.' Von Professor Ludwig Geiger. ls ich die Geschichte von Jettchen Gebert in diesen Blätterns besprach, wußte ich wohl nach einer Andeutung am Schluffe des Buches, daß eine Fortsetzung folgen würde. Eine solche Aussicht erregte mir und gewiß vielen Lesern großes Bedenken. Zunächst bedeutet es für jeden Autor eine Gefahr, einen schon einmal behandelten Stoff nochmals vorzunehmen — man denke nur an den größten: Goethe, mit seinem „Wilhelm Meister", oder, will man einen jüdischen Autor wühlen, Berthold Auerbach, mit seiner völlig mißlungenen Fortsetzung der Dorfgeschichten. Sodann war die Gefahr in diesem Falle um so größer, als der Autor sich durch die Andeutung des Ausgangs, des nach kaum einem Jahr erfolgten Todes der Heldin, gebunden hatte. Sagen wir es gleich: der Dichter hat die Gefahr siegreich überwunden. War der erste Band ein interessantes, belehrendes, unterhaltendes Buch, so bedeutet der zweite, der alle diese Eigenschaften besitzt, einen großen Fortschritt; er ist ein bedeutendes Kunstwerk. Für die Leser, die sich der Besprechung oder des Buches nicht mehr erinnern, sei kurz Folgendes bemerkt: Jettchen Gebert, einer anständigen, nicht gerade vornehmen und gewiß nicht erstklassigen jüdischen Berliner Familie entsprossen, soll nach dem Wunsche ihres Onkels Salomon, in dessen Hause sie lebt, den unangenehmen, ungebildeten Julius (Joel) Jacoby aus Bentschen heiraten, entflieht aber nach Beendigung des Hochzeits mahls. Damit beginnt der zweite Teil. Die Flucht, so mußte man annehmen, sollte sie zu dem christlichen Literaten Fritz Kößling führen, den sie liebt. In Wirklichkeit wird sie von ihrem Onkel Jason, der sich gleichfalls früh von der Hochzeit entfernt hatte, auf der Sfraße ausgefunden und in seine Wohnung gebracht. Dort lebt sie eine Zeitlang, bis die Familie sich an den Gedanken der Scheidung gewöhnt, zu welcher der Ehemann durch unsittliches Treiben und unglückliche Spekulationen manche Handhabe bietet. Dann, nachdem ihre Gefühle für Kößling sich abgekühlt, weil und nachdem sie erkannt hat, daß ihre wahre Liebe dem Onkel Jason gehört, der sie von Kindheit an schwärmerisch geliebt hat, zieht sie zu dem alten Paare: Eli und Minchen. Nach dem Tode dieser beiden Alten bezieht sie eine Sommerwohnung in Potsdam, "gibt sich Kößling eine Nacht hin und tötet sich. h Roman. Auch bezeichnet als „Jettchen Geberts Geschichte". Zweiter Band. Berlin, Egon Fleischel & Comp. 1908. 2) Allgemeine Zeitung des Judentums' 1906. Seite 585—587. Wer eine vielverschlungene Erzählung liebt, kommt, wie man aus'dieser kurzen Darlegung sieht, nicht auf seine Kosten. Die Leser des ersten Bandes werden in diesem zweiten mit keiner neuen Figur bekannt gemacht; es ist eine hohe Kunst des Dichters, daß er genau mit den nämlichen Personen operiert, selbst ohne ihnen neue Charakterzüge hinzuzufügen. Aber eben die Zeichnung dieser Personen war von einer so außerordentlichen Naturtreue, zeugte von einem so liebevollen Versenken in die Gewohnheiten, das Tun, die Redeweise der Menschen, daß man sie alle liebgewonnen hat trotz ihrer Schwächen. Denn Schwächen haben sie, die von Muftermenschen absolut entfernt sind. Diese sollen im zweiten Band nicht entfernt, die Menschen nicht idealisiert werden, und doch treten bei den einzelnen die. Vorzüge neben den Fehlern etwas mehr hervor. Salomon und Riekchen bleiben zwar das kleinbürgerliche, allem Geistigen, Idealen fremde Paar, für die es nur Geschäft, gute Küche und — Familienehre gibt, aber schüchterne Herzenstöne werden laut und ein Sonnenstrahl huscht über sie, nicht nur bei Salomons Erkenntnis, daß er durch seine Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit Jettchens mißliche Lage mitverschuldet, bei seinen würdevollen Anstrengungen, die peinliche Angelegenheit nobel zu erledigen, sondern auch bei der Reise beider nach Karlsbad, der ein Ausflug nach der Schweiz folgen soll, der diesen verknöcherten Philistern etwas von der Romantik junger Hochzeitsreisender einhaucht und der guten Frau Riekchen ihre Verwandlung des Rigi in einen Ridji nicht mit Verachtung, sondern höchstens mit einem Lächeln straft. Auch die anderen Mitglieder der Familie Gebert erscheinen von etwas umwebt, das wie ein Strahlenkranz aussieht. Zwar zanken sich die Alten Eli und Minchen, wie während des halben Jahrhunderts ihrer Ehe bis zuletzt; einer sucht nur immer die Schrullen des andern zu erkennen; doch neben allen diesen Sonderbarkeiten tritt die Zärtlichkeit des Gefühls, das sie füreinander hegen,, und ihre Herzensgüte hervor; diese bekundet sich darin, daß sie früher und mutiger als andere auf Jettchens Seite treten, und daß sie diese Parteinahme durch Ernennung der Alleinstehenden zur. Erbin ihres Vermögens betätigen. Jene zeigt sich darin, daß sie beide, die sich stichelten und hänselten, vor Dritten aus einander spöttelten, doch so untrennbar verbunden sind, daß die Alte dem Lebensgefährten bald nachstirbt, voll Sehnsucht, auch im Tode miteinander vereint zu sein. Auch in Ferdinand und Hannchen, dem dritten Gebertschen Paar, zeigt sich ein anmutender Zug. Zwar bleibt die Herzensroheit, die Putzsucht und Genußlust der Frau, bestehen, die sich alles Gute gönnt, überall einen guten Bissen nimmt, aber nie daran denkt, ihn wiederzugeben, ebenso die Großsprecherei und die frivole Lebensführung des Mannes, die um so abstoßender wirkt, als er aus den Jahren heraus ist, die solches Gebaren entschuldbar machen — und doch werden sie durch das Glück verklärt, durch den Schmerz geläutert. Das Glück erscheint ihnen in dem Kommissionsrat - Titel, den Ferdinand infolge seiner geschäftlichen Beziehungen zum Hose erhält — ein Titel, der zuerst einigen besonders familienstolzen Mitgliedern der Sippschaft als eine Beleidigung und Verhöhnung dünkt, bis er allmählich als eine neue Vergoldung des Familienschildes aufgefaßt wird —; der Schmerz durch ein sehr trauriges Ereignis,'den Tod eines jugendlichen Sohnes. Für die Mutter war es zwar mehr ein Grund zu lauter affektierter Klage, für den Vater das tiefbohrende Gefühl der Unruhe und des Wehs, feinen Namen und seine Arbeit nicht aus den Erzeugten zu vererben, — aber beide fühlten die Folge der Leere im Hause und des schweren Verlustes in einer Arh> innerer Reinigung und Erhebung.