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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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Wer die Wege des Fanatismus wandeltder muß nicht nur mit der Gerechtigkeit, sondern auch mit der Logik in Konflikt geraten. Unsere extreme Orthodoxie scheint sich, selber nicht ^bewußt zu sein, wie inkonsequent sie im Grunde ist. Sie behauptet, daß die Kluft zwischen ihr und den Neformfreunden unüberbrückbar sei und — sucht doch, diese Juden in ihren internsten Angelegenheiten zu stören und ihren Einfluß auch da geltend zu machen, wo sie alles für verloren hält. Nun ist die erste Prämisse glücklicherweise falsch. Man kenntin der jüdischen Geschichte Richtungen, die mehr miteinander differierten als die heutigen Strömungen, und die sich dennoch im Laufe der Zeit miteinander ausgesöhnt haben. Das Leben ist stärker als die Theorie, und die Entwicklung des jüdischen Lebens drängt mit aller Kraft zu einer Verständigung aller Richtungen, wenigstens in den wichtigsten Fragen der Gesamtheit. Nur solche Sekten, die mit einer äußeren Macht ausgestattet und vom sozialen Leben begünstigt sind, vermögen sich lange in ihrer Geschlossenheit und Starrheit zu erhalten. Heute, im modernen Zeitalter, wo alles fließt, siud auch die Festungen der religiösen Richtungen nicht unbezwingbar. Tatsächlich haben Orthodoxie und Reform nie streng geschlossene Einheiten gebildet, und sie tun es heute noch weniger. Es gibt in beiden Richtungen viele Unterströmungen und Nuancen, und es mangelt daher au Berührungspunkten nicht. Wo der Fanatismus, keine Scheidewand errichtet, da führen so viele Wege von einem Lager zum anderen, und die Begriffe fließen so sehr ineinander, daß man nicht weiß, wo die Orthodoxie aufhört und wo die Reform anfängt. Wir kennen viele Gemeinden in Deutschland, die in Verlegenheit geraten würden, wenn sie sich mit einer bestimmten Partei-Etikette versehen müßten. Sie haben in ihren Einrichtungen Altes und Neues miteinander verschmolzen und sind unbewußt von der starren Orthodoxie abgerückt, ohne zu einer eigentlichen wirklichen Reform zu gelangen. So liegen in Wirklichkeit die Verhältnisse für den. dessen Blick von Einseitigkeit nicht getrübt ist. Allein — wäre die Prämisse von der tiefen Kluft richtig, dann könnte die Konklusion nur lauten: „Wir Orthodoxe gehen unsere Wege und. überlassen die Gegner ihrem Schicksal, ohne uns um sie zu bekümmern; was sie tun und lassen, geht uns nichts an." Auf der einen Seite aber jede religiöse Gemeinschaft mit den anderen Inden zu verneinen und auf der anderen Seite sie zu stören und mit allen Mitteln zu bekämpfen, das ist unlogisch und ungerecht. Und leider geschieht diese Störung nicht nur durch bittere Worte, sondern auch durch unglückliche Taten. Das ist das Traurigste dabei. Wir haben in Bayern seit einigen Wochen glücklicherweise den Frieden zwischen beiden Richtungen, und jeder gerecht urteilende Mann wird zugeben müssen, daß die Gemeinden München und Nürnberg in ihrem Entgegenkommen gegen die Orthodoxie bis an die von den realen Verhältnissen und den Gesetzen gestellte äußerste Grenze gingen. Das Abkommen ist nicht für alle Ewigkeiten getroffen, und es ließe sich daher auch nichts dagegen sagen, wenn die Orthodoxen in loyaler Weise auf die Revision der in gar mancher Hinsicht veralteten Jndenedikte hinarbeiten würden. Wer die Verhältnisse kennt, wußte auch, daß dieser Frieden nicht von gar zu langer Dauer sein wird. Es war aber doch kein übertriebener Optimismus, wenn wir annahmen, daß wenigstens für die nächsten Jahre der Friede gesichert und ein leidliches Verhältnis zwischen den Parteien hergestellt ist. Und — auch diese bescheidene Erwartung ging nicht in Erfüllung, denn wir stehen schon heute wieder mitten im Kriege. Die Streitaxt brauchte gär nicht erst wieder ausgegraben zu werden, denn unsere Orthodoxen haben sie vorsichtigerweise gar nicht vergraben, sie trugen sie nur auf dem Rücken. Und sie legen diese Axt gleich an die Wurzel an — an den Religionsunterricht. Man sollte es nicht für möglich halten, und es ist doch wahr, unsere Orthodoxie in Bayern will nichts Geringeres, als die Beseitigung des obligatorischen Religionsunterrichts in den Mittelschulen. Ihre Wünsche begegnen sich hier merkwürdigerweise mit denen der äußersten Demokratie, und daher bilden sie sich ein, Demokraten zu sein und die Fahne der Freiheit der Menschheit voranzutragen. Ja, sie wären auch gern für die weitere Konsequenz dieses Gedankens zu haben, für die gänzliche Trennung von Staat und Kirche, — wenigstens überall da, wo sie sich in der Minorität befinden und zu einer Machtentfaltung nicht gelangen können. Den modernen Menschen mutet es manchmal komisch an, wenn diese Orthodoxen, die einem das Judentum absprechen, wenn er am Sabbat das Taschentuch nicht in eine Manschette verwandelt, sich als die Träger des wahren Liberalismus gerieren. Sie scheinen nicht zu wissen, daß der Liberalismus mit dem Prinzip der Entwicklung steht und fällt lind daß er überall die Kritik an Stelle der Tradition setzt. Orthodoxie und Liberalismus sind zwei innere Gegensätze, die nur durch, durch äußere Konzessionen und diplomatische Spitzfindigkeiten miteinander zu vereinigen sind. Der konsequente Orthodoxe ist durch irnd durch konservativ, denn er verehrt das geschichtlich Gewordene ohne Rücksicht auf die Entwicklung der Zeit, und er stellt die Autorität höher als di'e Dernnnft. Die Orthodoxie hat mit dem Liberalismus nur die eine Forderung der Trennung von Staat und Kirche gemein, und wenn man an einem Punkte mit jemand zusammen trifft, so ist man darum noch nicht sein Gesinnungsgenosse. Und auch dieseeinzigeForderung entspringt bei beiden ganz anderen Motiven. Die liberale Weltanschauung fordert die gänzliche Freiheit der Religion als individuelle Angelegenheit des Menschen, als. ausschließliches Gebiet des subjektiven Gemütslebens. Sie will keine Einengung des Staates, um die Freiheit des Glaubens und des Unglaubens zu schützen. Die Orthodoxie verwirft nur deswegen die öffentliche Kontrolle und den staatlichen Zwang, weil der moderne Staat ihr zu frei und ' zu wenig dogmatisch ist. Deswegen kann die orthodoxe Ueberzeugung gewiß ihre Berechtigung haben, und wir würden nie einem Gewissenszwang in irgend einer Form das Wort reden. Nur soll man ein altes Gebäude, das sehr schön sein kann, nicht durch eine falsche stilwidrige Fassade und durch einen fremden Namen als durchaus neues ausgeben wollen. Und dann soll man nie vergessen, daß die Gewissensfreiheit da aushört, wo die Freiheit des anderen anfängt. Man darf für sich die weitgehendste Freiheit in Anspruch nehmen, man darf aber nicht dem anderen das Leben verkümmern. Man darf wohl auf seinem eigenen Grund und Boden sehr tief graben, um Edelmetalle zu suchen. Man darf aber dadurch nicht den Boden, auf dem der Nachbar steht, erschüttern und sein Leben gefährden. Die Berechtigung der orthodoxen Bestrebungen hört da auf, wo sie das religiöse Leben der Gesamtheit bedrohen. Man sollte meinen, daß diese säst trivialen Gedanken für gebildete Menschen im zwanzigsten Jahrhundert und namentlich für solche, die ihre Kräfte opferfreudig in den Dienst des Judentums stellen, selbstverständlich sind. Und doch wären wir sehr glücklich, wenn wir schon so weit wären, und wenn das Evangelium der Toleranz nicht nur gepredigt, sondern auch beherzigt würde. Nein, auch das Selbstverständlichste ist noch nicht Gemeingut aller geworden, vielleicht das Selbstverständlichste am wenigsten. Wie sagt doch der alte Philosoph Mose Hajjim Luzzato: „Gerade das Bekannteste und Selbst-

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