Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 29. Mai 1908 J.iirgtag. Nr. ii. Mx GeMetNdM0tt. Veilsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrelponLkn?kn und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 24. Mai. In umfangreicher Sitzung tagte die heutige Repräsentantenversammlung. Die Vorlage, um deretwillen die Sitzung bereits um 101/2 Uhr anberaumt war und die auch eine stärkere Frequenz der sonst verwaisten Tribüne herbei geführt hatte, verfiel zwar der Vertagung. Es handelt sich um die bereits öfter erwähnte Petition des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums. Das Material hat sich in der Zwischenzeit sehr angehäust. Von dem genannten Verein ist eine erneute Mahnung eingetroffen, die Vorlage einer ordnungsgemäßen Beratung zu unterziehen, während man vorher über sie zur Tagesordnung übergegangen war. Ferner ist vom „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" eine Petition eingegangen, auf die wir an anderer Stelle zurückkommen. Aus diesem Grunde beantragten die Herren Geheimrat Blumenthal und Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn, den Gemeindevorstand zu ersuchen, die Vorlage in einer gemischten Deputation unter Zuziehung von zwei Rabbinern zur erneuten Beratung zu stellen und allen Mitgliedern der Repräsentanz das gesamte Material zugehen zu lassen. Die Versammlung beschloß demgemäß. — Nach Annahme einer Zuwendung des Herrn Louis Kühne in Höhe von 2000 Mark an den Fonds für verschämte Arme beschäftigte sich alsdann das Plenum in längerer Debatte mit dem Antrag betreffend Bewilligung von Mitteln zur Drucklegung eines Sammelwerkes.' Herr Manheimer referierte, daß es sich um Gewährung von 1500 Mark zum Druck eines Werkes über Abraham Geiger zur Feier seines 100. Geburtstages, der auf den 24. Mai 1910 fällt, handle und bat unter gebührender Hervorhebung der großen Verdienste dieses Mannes um möglichst einmütige. Annahme dieser Vorlage. Herr Weinberg trat dagegen für die Vertagung ein. Er bedauert lebhaft, daß der Antrag ausschließlich von fünf liberalen Mitgliedern eingebracht worden sei und so gewissermaßen als Parteiantrag gelten könne, der vielleicht dazu dienen soll, um für die neugegründete „Liberale Vereinigung für Deutschland" Propaganda zu machen! Nach seiner Ansicht wäre es wichtiger gewesen, den Antrag auch von konservativen Mitgliedern unterzeichnen zu lassen, die gegen eine Ehrung Geigers gewiß nichts einzuwenden hätten; nur dürfe dieser nicht lediglich als Reformator gefeiert werden, als den die Liberalen ihn hinstellen. Syndikus Justizrat Lilienthal teilte mit, daß bereits vor einigen Wochen ein Frankfurter Komitee einen gleichen Antrag beim Gemeindevorftand gestellt habe und daß dieser sich, vorbehaltlich der Zustimmung der Repräsentanten bereit erklärt hätte, an den Kosten eines solchen Werkes sich zu beteiligen. Wenn die eingeforderten näheren Angaben vorliegen, wollte der Gemeindevorstand mit einem Antrag an die Repräsentanz herantreten. Von einer Parteisache könne hier absolut nicht die Rede sein. Unsere Gemeinde, an der Geiger ebenfalls gewirkt habe, würde die erste sein, die sich an diesem Werke beteiligen würde, und sie betrachtet eine solche Beteiligung als ebenso selbstverständlich, wie zum Beispiel die an einer Ehrung für Michael Sachs. Professor Blaschke erklärt zunächst, daß die Unterzeichnung von fünf liberalen Mitgliedern ein reiner Zufall sei, denn, als er den Antrag nach Beendigung der vorigen Sitzung formulierte, seien gerade nur noch fünf liberale Mitglieder zugegen gewesen. Mit großem Nachdruck wies er alsdann den Versuch zurück, einen Zusammenhang dieser Vorlage mit der neu begründeten „Liberalen Vereinigung" konstruieren zu wollen. Die Beschlußfassung habe selbstverständ'ich Eile, da man vor der Vergebung der Beiträge, die unter Redaktion des durch große Gelehrsamkeit ausgezeichneten Oberrabbiners Dr. Löw-Szegedin erscheinen sollen, über die vorhandenen Mittel orientiert sein müsse. Geheimrat Blumenthal hob hervor, daß ja keine Rede davon sein könne, daß die Konservativen sich etwa an der Ehrung Geigers, dessen Hauptverdienste übrigens auf dem Gebiete der Geschichtsforschung lägen, nicht beteiligen wollten. Sie hätten nur annehmen müssen, daß sie absichtlich von der Mitunterzeichnung des Antrags ausgeschlossen worden seien, was ja jetzt durch die Erklärung Professor Blaschkes berichtigt wurde. Er selbst würde nicht ohne weiteres einer Festschrift zustimmen; er müsse wissen, wer die Beiträge liefere, die auch der Prüfung einer Redaktionskommission unterliegen sollen. Es erschiene ihm zweckmäßiger, die Drucklegung einer populären Ausgabe von Werken Geigers zu veranstalten. Justizrat Lilie nthal ergänzt seine Mitteilungen dahin, daß in dem Sammelwerk selbstverständlich auch die reformatorische Wirksamkeit Geigers gewürdigt werden müsse, wie es jeder auch als ebenso selbstverständlich betrachten würde, daß bei Ehrung eines der orthodoxen Richtung angehörenden Mannes dessen Stellung zum überlieferten Judentum Gegenstand der Besprechung sein würde. Die Art der Ehrung, die Tätigkeit Geigers nach allen Richtungen hin zu beleuchten,- sei die, wie sie auch bei anderen hervorragenden Männern üblich sei. Inzwischen ist ein Antrag Blumenthal eingegangen, zur Herausgabe der Schriften Geigers eine-Summe zur Verfügung zu stellen. Ter unfruchtbaren Debatte machte ein von Dr. Ignatz Cohn eingebrachter Schlußantrag ein Ende; der Antragsteller hob unter lebhafter Zustimmung der Mehrheit der Versammlung hervor, daß nach Aufklärung des Mißverständnisses, welches den Wunsch auf Vertagung gezeitigt habe, eine weitere Debatte recht wenig der Würde des Antrags entspräche. Der Schluß der Debatte wurde mit großer Majorität angenommen, der Antrag Blumenthal vom Antragsteller zurückgezogen, die Vertagung abgelehnt, und danach die Vorlage in der eingebrachten Form angenommen. — In den Vorstand der Synagoge Lützowstraße wurde alsdann einstimmig Herr Berth old Israel gewählt. — Für den Ankauf von zwei Thorarollen wurden 475 Mark bewilligt. Professor Blaschke betont dabei, daß im Gegensatz zu den subventionierten Vereinen die Gemeindeverwaltung bemüht sei, beim Ankauf von Thorarollen möglichst billig zu wirtschaften. Herr Lewinsky erwiderte darauf, die subventionierten Vereine seien gezwungen, höhere Anschaffungskosten anzugeben, weil von der Subventionskommission stets Abzüge gemacht würden. Der Vorstandsdezernent Oliven konstatiert, daß infolge dieses Geständnisses des Vorsitzenden des Verbandes der Religionsvereine, die sonst stundenlangen Debatten über zu geringfügige Subventionen in Zukunft vermieden werden könnten. Nunmehr erhebt sich eine lange Debatte über die Subvention für den Verein Tiergartensynagoge. Von diesem Verein sind 5000 Mark gefordert worden, die Subventionskommission hat dagegen beschlossen, vom 1. Oktober 1907 bis 31. März 1908 nur 1250 Mark und für das Etatsjahr 1908/09 2500Mark zu bewilligen. Rechtsanwalt Dr. Cohn stellt den Antrag, auf 1500 Mark für die Zeit von Oktober 1907 bis März 1908 und für das Jahr 1908/09 auf 3000 Mark. Er hält die von ihm beantragte Bewilligung für den geringsten Zuschuß, ~ den der Verein zur Deckung seiner Bedürfnisse haben müsse. Vom Vorstandstisch sprachen Herr Oliven und Syndikus Lilienthal dagegen. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Cohn trotzdem zum Beschluß erhoben. Zu den Kosten des jüdischen Religionsunterrichts an der Brühlschen Schule wurden für das Halbjahr April-Oktober d. I. 300 Mark bewilligt. — Mit der Mietung der Borussia-Säle pro 1908/1910 erklärt sich die Versammlung einverstanden. — Die Mietung der Säle Wiclefstraße24 pro 1908/1912 wird auch genehmigt, gibt aber den Herren Weinberg, Löwenthal und Benas Levy Gelegenheit, die Errichtung einer Synagoge in Moabit zu besprechen. HerrLöwenthal teilt mit, daß zu den hohen Feiertagen in den Moabiter Sälen über 2000 Plätze vergeben werden, Herr Levy beklagt auch den bedauerlichen Notstand in Moabit, dem doch jetzt abgeholfen werden könne, nachdem die Geldangelegenheit infolge der Anleihe zum größten Teil erledigt sei. Auch mit der Synagoge in der Fasanenstraße werde die Gemeinde