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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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267 verstanden. Obwohl die Revolution vollständig zu Boden geschlagen ist, so argumentierte diese, sind doch noch genug Feuerherde vorhanden, an denen sie sich jeden Augenblick entzünden kann. Außerdem aber hat der Verband noch ein anderes Ziel: den Zusammenschluß aller „echten Russen".zur Wahrung ihrer Nationalität gegen die Ausländer und besonders gegen die Juden. Die Regierung bereitet eine neue Bearbeitung der gegen die Juden gerichteten Gesetze vor, und der „Verband der echten Russen" muß dafür sorgen, daß diese Gesetze nicht etwa günstiger für die Juden werden. Deswegen ist auch jetzt noch nicht die Zeit, von dem „natürlichen Ende deS Verbandes" zu sprechen. Hatte der Verband bisher noch sozusagen ein „patriotisches Ziel", so ist er also nun ausgesprochenermaßen geworden, was er ja auch bisher schon reichlich war, eine rein antisemitische Gesellschaft. ft Ein rechtes Kulturwerk ist die Arbeit des Hilfsvereins der deutschen Juden für Palästina. Wir erhalten darüber den nachfolgenden interessanten Bericht: Wie populär die Institution des Kindergartens, die für den Orient eine in mannigfacher Richtung ungemein wichtige Mission zu erfüllen hat, in der kurzen Zeit ihres Bestehens speziell in Palästina geworden ist, dafür liefern die folgenden Mitteilungen einen höchst erfreulichen Beweis: Der Zudrang zu den drei Kindergärten deS Hilfsvereins der deutschen Juden in Jerusalem war zu Beginn des neuen Schuljahres nach Ostern so stark, daß nicht allen Gesuchen um Aufnahme entsprochen werden konnte. Hunderte von Müttern füllten, wie man uns aus Jerusaleni mitteilt, Hof und Straße vor den Lokalen der Kindergärten, uni -ihre Kinder anzumelden. Die Frauen, deren Kinder aus Mangel an Raum nicht ausgenommen werden konnten, verließend weinend das Haus. Die drei Kindergärten des Hilfsvereins in Jerusalem zählen jetzt 450 Zöglinge. Der dritte Garten ist aus der Montefiore-Kolonie in die Stadt verlegt worden. Zum erstenmal ist damit überhaupt ein Kindergarten im Innern der Stadt eröffnet worden. Besonders bemerkenswert und ein sehr bedeutsames Zeichen für den Fortschritt, deu das moderne Erziehungswerk in Palästina macht, ist es. daß unter den neu Aufgenommenen sich allein 110 Knaben befinden, die in früheren Zeiten den Cheder besucht hatten. Aus dieser Schar wird die moderne Schule das beste Schülermaterial erhalten. Die Segnungen, die die moderne Schule und das Fundament. auf dem der Hilfsverein der deutschen Juden sie aufbaut, der Kindergarten, für die junge Generation mit sich bringen, werden von der Bevölkerung von Tag zu Tag mehr empfunden und gewürdigt. ft Aus verschiedenen Städten Kanadas kommen Nachrichten über die Not, die dort unter den Emigranten herrscht. In Toronto, wo ungefähr 750 Emigrantensamilien leben, ist die Hungersnot unbeschreiblich. Den ganzen Winter hindurch quälen sich die Armen ohne Brot und ohne Heizmaterial für ihre elenden Wohnungen. Hilfe gab es von keiner Seite. In Montreal und Quebek ist die Lage nicht besser. Der größte Teil der Arbeiter ist seit langem arbeitslos. Vor. Monaten hatte bereits die Regierung eine Warnung vor der Einwanderung nach Kanada erlassen. Aber die gewissenlosen Anpreisungen von Schiffsagenten und die vor längerer Zeit sogar von einer jüdischen Organisation erfolgten Empfehlungen Kanadas haben geradezu verhängnisvoll gewirkt, und erst jetzt beginnt die Einwanderung nachzulaffen, vor der gegenwärtig nicht dringend genug gewarnt werden kann. WMWNWWWDWMWWMWWWWWM Der Lesrill Ser „Entwicklung" in der Milchen Selision. Zum Wochenfeste. Von Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Fortschritt der neueren Wissenschaft hat sich kein E Prinzip so fruchtbar erwiesen, wie das der Entwicklung. Alle Zweige der modernen Wissenschaft wetteifern in seiner Anwendung und haben damit die erfreulichsten Resultate zutage gefördert. . Die Geologie deutet die aufeinander gelagerten, erhärteten Schichten der Erdkruste im Sinne einer Entwicklungsgeschichte des Erdballs. Die Biologie reiht die lebenden und versteinerten Exemplare von Pflanzen und Tieren aneinander und konstruiert die Entwicklungsgeschichte des. organischen Lebens unserer Erde. Die Sprachforschung stellt den Stammbaum der menschlichen Sprachen auf und sucht in ihnen nach Merkmalen, die auf die vorgeschichtlichen Zeiten des Menschengeschlechts Licht werfen und Tatsachen enthüllen, für die seit Jahrhunderten keine Erinnerung mehr bestand. Die Anthropologie findet in Gestalt und Gesichtsausdruck des Menschen rudimentäre Anzeichen, die auf seine Entwicklung aus niederen Lebensformen schließen lassen. Die Geschichte endlich bringt die Kulturentwicklung der Menschheit seit historischen Zeiten zur Darstellung. In allen diesen Wissenszweigen zeigt es sich, daß wir die Erscheinungen erst dann richtig verstehen, wenn wir ihr Werden richtig begriffen haben. Darum sagt schon der alte Heraklit: „Vielwisserei erzeugt nicht Vernunft, nicht in der Erkenntnis des einzelnen Gewordenen, sondern in der des Werdens liegt die Vernunft." Diesen Gesichtspunkt müssen wir festhalten, wenn wir die positiven Religionen überhaupt und die jüdische Religion insbesondere verstehen und begreifen wollen. Keine positive Religion, die je die Menschheit bewegt hat, hat die Fähigkeit besessen, einen neuen Anfang zu machen und sich so darzustellen, als ob hier zum erstenmal Religion zur Erscheinung käme. Vielmehr mußten sich die positiven Religionen auf einer Grundlage ausgestalten/ die bereits durch die älteren religiösen Anschauungen und Bräuche in Anspruch genommen war; sie mußten davon verdrängen, was sie sich nicht anpassen konnten. Mochten sie aber die alten Bestandteile der alten religiösen Anschauungen und Bräuche verwerfen oder in sich aufnehmen, in jeder Hinsicht hatten sie mit ihnen zu rechnen und ihnen gegenüber feste Stellung einzunehmen. Um daher das Judentum, sowohl nach seiner geschichtlichen Grundlage und Gestalt, wie nach seinem inneren Grundgedanken und seinem inneren Wesen richtig zu verstehen, müssen wir uns zur Ueberzeugung führen, daß das Judentum in einem jeden Stadium seines Entwicklungsganges als ein Glied der Menschheit betrachtet sein will, das wegen seiner ununterbrochenen Teilnahme an dem regen Leben des menschheitlichen Organismus die Bewegungen zeigen mußte, die es im Lauf der Weltgeschichte darstellte. Das Judentum ist mit der Menschheit vor- und rückwärts geschritten, nahm trotz seiner Isolierung den innigsten Anteil an ihren Jrrtümern und Schwächen sowohl, als auch an ihren Entdeckungen und Kraftäußerungen. Die Juden kämpften für Herd und Vaterland in der antiken Welt, schwärmten mit Phantasiebildern ebensogut wie ein Plotin und Porphyr, wetteiferten mit Mauren um den Sieg der aristotelischen Philosophie und in der gereimten Poesie, trieben mit' ihren Zeitgenossen Astrologie und Alchemie, verfertigten ihre Amulette und Talismane und erwiderten die grausamen Verfolgungen und die erduldeten Folterschmerzen oft mit Haß und Rachedurst. .

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