Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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verständlichste müsse immer wieder betont.werden, weil es gar zu leicht in Vergessenheit gerate." Vor einigen Tagen begab sich eine Deputation orthodoxer Herren zum Ministerialdirektor für den Unterricht in den Mittelschulen Bayerns, um über ihre Gewissensnot zu klagen. Natürlich geschah es auf die Anregung und unter Leitung der orthodoxen Kraftzentrale in Frankfurt a. M. Die Herren beschwerten sich, daß der jüdische Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen, der in Bayern obligatorisch ist, für sie einen Gewissenszwang bedeute, weil er ihrer Auffassung vom Judentum nicht entspreche. Was ist diesem Ereignis vorangegangen? Was hat diese Herren plötzlich innerlich so erschüttert? Hat irgendwo in Bayern ein Religionslehrer im Unterricht an den Grundprinzipien des Judentums gerüttelt? Nein, uns ist kein konkreter Fall bekannt, der gerechten Anlaß zur Klage bieten könnte. Aber Herr Dr. Freudenthal- Nürnberg hat in der liberalen Rabbinerversammlung in Berlin die These ausgestellt, daß die feststehenden Resultate der Wissenschaft im Religionsunterricht verwertet werden sollen, und da ist natürlich das Judentum in Gefahr. Wir gestehen, wir halten die Forderung Freudenthals für zu weit gehend und pädagogisch undurchführbar. Man kann die Resultate wissenschaftlicher Forschung wohl Studenten und Rabbinatskandidaten, aber nicht Schülern der Mittelschule ohne Gefahr der Verwirrung verkünden. Der Religionsunterricht bedarf der Sicherheit und der Geschlossenheit und er kann nicht den Hypothesen mancher Forscher nachgehen. Aber Herr Dr. Freudenthal hat gar keinen Einfluß auf den Religionsunterricht in Bayern, und die ganze Sache ist bloß Theorie. Die Religionslehrer der Mittelschulen unterstehen in Bayern dem Kultusministerium und nicht den jüdischen Gemeinden. Die Schulverwaltung stellt sie an auf Grund ihrer Qualifikation, ohne die Möglichkeit zu haben, ihre religiöse Schattierung zu untersuchen. Man kann unmöglich von der Regierung verlangen, daß sie sich in diesen Streit der Meinungen einläßt oder gar, daß sie jeden Religionslehrer von der Frankfurter Orthodoxie erst begutachten läßt. Man macht also die Regierung mit solchen Klagen nur kopfscheu, ohne den Weg zur Besserung ebnen zu können. Diese Herren sprechen so oft von Chilul-Haschem, wir können uns aber keinen größeren Chilul-Haschem denken, als wenn Juden jüdische Religionslehrer bei den Behörden als nichtreligiös verdächtigen. Was für ein Bild muß die Regierung von den religiösen und ethischen Bestrebungen der Juden gewinnen, wenn Anhänger des Judentums die jüdischen Lehrer und die jüdische Majorität so gering einschätzen! Die Herren der Deputation rühmen sich, daß der Ministerialdirektor sie freundlich angehört und sie seiner Sympathie versichert hat. Das ist leicht begreiflich. Die heutige klerikale Regierung in Bayern reagiert gern auf den Ton der Frömmigkeit. Man fürchtet im heutigen offiziellen Bayern nichts so sehr als den Modernismus, und man braucht nur die Sache so hinzustellen, als wären die liberalen Juden Modernisten und die orthodoxen die eigentlichen Schützer der religiösen Traditionen Altisraels, dann hat man die Regierung für sich. Daß diese Bezeichnungen durchaus falsch sind und auf die jüdischen Verhältnisse nicht Passen, das kann ein bayerischer Ministerialdirektor nicht wissen. Aber welchen Erfolg glauben die orthodoxen Herren damit erzielt zu haben? Das Ministerium kann keine auserlesenen orthodoxen Religionslehrer anstellen. Es hat auch nicht die Möglichkeit, zweierlei Religionslehrer für beide Parteien zu besolden. Das Einzige also, was erreicht werden kann, ist die Abschaffung des obligatorischen Religionsunterrichts. Wäre das wirklich ein Gewinn? Nein, das wäre der schwerste Schlag, der die Judenheit Bayerns treffen könnte. Die Folgen sind sehr leicht auszumalen. Dre orthodoxen Eltern würden dann ihren Kindern einen privaten Unterricht angedeihen lassen, voll den anderen aber würden wohl 75 Prozent ihre Kinder ganz ohne Religionsunterricht aufwachsen lassen. Wer es weiß, daß die Unwissenheit in jüdischen Dingen die Mutter des Jndifferentismus ist, der wird wohl begreifen, was das heißt, jüdische Kinder ohne jeglichen Religionsunterricht zu lassen. Da wäre die feige Taufe gar nicht mehr nötig, da hätten wir das Halbrenegatentum gleich von vornherein, ohne jede äußere Operation. Dieses Halbrenegatentum aber ist schlimlner als die Taufe, weil es wie eine böse Krankheit weiter wuchert und die jüdische Kraft langsam verzehrt. Abgestorbene Glieder mit sich zu schleppen ist schlimmer als entfernte Körperteile. Kann jemand, der jüdisch denkt und.fühlt, zu solchen Bestrebungen seine Hand bieten? Kann er die langsame Alrflösung des Judentums wünschen, um liur ein starkes, nicht einmal jüdisches Prinzip durchzuführen? Die Orthodoxen sollten nicht vergessen, daß sie nicht nur Orthodoxe, sondern auch Juden sind. Sie sollten nicht vergessen, daß sie Mitglieder der großen jüdischen Gemeinschaft silld und auch solchen gegenüber, die anders derlken, heilige Pstichten habell. Sie sollten all das Mahnwort Mordechais denken: „Glaube nicht, daß Du beim Untergange des Judentums selbst gerettet werden könntest!" Nein, eine Schwächung des Judentums mag für den Augenblick einen Sieg der Orthodoxie bedellten, aber es wäre ein trallriger Sieg, denn mit der Judenheit würde schließlich auch die Orthodoxie aufhören. Es tut not, diesen Führern der Orthodoxie zuzurufen: Ihr Führer, seit vorsichtig mit Euern Worten! Die Gefahr ist noch dadurch größer, daß die liberalen Juden ill Bayern ganz indifferent silld und gar nicht begreifen, von welcher Tragweite dieser Schritt ist. Da ist ein Erfolg der Orthodoxie nicht schwer, aber — dieser Erfolg wäre wahrlich kein Triumph des Judentums. Es ist höchste Zeit, aus Mittel zu denken, um diese drohende Gefahr abzuwendeu. Die orthodoxen Herren müffen zur Einsicht gebracht werden, daß das, was sie erstreben, verhängnisvoll für die Gesamtheit werden muß. Ist das auf friedlichem Wege ilicht möglich, dann muß die Vertretung der Majorität, lvie uilerfreillich auch dieses Schauspiel ist, bei der Regierung vorstellig werden und ihr den wahren Sachverhalt schildern. Unsere Orthodoxie operiert so gern mit dem Begriffe Gewissenszwang, und wenn man diese Herren sprechen hört, möchte man glauben, sie feien die konsequentesten Vertreter der Gewissensfreiheit. Wir lnöchten hier llicht untersuchen, ob sie, wenn sie die Macht dazu hättell, nicht gern wieder den Bann einführen würden. Aber — ist nicht im Grunde in jedem geordneten Staate, in jeder kulturellen Gesellschaft vieles Gewissenszwang? Ist nicht der Schulzwallg der Militärdienst, die Steuerleistung, die Unterordnullg unter Gesetzen, die man nicht alle gerecht findet, im Grunde Gewissenszwang? Eine Gewissensfreiheit, bis zur äußersten Konsequenz ausgedacht, muß zu einem radikalen Anarchismus führen, weil sie sonst nicht durchführbar ist. Läßt rnau sich den Gewissenszwang des Staates in Rücksicht anf die Gemeinschaft gern gefallen, so sehen wir llicht ein, waruill man sich nicht auch den Gewissenszwang der jüdischen Geilleinde gefallen lassen soll. Man hat nicht nur Pflichten gegen den Staat, dessen Schutz man genießt, sondern auch gegen die Gemeinschaft, in der man geboren ist und mit der man durch heilige Bande verbunden ist. Diese Antwort gaben wir stets solchen Männern, die sich einbildeten, als Freidenker die jüdische Gemeinschaft verlassen