Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 5. Juni 1908, 72. Jahrgang. Nr. 23. Allgemeine Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Uebatteuv: Gustav Ravxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Aügem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Vcvlag von Rudolf rNofse, Berlin. MtgkdsnKrn. S Berlin, 5. Juni, chebuot, das liebliche Fest, ist erschienen, und im Schmucke des jungen Frühlings Prangen unsere Häuser und Synagogen. Man hat gesagt, daß das Wochenfest der menschlichen Subjektivität keinen Spielraum gewähre und deshalb dem Volke Israel keine Veranlassung gegeben habe, in der Feier desselben seine Eigentümlichkeiten zu manifestieren. Das mag richtig sein. In der Tat hat ja dieses Fest gerade die wenigsten Zeremonien, und man meint, es träte gerade deswegen den andern gegenüber in den Hintergrund. Es wäre aber unsäglich traurig, wenn dem wirklich so wäre. Gerade in unserer Zeit, in der der moderne Jude sich von dem Zwang veralteter Zeremonien zu befreien sucht, müßte dieses Fest, das den Grundgehalt und Kern des Judentums in der herrlichsten Weise offenbart, eigentlich als das erste und höchste aller Feste gefeiert werden. Die leitenden Ideen des Judentums, sein Monotheismus, seine Weltanschauung, seine Sittlichkeits- und seine Messias- Idee, dies alles tritt uns im Glanze des Festes mit leuchtender Klarheit entgegen. Gerade weil in unserer Zeit so viel Aufhebens gemacht wird von den Entdeckungen und Ausgrabungen auf dem Boden des alten Orients, und gerade weil man es immer und immer wieder versucht hat, die Verdienste Israels um die monotheistische Idee herabzusetzen, müßte das Schebuotfest als ein erhabener Zeuge für dieses Verdienst Israels in den Vordergrund gestellt werden. Die religiöse Idee feiert an diesem Feste ihre höchsten Triumphe. Eine Manifestation wie die zehn Gebote hat man bis heute noch nicht ausgegrabeu und wird sie sicher wohl auch nie ausgraben. Diese zehn Aussprüche sind die Grundlage der ganzen Sittenlehre für die Menschheit geworden. Israel hat ihnen treuen Gehorsam geschworen, und es muß diesen Schwur getreulich halten. Ob es auch öfter gegen diese Gebote gesündigt, oft Abfall in seiner Mitte trug, ja selbst schon am Fuße des Sinai ihnen zuwider handelte, es fand sich trotzdem immer wieder zu den zehn Geboten zurück, schloß sich ihnen mit ganzem Herzen an und ließ sie nicht in Kampf und Drang, in Sieg und Niederlage. Es lehrte sie den Völkern, und auch diese erkannten ihren ganzen Wert und ihre tiefe Bedeutung; sie machten sie zur Grundlage der ganzen menschlichen Gesellschaft und bauten Ordnung und Gesetz darauf. Die Stimme vom Sinai, das Wort vom Horeb, es tönt über alle Zeiten und Fernen fort; es übertönt alle Forschungen, Ausgrabungen, Angriffe, Hypothesen und Einwendungen. Wer hört es nicht, wer kennt es nicht? In den mächtigen Städten, wo sich Hunderttausende von Menschensöhnen zusammendrängen, und in den kleinsten Dörfern und Weilern lehrt man dieses Zehngebot, lehrt man es den lallenden Kindlein, wiederholen es die Lippen der Greise. Diese zehn Gebote sind es, aus denen das Heil der Menschheit ersprießt, und aus deren Beobachtung und Erfüllung sie die wahre Seligkeit erhoffen. Der Verstand erkennt sie, das Herz fühlt sich in ihnen befriedigt und das Leben heiligt sie durch das strenge Einhalten dessen, was sie gebieten. Wie sollte Israel sie nicht als sein heiligstes Kleinod bewahren! Wie sollte es nicht gerade den Tag feiern, an welchen: seinen Vätern das Gotteslicht der Wahrheit aufging, während Finsternis und Geistesnacht noch alle Völker bedeckte! Die große Verkündigung, mit welcher das Zehngebot beginnt, nicht in Form eines Gebotes und doch als das höchste Gebot, ruft laut der ganzen Menschheit zu: Nur ein Gott ist, nur ein einziger Gott, der das ewige unveränderliche Sein ist. der alle die zahllosen werdenden und vergehenden Wesen aus diesem seinem ewigen unveränderlichen Sein herausgeschaffen hat. Nach ewiger:, ebenfalls unveränderlichen Gesetzen, die seine Schöpfungsgedanken sind. Zun: Träger dieser Idee wird Israel gemacht. Un: z:: dieser Segnung zu gelangen, wurde es aus der Knechtschaft Aegyptens zu einem freien, nur Gott angehörendem Volke erhoben. Mit der Erkenntnis Gottes ist im Menschengeiste dessen Anbetung unzertrennbar verbunden. Darum das zweite Wort: Nur einen einzigen Gott anzubeten, neben dem kein Wesen als göttlich zu verehren, in keinem körperlichen Bilde, in keiner irdischen Gestalt. Wie aber Gott im Geiste anzubeten ist, aus den Tiefen unseres bewegten Herzens, in den Stunden der Erhebung und Weihe, so ist sein Name auch im Alltagsleben heilig zu halten. Darum heißt das dritte Wort: Du sollst den Namen deines Gottes nicht gebrauchen zum Falschen. An die Heilighaltung Gottes im Alltagsleben schließt sich die Heiligung des Menschen in eben demselben. Daher die Festsetzung des Ruhetages für die ganze Menschheit, dessen wichtige und erhabene Bedeutung nicht hoch genug gestellt werden kann. Nächst Gott ist in der ganzen Welt nichts Heiligeres, nichts Achtunggebietenderes als das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern. Das fünfte Gebot spricht es aus: Ehre Deinen Vater und Deine Mutter; sind doch die Eltern Stellvertreter Gottes auf Erden für ihre Kinder. Das ist eine alte Wahrheit für alle Zeiten, vielleicht heute eine veraltete; aber gerade darum kann sie nicht eindringlich genug verkündet werden. Die Ehrfurcht vor den Eltern gibt den: Menschen den sichersten Halt für das sittliche Leben. Solange die Liebe und Ehrfurcht vor den Eltern in den Herzen der Kinder noch lebt, kann die sittliche Verderbnis noch lange nicht die ganze Herrschaft über ein Geschlecht an sich gerissen haben.