Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 260 —- WWWWN berühmte Geselligkeit nur „als Güte". Die Wärme, die von ihr ausging, umstrahlte hoch und niedrig, groß und klein, und so ist sie für gar viele, „die da mühselig und beladen", zu einer wahren „Herzenströsterin" geworden! Sie besaß die seltene Gabe, sich immer gleich zu bleiben, und war während ihres ganzen Erdendaseins stets bestrebt, „Rahel und nichts anderes" zu sein! Der Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel, der die Zeit von 1808 bis 1814, Deutschlands Erniedrigung und Erhebung, umfaßt, ist 1874 durch Ludmilla Assing-Grimmelli, der Nichte Varnhagens, der Oesfentlichkeit übergeben worden. Selten hat eine Frau so viel geschrieben wie Rahel, sie übertraf selbst Voltaire. Sie fehle einen Ruhm darin, ungedruckt eine bedeutende Schriftstellerin zu sein. Ihre zahlreichen Freunde geizten um ihre geistsprudelnden und gemütvollen Briefe, die ihre Seele stets offenbarten, und bewahrten sie als Reliquien. Rahel widmete Goethe, den sie 1795 in Karlsbad kennen gelernt hatte, einen schwärmerischen Kultus, und der Dichterfürst, der sich lebhaft von ihr angezogen fühlte, was seine verschiedenen Urteile bekunden, blieb für ihre Begeisterung nicht unempfindlich. Rahel betrachtete es als ihre Lebensaufgabe, das Goethe-Verständnis zu fördern, und ihr gebührt das hohe Verdienst, ihrem Meister die Herzen der besten und edelsten Männer, und Frauen Berlins zugewendet zu haben. 1815 sah sie Goethe in Frankfurt am Main wieder, und zehn Jahre später hat sie ihn mit Varnhagen in Weimar besucht. Während Rahel für Musik, Literatur und Theater eine große Vorliebe besaß, sind ihr die bildenden Künste, obgleich sie auf ihren Reisen nicht verabsäumte, Museen zu besuchen, und auch große Kunst gebührend würdigte, doch ziemlich fremd geblieben. Eine Vorkämpferin der Frauenbewegung kann man Rahel nennen, da diese Außergewöhnliche nicht verschmähte, eine treffliche Hausfrau zu sein, und unsere Zeit vorbereitete, indem sie für soziale Hilfsarbeit und humane Behandlung der Dienstboten lebhaft eintrat; hingegen war Vereinstätigkeit ihr wenig sympathisch. Rahel hat den größten ihrer Freunde, Goethe, kaum ein Jahr überlebt. Varnhagen setzte der geliebten Frau ein wahres Denkmal der Liebe in dem Buche „Rahel" — ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, welches europäische Berühmtheit erlangte und der ausgezeichneten Frau nicht nur die Anerkennung ihrer Zeitgenossen, sondern auch die der Nachwelt verschaffte. Im Geiste und Sinne der geliebten Frau hat Varnhagen fortgelebt; 1858 ist er ihr in die Ewigkeit gefolgt. Wir können die Schönheit und den Wert dieser Studie hier nur andeuten und müssen uns versagen, Rahels Aeußerungen wie die Urteile der Zeitgenossen über die große Frau wiederzugeben. Nur des Nachrufes, den ihr Gatte ihr widmete, sei uns noch zu erwähnen vergönnt: „Ich weiß alles von ihr," schrieb er, „was ein Mensch vom anderen wissen kann, und ich sage mit reinster und kräftigster Ueberzeugung: Unschuldiger, zarter, reiner, liebevolles gütiger, aufrichtiger, rechtschaffener, frömmer und keuscher im höchsten Sinne habe ich keinen Menschen gekannt!" In dankbarer Anerkennung für die nordische Schriftstellerin, die das Bild Rahels. im Lichte der Vergangenheit, im Lichte der Gegenwart geschaut, vor uns erstehen läßt, sei dieses neue Buch über Rahel denkenden Lesern und Leserinnen, namentlich der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens, warm empfohlen! Lin unbekannter Lrirk Mryrrbeers. Mitgeteilt von L. Horwitz in Cassel. der Geschichte der Reform des Gottesdienstes wird der vom ehemaligen Königlichen Westfälischen Konsistorialpräsidenten und Geheimen Finanzrat Israel Jacobson in Berlin eingerichtete Privatgottesdienst nicht unbeachtet bleiben. Es ist hinlänglich bekannt, daß Meherbeer und Bellermann die zur Feier bestimmten Gesänge schufen. Aus den zeitgenössischen Veröffentlichungen ist aber nicht zu ersehen, daß Meyerbeer der Komponist der Lieder für die Einweihung des Jacobfontempels in Seesen 1808 gewesen war. Dieses möge nachstehender, anJacobson gerichteter Brief beweisen, dessen Original im Seefener Archiv sich befindet: Hochzuverehrender Herr! „Schon seit geraumer Zeit habe ich im stillen den Mann verehrt, der mit unermüdetem Eifer und mit rastloser Tätigkeit so weise und zweckmäßig das Wohl seiner Mitbürger zu befördern und zu begründen sucht, und ich wünschte daher fehnlichft eine schickliche Gelegenheit, meine Achtung und meine Liebe gegen ihn an den Tag legen zu können. Der Zufall hat mir endlich durch den Herrn Cohn ein Mittel zugeführt, Ihnen einen kleinen Beweis davon durch mein schwaches Talent zu geben. Dieses, und das Bewußtsein, zu Ihrem großen und erhabenen Zwecke, der Veredlung unseres Gottesdienstes, auch mein kleines Scherslein mit beigetragen zu haben, sind nicht nur hinlängliche Belohnung für meine geringe Mühe, sondern zugleich auch Aufmunterung, mich auch in der Folge allen dergleichen Arbeiten mit Vergnügen zu unterziehen. Ich habe übrigens aus Ew. Wohlgeboren geehrtem Schreiben ersehen, daß Sie die Solos für Ihre Gebete nicht tauglich halten, und habe demzufolge solches sogleich dem Herrn Cohn angezeigt. Er hat auch bereits die zu Solostimmen eingerichteten Verse dem Chore anpassend gemacht, und sich dieser mißlichen Arbeit mit der ihm eigenen Gewandtheit so geschickt entledigt, daß ich auch nicht die geringste Aenderung in der Komposition zu machen habe. Nur wünschte ich, daß die erste Hälfte der vierten Strophe, welche in allen übrigen Versen stark gesungen wird, im vierten Verse pianissimo vorgetragen werde. Genehmigen Sie. hochzuverehrender Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und Ehrfurcht, mit welcher ich verbleibe Ew. Wohlgeboren Berlin, den 7. April 1808. ergebenster Meyer Beer.^ Meine Großeltern und Eltern empfehlen sich Ihnen bestens." Der in dem Briefe genannte S. I. Cohn erhielt für Anfertigung der Sabbatgesänge 25 Taler (Brief an Jacobson vom 1. April 1808). Dieser Mann suchte sich gern an Jacobsons Rockschöße zu hängen. Am 5. Mai 1808 schreibt Scholaum Cohn aus Berlitr an Jacobson, er habe ihn schon seit acht Tagen in Braunschweig erwartet und für ihn „eine musikalische Note für den vierten Wochentag" gearbeitet, und möchte wissen, auf welche Art er in der Anfertigung der Gebete sortfahren soll. „Das große musikalische Talent in Berlin" habe für Cohn bereits „einige gelungene Versuche in der Musik gemacht", darum wünscht er einen „Schir Chanuckass habbajis“ anzufertigen. Cohn bittet Jacobson ferner, ihin eine Stelle beim Konsistorium der Israeliten in Cassel zu verschaffen; 25 Jahre habe er bei den Ceäaule baöckaur studiert und eifrig gelernt. Der Geist der Aufklärung hielt ihn jedoch ab, sein Glück in diesem Studium zu finden. Durch Fleiß Habe er es dahin gebracht, in anderen Wissenschaften bei den Cbachme umoss sich nicht zu schämen. Acht Jahre habe er sein Brot bei einer öffentlichen Schule verdient. „Berlin ist aber zerrüttet." In