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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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Nur unter diesem Gesichtspunkt der Entwicklung werden wir zum richtigen Verständnis des Unterschieds gelangen zwischen dem Judentum in seiner äußeren Erscheinung auf seinen verschiedenen Entwicklungsstadien und dem Judentum nach seinem innern Wesen, nach seiner innern Idee. Man bilde sich aber auf keinen Fall ein, daß man durch die affyriologischen Funde der Neuzeit die israelitische Religion ins Herz getroffen habe. Schülerhafter und kindischer kann wahrlich das Wesen und die Idee des Judentums nicht aufgefaßt werden, als wenn inan die buntscheckigsten Lappen der Keilinschriften-Literatur zusammenflickt und sie als Judentum präsentiert! Die Ergebnisse der Assyriolögie bestätigen nur das, was wir niemals bestritten haben und auch jetzt nicht bestreiten, daß die jüdische Religion auf dem Boden des semitischen Heidentums gewachsen ist, und eine Hauptaufgabe der alttestamentlichen Theologie wird es nunmehr sein, die Berührungspunkte zwischen Jsraelitismus und Semitismus darzustellen und abzuwägen. Aber dieses semitische Heidentum galt der israelitischen Religion nur als der Dünger, währenddie Kraft eines neuen, ihr allein eigenen Prinzips die Frucht ist, die noch jetzt die ganze zivilisierte Welt nährt. Wir dürfen uns also auf keinen Fall der Erwägung verschließen, daß es sich in der israelitischen Religion um die religiöse Entwicklung von mehr als einem Jahrtausend handelt. Im Alten Testament handelt es sich um das Wirken Moses und der Propheten, um den Glauben, die Sitten und die kultischen Institutionen eines Volks, dem zunächst nur die mit dem Willen seines Gottes sich deckende Volkssitte und die im Orakel der Priester, Seher und Propheten vernommene Gottesstimme Autoritäten sind, während sich eine heilige Schrift erst im Verlauf, ein Lehrstand erst gegen Ende seiner Geschichte sich bildete. Und doch hat sich in der bunten Fülle Änes solchen Lebens, das noch dazu durch einen lebhaften und komplizierten Umbildungsprozeß hindurchgegangen ist, ein göttlicher Geist kristallisiert, und doch hat der ganze religiöse und ethische Inhalt des Neuen Testaments die entsprechenden jüdischen Gedanken zur Voraussetzung und wird von diesem aus erst völlig verständlich. Hinter dem Gedanken des Neuen Testaments erblickt der Kundige überall die Gedankenwelt des zeitgenössischen Judentums. \ Daher werden uns die neuesten Ergebnisse der Assyriologie, aus der man manche Berührungspunkte zwischen Jsraelitismus' und Semitismus herausschnüffelt, durchaus nicht abschrecken. Es soll der Bekenner des Judentums durch diese Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugen, daß seine von den Vätern ererbte Religion zwar nicht dem Wesen und der Idee, aber der äußeren Erscheinung nach einen Entwicklungsgang fordert, daß das Judentum der Gegenwart nicht mehr dasselbe Gewand seiner Vorzeit trägt, und daß sich das jetzige auch für die Zukunft ändern wird. Diese Ueberzeugung möge ihn zum Unterscheiden führen zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Schule und Kern. Sie möge ihn aber auch ferner lehren, daß seine Religion nicht an Altersschwäche gestorben sei und begraben werden müsse, sondern daß sie in voller Lebenskraft sich befindet, daß sie wegen ibrer Selbsterhaltung sich zwar manchmal in ein Leichengewand hüllen mußte, um in dieser äußeren Erstarrung den innern Lebenskeim gegen die heftigen Stürme der Weltgeschichte desto sicherer schützen zu können, daß sie aber diese Lebenskeime in voller Kraft sich wieder entwickeln läßt, sobald die Frühlingssonne der Toleranz, der Zivilisation und der Humanität es gestattet. - Lrieg im Frieden. an schreibt uns aus Bayern: Unsere extreme Orhodoxie nennt häufig die Freunde, der Reform, die andere Wege wandeln, um ihrer Ueberzeugung zu leben, die „Zerstörer des Judentums". Da jede Richtung einen grundverschiedenen Begriff mit dem Worte Judentum verbindet, so fehlt der Boden für die Verständigung über die Wege und Ziele der religiösen Entwicklung, und die Kämpfe sind eigentlich fruchtlos. Beiden Richtungen wäre im Grunde am besten gedient, wenn sie nebeneinander gehen würden, ohne einander zu stören. Das Judentum hatte ja stets Platz für verschiedene Richtungen gehabt, und es gibt noch eine Fülle von Aufgaben sozialer und kultureller Natur, bei denen alleRichtungen gemeinsam arbeiten könnten. Leider sind wirnoch heute sehr weit entfernt von diesem Ziele, und so oft wir glauben, nun einer Epoche des Friedens im deutschen Judentum entgegen zu gehen, werden wir durch plötzliche Kriegsrufe überrascht. Der Uebereiser auf beiden Seiten tötet die zarten Keime der Eintracht und läßt die Blüte der jüdischen Einigkeit nicht zur Entfaltung gelangen. Wer nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft des Judentums denkt, den erfüllt diese Erscheinung mit tiefer Trauer, denn er sieht darin das größte Hindernis für eine gesunde Entwicklung. Das Eine aber wird man bei aller Objektivität von den Reformfreunden sagen dürfen, daß sie, mögen sie für sich selber noch so radikal sein, die Kreise der Orthodoxie nie stören. Sie dringen in ihre internen Angelegenheiten nicht ein, sind keine Proselytenmacher und suchen nicht einen Einfluß auf die Gestaltung der orthodoxen Synagoge zu gewinnen. Die Zeit der stürmischen zersetzenden Kritik ist vorüber. Heute wandeln die meisten Reformer die Bahn des Friedens, und sie sind froh, wenn man sie in Ruhe läßt. Leider kann man das von allen Orthodoxen nicht sagen. Gewiß gibt es unter ihnen viele einsichtige, friedliebende Männer, mit denen sich auf manchem Gebiete Zusammenarbeiten läßt, aber — sie bilden nicht die Mehrheit undhaben nicht die Führung in den Händen. Namentlich ist ein Teil der süddeutschen Orthodoxie, der von Frankfurt aus geleitet wird, von einem unseligen Fanatismus beherrscht, der stets zum Kampf mahnt, wo der Frieden so nötig ist. Diese Richtung betrachtet sich mit einem Hochmut sondergleichen als die alleinige Trägerin des Judentums, als einzige Besitzerin des wahren Glaubens. Das wäre am Ende-noch menschlich begreiflich und erträglich. Jede tiefe Religiosität ist von einem innern Stolz begleitet, und die Grenze zwischen Stolz und Hochmut ist nur bei einer philosophisch abgeklärten Weltanschauung, zu der sich nur wenige emporringen, zu ziehen. Allein, daß diese extreme Orthodoxie bewußt und unbewußt dazu beiträgt, die religiöse Entwicklung der Gesamtheit gewaltsam zu hindern, um auf den Ruinen der jüdischen Majorität ihr Ideal der Absonderung zu errichten, ist eine verhängnisvolle Tat, die sich rächen muß. Manche sprechen es offen aus: das heutige Judentum sei reif für den Untergang. Manche sind vorsichtig genug, dieses nicht offen auszusprechen, aber ihre „Politik" zielt nach dieser Richtung hin, und sie behandeln die anders denkenden Juden nicht als ihre Brüder, sondern als gefährliche, feindliche Elemente. Das ist nicht der Standpunkt des Talmud und nicht des Maimonides, sondern der des blinden Fanatikers, der sehr schlecht in unsere Zeit hineinpaßt.' Daß man in anders gearteten Synagogen von einander getrennt beten und doch gemeinsam im jüdischen Geiste leben und streben kann, — das scheinen diese Eiferer nicht für möglich zu halten. Ihre höchste Sehnsucht ist die gänzliche Trennung.

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