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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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Die Heilighaltung des Lebens, der Ehe und der Familie, sowie des Heiligtums werden in den folgenden Worten proklamiert. In ewigen, unverlöschlichen Zügen steht es gezeichnet: Nicht das Leben, dein eigenes und deiner Nebenmenschen, nicht die Ehe, der Mann oder die Frau, nicht das Eigentum deines Nächsten ist deiner Willkür, der Verletzung, der Mißachtung anheimgegeben, sondern heilig und unantastbar sollen sie sein. Sie sind die Grundsäulen der menschlichen Gesellschaft. Aber das Festhalten an diesen Grundbedingungen der menschlichen Gesellschaft baut sich nicht schlechthin aus den Verboten auf, sondern es muß von der strengsten Wahrhaftigkeit und von der lautersten Gesinnung getragen werden. Darum gebieten das neunte und zehnte Wort die Wahrhaftigkeit in den Beziehungen zu unfern Nebenmenschen und zu uns selbst. Das Recht beruht auf der Wahrheit und ist nichts anderes als die Tat der Wahrheit, wie wiederum die Wahrhaftigkeit ein Recht des Nächsten an uns ist. Die Wurzel alles Bösen aber im Denken, im Sprechen und im Handeln ist die böse Begierde. Darum macht uns mit tiefem Sinn das letzte der zehn Gebote zur heiligen Pflicht, jede böse Begierde in uns zu bekämpfen, zu überwinden und auszurotten. Dies ist die große Verkündigung vom Sinai, die das Schebuotfest von neuem uns vorführt. Was bedeuten demgegenüber der Codex des Hammurabbi, die Lehren des Buddha, die Verkündigungen des Zoroaster und alle Gesetzbücher der Menschen bis aus den heutigen Tag? Hier ist ein festes Gefüge sittlicher Ideen gegeben, ein unerschütterliches Fundament für den ganzen Aufbau des religiös-sittlichen Lebens in der Gesellschaft und in jedem einzelnen für alle Zeiten. Kann man es uns verargen, wenn unsere Seele 1 sich an diesem Feste an dem Gedanken erhebt, daß diese Worte schon in grauer Vorzeit an unsere Väter ergangen, und daß sie es waren, die ausriefen: Wir wollen es hören und üben? Hatten sie sich damit nicht auch selbst die schwerste Verantwortung aufgelegt und hatten die nachfolgenden Geschlechter nicht jeden Fehl und jede Abirrung um so bitterer zu büßen gehabt? So erstarkte dieses Bewußtsein immer mehr in Israel, und so wollen auch wir fort und fort dieses Fest feiern und uns durch alle Versuche, dessen Idee zu erschüttern, nicht von diesem abbringen lassen, sondern vielmehr gerade dadurch uns in der Pflege und Weihe des Schebuot-Festes immer mehr vervollkommnen, daß das große Wort durch uns und unsere Kinder auch zur großen Tat werde. Bit Woche. Berlin, 2. Juni. och kurz vor dem ersten Akt der Landtagswahlen werden manche seltsame Blüten nationalliberaler, leider aber auch fortschrittlicher Weltanschauung bekannt, die, auch selbst wenn es für diesmal zu spät sein sollte, um aus ihnen die entsprechende Nutzanwendung zu ziehen, doch in keinem Falle unbeachtet bleiben dürfen. So haben die Nationalliberalen im Wahlkreise Hersfeld-Rothenburg einen geradezu unglaublichen Beschluß gefaßt, indem sie dahin übereingekommen sind, ihre Parteigenossen aufzusordern, für den — Antisemiten Werner, den bisherigen Abgeordneten des Kreises im Reichstage und im Landtage, zu stimmen. Männer, die sich liberal nennen, entschließen sich dazu, für einen Vertreter des wüstesten Antisemitismus zu stimmen, und noch dazu für ' einen Mann, wie Werner, dem vor einigen Jahren vom Amtsgericht zu Kassel in einem rechtskräftigen Urteil attestiert worden ist, daß er, obwohl antisemitischer Abgeordneter, im Reichstage für einen jüdischen Journalisten gegen Bezahlung Berichte geliefert und diese Tatsache abgeleugnet hat. Leider sind ja in dem dortigen rein agrarischen Wahlkreise nur noch zwei Konservative, ein reiner Bündler und der Landrat Türcke, aufgestellt. Wenn es das liberale Gewissen der Nationalliberalen nicht zuließ, diesen letzteren Kandidaten als das „kleinere Uebel" zu wählen, so ist es doch mehr als merkwürdig, daß man statt dessen zu dem schärfsten Agrarier und ausgesprochensten Feind des Liberalismus griff. Wahlenthaltung wäre verständlich gewesen. Diese Entscheidung aber ist ein Affront für den Liberalismus. Auch die Erklärung der nationalliberalen Herren in Göttingen über den Boykott der Juden ist bis heute nicht widerrufen. Aber nicht minder traurig sieht es in einzelnen fortschrittlichen Köpfen aus. So wird der N. I. K. von einem gelegentlichen Mitarbeiter aus Greifswald geschrieben: In einer liberalen Wählerversammlung, die vor einigen Tagen hier stattfand, erzählte der Herr Geheime Justizrat Dr. Buddee, der als liberaler Kandidat zu den Landtagswahlen für Greifswald- Grimmen aufgestellt ist, ein sehr interessantes Vorkommnis, das verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Herr Justizrat Dr. Buddee wollte der Versammlung erklären, wieso Gothein seinerzeit zu dem'Mandat für Greifswald-Grimmen gekommen sei; er sagte wörtlich folgendes: „Damals (1901) wurden uns vom Wahlverein der Liberalen in Berlin zwei Herren vorgeschlagen, Goldschmidt und Gothein. Ich hatte kaum die Namen gehört, da sagte ich sofort: Na, da nehmen wir natürlich Gothein, denn Goldschmidt . . . .!" und es folgte die übliche Begründung, daß man einen Mann, der Goldschmidt heiße, doch unmöglich wählen könnte, schon mit Rücksicht auf die Angriffe der Antisemiten usw. Wie man sieht, war es auch schon vor der Blockpolitik für einen Liberalen nicht ratsam, Jude zu sein. Aber es müßte doch beschämend für einen liberalen Politiker sein, einem anderen nur deshalb a priori vorgezogen zu werden, weil dieser andere einen jüdisch klingenden Namen führt. Die Fusion des Leipziger Handlungsgehilfenverbandes mit dem antisemitischen Deutsch-nationalen Verband ist jetzt erfreulicherweise endgültig als gescheitert anznsehen. In der letzten Sitzung des Achtzehnerausschusses ist eine Verständigung über ein gemeinsames Vorgehen auf sozialpolitischem Gebiete erzielt worden, dagegen war eine Einigung in der Frage der weiblichen Angestellten nicht zu erreichen. Der Fusionsgedanke mußte damit fallen. Weitere Verhandlungen sollen nicht mehr stattfinden. — Der Vorstand des Leipziger Verbandes hat nach diesem Resultat der Verhandlungen zwar eine empfindliche Niederlage erlitten, der Verband selbst aber ist einer schweren Gefahr entronnen. Wir beglückwünschen ihn zu dem Ausgang des Zwischenfalls, der so peinliches Aussehen und in weiten Kreisen große Beunruhigung hervorgerufen hat. . * Eine merkwürdige Nachricht kommt aus Rußland. In der letzten Sitzung des Vorstandes des „Verbandes echtrussischer Leute" wurde unter anderem auch die Meinung geäußert, daß der Verband, der zur Zeit der Revolution entstanden sei, seine Aufgabe nunmehr erfüllt hätte; die Revolution sei jetzt unterdrückt, und der Verband hätte dadurch seine -Existenzberechtigung verloren. Die Mehrheit der Vorstandsmitglieder war aber mit dieser Ansicht keineswegs ein-

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