Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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>/j' *\ ^rm 262 Nebels gewesen, vor dem -die Schülerinnen der anderen Klasse zufällig schwerer betroffen wurden. . Bloomah war nämlich das schwarze Schaf,- das immer wieder die Chancen der kleinen. Herde verdarb das schwarze Schäflein mit den schwarzen Zeichen!. Vielleicht waren die tiefen schwarzen -Ringe um ihre - Augen eine Folge dieser schwarzen Zeichen, denn die arme Kleine grämte sich ganz furchtbar, wenn .sie notgezwungen ihre Schulpflichten verletzte. Dennoch war sie selbst ganz unschuldig daran, denn wenn Bloomahs Platz in der Schule.leer blieb, so geschah dies nur, weil das arme Ding von ihrer Mutter zu irgend einer änderen Beschäftigung angestellt wurde, die dieser viel wichtiger erschien als die Schule. „Die Familie Beckenstein kommt zuerst, dann die Werkstätte, und für die Schule ist überhaupt keine Zeit", hätte : Bloomah ihrer Mutter erwidern können. Zu Hause war sie das Mädchen für alles. Sie hatte das Schlaf- und Wohnzimmer der Familie rein zu halten, sie mußte kochen und waschen, undwenn in der darüberliegenden Werkstätte jemand ausblieb oder die Arbeit drängte, wurde sie einfach dazu angestellt, Knopflöcher zu machen, ganz gleich, ob sie die Schute darüber versäumte oder nicht. Außerdem war Bloomah das Laufmädchen des Geschäftes und hatte die Arbeit abzuholen und die fertigen Sachen nach S. Cohns Warenhaus in Holloway zu bringen; sie wurde ferner als Wachthund benutzt, wenn Frau Beckenstein ausging, um Einkäufe zu machen oder sich zu amüsieren. „Ich soll das Haus abschließen?", rief die Mutter ärgerlich, wenn Bloomah sie unter Tränen bat, sie von dieser Aufgabe zu dispensieren und ihr zu gestatten, in die Schule zu gehen. „Meine Sachen sind viel zu kostbar, als daß ich es riskieren könnte, sie einfach abznschließen. Aber das weiß ich ja, du würdest es lieber sehen, daß ich meinen kostbaren Schmuck verlöre, als ihr euer kostbares Banner." Wenn Frau Beckenstein neue Enkelchen bekam, und das war oft der Fall, dann wurde Bloomah sofort geschickt, um der verheirateten Schwester ihre Dienste zur Verfügung zu stellen. Bei solchen Gelegenheiten erschienen kurze Postkarten folgenden Inhaltes:. ' „Liebe Mutter! Ein Sohn. Schicke Bloomah. Brinh." Manchmal kamen auch Trauerbotschaften, wie: „Liebe Mutter! ( Die arme kleine Rachel (ft gestorben. Schicke sofort Bloomah zu Deiner.tief betrübten Becky." Gelegentlich sandte auch: Frau Beckenstein Postkarten:' „Liebe Becky! Schicke Bloomah nach Hause. Deine Dich liebende Mutter." Die Sorge für ihren älteren Bruder Daniel war auch ein Teil der auf Bloomah ruhenden Wichten; sie mußte ferner abends ein scharfes Auge über seine Kameraden halten, denn seit er seine Eltern dadurch betrübte, daß er ein Paar neue Stiefel vom Tische weg unterschlagen hatte, konnte man ihn nicht mehr ohne Aufsicht lassen. ' Nicht als ob er die Stiefel gestohlen hätte — es war viel schlimmer. Durch eine in hebräischer Sprache gedruckte Karte betört, hatte er den Abendklassen der Meschumodim beigewohnt, dieser abtrünnigen Juden, die es versuchen, auch ihre Brüder ihren: Glauben untreu zu machen und die das Schreckbild des Ghetto sind und wie der Auswurf der Juden betrachtet werden. ' , : Daniel wurde zu Hause ungefähr so angesehen, wie ein Lamm, das' aus der Höhle des Löwen entschlüpft war und dem immer noch nächgestellt wurde. Es war Bloomah, die .mau mit den Pflichten des Schäfers und, des Schäferhundes betraute. Trotz' all dieser verschiedenen Pflichten, die auf Bloomah lasteten, versuchte Bloomah doch, wenn irgend möglich, zur Schule zu gehen und. abends ihre Aufgaben zu machen-. Sie murrte nicht gegen die Befehle ihrer Mutter, -obwohl sie sie öfters bat, ihr '.doch zu erlauben, zur rechten Zeit inihrer Klasse zu sein. Sie erkannte sehr wohl, daß die arme Frau gleichfalls überbürdet war und zwischen ihrem Haushalte und dem Arbeitsraume mit den ewig klappernden Maschinen hin und her hetzte. Nur war es sehr schwer für das Kind, allen ihren Pflichten gerecht zu werden. Sie mußte abends ebenso lange aUfbteiben wie ihre Eltern und saß dann über ihren Büchern. Morgens wurde es ihr dann nicht leicht, früh genug aufzustehen, bie ihr aufliegende Hausarbeit zu vollenden und zu versuchen, rechtzeitig in der Schule zu erscheinen, um ein rotes Zeichen' zu bekommen. Ihre Lage war wirklich noch schlimmer als ihre Mutter wußte, denn manchmal wurde es zehn Minuten vor neun Uhr, ehe Bloomah dazu kam, selbst etwas zu frühstücken, und dann war die glühend heiße Tasse Tee, die ihre Mutter ihr reichte, ein schreckliches Hindernis. Wenn die gute Frau den Kops wandte, schlich Bloomah sich rasch an die beiden großen, schmutzig aussehenden Eimer, von denen der eine, durch einen auf seinem Deckel stehenden Topf erkennbar, reines Wasser, und der andere schmutziges Wasser enthielt. In letzteren schüttete, sie rasch die Hälfte des Tees und füllte die Tasse dann mit dem kalten Wasser aus. Wenn ihr dieses kleine Manöver unmöglich erschien, dann verbrannte sie sich oft den Mund in ihrer fieberhaften Eile. Dann ergriff sie rasch ihre Schultasche und jagte davon, gleichviel, ob es regnete oder schneite, ob draußen ein Nebel alles verdüsterte oder ob die Sonne heiß schien. Oft kam sie ganz atemlos in der Schule an, ohne daß es ihr gelang, früh genug dort zu sein, um das ersehnte rote Zeichen zu gewinnen. Während sie ganz zerknirscht , die Augen ihrer Mitschülerinnen zornig auf sich ruhen fühlte, empfand sie nicht nur Seitenschmerzen vom schnellen Laufen, sondern es ging ihr auch ein Stich durch das Herz. Es reizte ihre Klassenkameradinnen noch mehr gegen sie, daß Bloomah trotz all ihrer Unpünktlichkeit eine der besten Schülerinnen war, und daß es ihr nur ihres häufigen Zuspätkommens wegen nicht gelang, den ersten Rang einzunehmen. (Fortsetzung folgt.) Lttersrilche Mitteilungen. M. Levin, Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur. Vierte Auflage. Berlin, M. Poppelauer 1908. Dieses Buch ist dazu bestimmt, die jüdische Schuljugend, an den Unterricht in der biblischen Geschichte anknüpfend, in der - jüdischen Geschichte und Literatur der nachbiblifchen Zeit bis zur Gegenwart zu unterrichten. Es hat viele und sehr große Vorzüge aufzuweisen; insbesondere ist der glücklich gewählte Ton zu loben, in dem bei aller.Objektivität überall die warme Liebe, zum jüdischen Stamm und zum Judentum hervorquillt. Aus der Fülle des vorhandenen Stoffes hat der Verfasser das für die Jugend Geeignete sehb sorgfältig gewählt und mit ganz besonderem Geschick verwendet. Alles für die Jugend Wissenswerte