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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-29 · Heft 22 (29.5.1908) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 Cassel wäre die Stelle, wo er sich entwickeln und seiner Nation nützlich sein könnte. Für eine Stelle im Konsistorium sei er geschaffen; er ist, bereit, „alle ordentlichen Proben abzulegen, die er schon vor mehreren Jahren, als die preußische Regierung mit einem ähnlichen Plan umging, bewiesen". Es ist aus den Akten des Konsistoriums nicht zu ersehen, daß Cohn eine Stelle erhielt fgümLggö^ Ghrtto-Homüdim. Das rote Zeichen. Von I. Zangwill?) ^^^ene seltsame Episode, die sich im letzten Winter, als die >^7 Blattern ausgebrochen waren, in dem Londoner Ghetto zugetragen hat, ist der Aufmerksamkeit der Zeitungsschreiber entgangen, obwohl man sie in den Schulen noch in frischer Erinnerung hat. Aber selbst die Lehrer, die Inspektoren und Mitglieder der Hilfskomitees, wissen nicht, welche Rolle die kleine Bloomah Beckenstein darin gespielt hat. Um zu erklären, wie es kam, daß sie an jenem Tage nicht in der Schule war, müssen wir etwas zurückgreifen, um ihre Stellung in und außerhalb der Schule zu erklären. Bloomah ift höchst wahrscheinlich von dem deutschen Worte Blume abgeleitet; aber sie hatte sich immer Bloomah genannt und geschrieben, und so war ihr Name auch in das Schulregister eingeschrieben worden, denn selbst Lehrer von Gemeindeschulen haben nicht immer große Kenntnisse in den fremden Sprachen. Man konnte übrigens sehr wohl verstehen, daß Bloomah in ihnen nicht den Begriff einer Blume erweckte, denn sie war ein ernst und traurig dreinblickendes Kind, das obgleich erst zehn Jahre alt, tiefe, schwarze Ringe um die Augen hatte. Aber diese braunen Augen waren ungewöhnlich groß und schön und sie hatten einen sanften und herzgewinnenden Ausdruck. Frau Beckenstein jedoch war durchaus nicht zufrieden mit den wirklich hervorragenden Herzenseigenschaften ihrer jüngsten Tochter, die, wie sie behauptete, ganz von der Schule beansprucht wurde und in ihren Schulpflichten aufging. „In meiner Jugend," sagte sie grollend, „kam zuerst Gott der Allmächtige, dann die Eltern und dann erst die Schule. Heutzutage dreht sich alles um das „rote Zeichen", dann erst kommen die Eltern. Und um Gott den Allmächtigen kümmert die Jugend sich überhaupt nicht." Dieses „rote Zeichen" war eine Anerkennung der Pünktlichkeit und wurde in dem Schulregister neben den Namen der Kinder eingeschrieben. Um es zu erlangen, mußten die Schülerinnen mit dem Glockenschlage neun auf ihrem Platze sein. Wenn man nur einen Augenblick zu spät kam, dann hatte man einen schwarzen Strich zu befürchten, der, wenn man zwanzig Minuten über neun Uhr noch nicht am Platze war, unfehlbar von dem Racheengel, in diesem Falle der blassen, brillenbewaffneten Klassenlehrerin Bloomahs, in das Register eingetragen wurde. Aber es war das Banner, um das sich alles in der Schule drehte, das Bloomah in steter Aufregung erhielt und über das ihre Mutter sich fortwährend ärgerte. *)' Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Hans Heinz Ewers. „Ich habe nichts von der Schule," pflegte Frau Beckenstein ärgerlich zu sagen, „da gibt es keine Preise, keine Medaillen, nichts als rote Zeichen und das Banner." Das Banner war wirklich eine ganz neue Einrichtung. So etwas hatte es in Frau Beckensteins Jugendzeit nicht gegeben, und auch zu der Zeit, als Bloomahs verheiratete Geschwister noch zur Schule gingen, war von solchen Dingen nie die Rede gewesen. Die würdige Matrone pflegte zu sagen: „Da ist Jakob und Joseph Beckenstein, Briny und Benjamin Beckenstein, da ist die geborene Ada und die geborene Becky Beckenstein, Gott segne sie alle! Die sind doch auch alle zur Schule gegangen, haben Preise gewonnen und der Königin und ihrer Religion Ehre gemacht, ohne daß man je von dieser Meschugas (Verrücktheit) eines Banners gehört hätte." Frau Beckenstein meinte, daß alle diese albernen Neuerungen dadurch entstanden seien, daß so viele Fremden in die Schule eingedrungen seien. All diese aus Rußland, Polen und Rumänien gekommenen Juden, die, um den Verfolgungen zu entgehen, nach England geflüchtet waren, hatten die guten alten englischen Familien, zu denen sie die Beckensteins rechnete, in den Hintergrund gedrängt und neue Sitten eingeführt. Wozu brauchen die Engländer Banner und derartigen Firlefanz? Das Banner war eine Art von Trophäe, die derjenigen Klasse zuerteilt wurde, die sich am meisten durch Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit ausgezeichnet hatte. Dieses Banner bestand in symbolischem Sinne ganz aus roten Zeichen. Seine Grundfarbe war rot. Das Banner war eine Wandertrophäe, und nur die Klasse, die bei der wöchentlichen Zählung die meisten roten Zeichen errungen hatte, gewann das Recht und die Ehre, für die nächste Woche die rote Flagge in dem Schulzimmer entfalten zu dürfen. Es war ein prächtiger Anblick, wenn das Banner mit seinen reich in Seide auf purpurrotem Grunde gestickten Emblemen auf der Wand zwischen der düstern Tafel und den vergilbten Landkarten befestigt wurde. Es erhellte das Schulzimmer, und man lernte noch einmal sogut und so leicht unter seinem Schutze. Es war, als wenn man fröhlich nach dem Takte lustiger Musik marschiere, anstatt mühsam und freudlos die Straße einherzuziehen. Der Wunsch, diesen köstlichen Ehrenpreis behalten zu dürfen, wurde bei den Schülerinnen zur Leidenschaft; die kleinen Mädchen setzten das Aeußerste daran, nur nie einen Augenblick zu spät zu kommen; aber ach, durch irgend einen traurigen Zufall, der der einen oder der anderen zuftieß, ereignete es sich doch nur zu bald, daß sie der stolzen Auszeichnung verlustig gingen, und die goldgestickte Purpurflagge wanderte in eine andere, glücklichere Klasse. Man sah ihr traurig .nach, wenn, sie davongetragen wurde, und das Klassenzimmer erschien dann, den Schülerinnen plötzlich ganz düster und freudlos zu sein. Wehe der Mitschülerin, die durch ihr zu spätes Erscheinen den Besitz des Banners in Gefahr brachte. Das schwarze Zeichen in dem Klassenbuche war weiß wie eine Schneeflocke, im Vergleiche mit dem düsteren Ausdrucke all dieser kindlichen Gesichter. Versäumte aber ein Kind einmal den Schulbesuch, so wurde es von sämtlichen Mitschülern in einer Weise empfangen, die so ungnädig war, daß es aus Furcht davor seine Abwesenheit verlängerte. Nur einmal war es Bloomahs Klasse gelungen, die Trophäe zu gewinnen. Es war dies infolge eines dichten

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