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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-29 · Heft 22 (29.5.1908) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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——. 259 Rahels Geburt 1771 fiel in die Zeit der Regierung Friedrichs des Großen, der zwar wenig für die gesetzlich besser zu gestaltende Stellung der Juden tat, aber auch in die Zeit der reformatorischen Tätigkeit Moses Mendelssohns für seine Glaubensgenossen.. Rahel besaß alle Vorzüge ihres-Stammes: Verstand, Wissensdurst, Gemütstiese, leidenschaftliches Empfinden, Liebeskraft, Hilfsbereitschaft, Opserwilligkeit und -Brüderlichkeitssinn, gepaart mit lebhafter Phantasie. Ihre Liebesstärke zeigte sich insbesondere in ihrem Familiengefühl, in der Freundschast, in der Verehrung ihrer großen Meister,-in der ihr innewohnenden Mütterlichkeit. Rahel hatte eine freudlose Kindheit und Jugend; ihr Vater, der Bankier Levin Markus, war ein despotischer Tyrann, ihre Mutter, eine verschüchterte Frau,, hatte wenig Verständnis für die Eigenart des feinorganisierten, zarten, reizbaren Mädchens, und von ihren Geschwistern stand ihr auch nur ihr Bruder, Ludwig Robert, nahe.' Die Strenge des Elternhauses zeitigte in Rahel frühe Energie, Willenskraft, Selbstbeherrschung, die sie ihre Kränklichkeit überwinden ließen, und jenen Wirklichkeitsfinn, der zum wohltuenden Gegengewicht für ihren kühnen Geist und ihr reiches Gemüt wurde. Obgleich Rahel ihre jüdische Abkunst stets als den dunklen Teil ihres Schicksals empfand und die Lösung ihrer Verlobung mit dem Grafen Finkenstein darauf zurückführte, daß sie eine Jüdin sei, hat sie in Paris oft betont, „eine Jüdin aus Berlin" zu sein, und sich gefreut, ihrer Vaterstadt Ehre zu machen. Während der Befreiungskriege erfüllte sie die Opferwilligkeit ihrer Glaubensgenossen besonders im Hinblick auf die Christen mit hoher Genugtuung, und ihr Uebertritt zum Christentum bedeutete weder einen Abfall vom Judentum, noch geschah er aus Ueberzeugung, sie wollte nur ein Gleichheitszeichen mit dem Manne schaffen, dessen Lebensstellung sie teilen sollte. Hat sie doch auf dem Totenbette es geradezu als ein Glück gepriesen, als Jüdin geboren zu sein. Eine Frau, von Geist und Güte, von außerordentlich vielseitigen Kenntnissen, eine originelle Natur, eine Lebenskünstlerin ohnegleichen, eine scharfsinnige, geisteskräftige Denkerin, Meisterin in der Musik, voll Anmut im Wesen und Unterhaltung, übte diese wahrhaft schöne Seele aus die erlesensten Geister ihrer Zeit einen unsagbaren Zauber ans, und ließ den Geringsten niemals die Ueberlegenheit ihres Geistes fühlen. Kaum jemals hat eine Frau durch die Macht ihres Geistes einem literarischen Salon höheren Glanz verliehen, wie sie dem ihren; kaum jemals eine Frau so viel Sympathien erweckt als Heldin des Salons, als treue, verständnisvolle Freundin und Gattin durch ihren heißen Wissensdrang, durch ihre Ehrfurcht vor dem geistig Großen, durch die Seelengröße, Mit der sie den schwachen Körper überwand, denn ihre Freunde fürchteten oft, der Feuergeist würde diesen sprengen, wie durch die ehrliche Bewunderung und neidlose Anerkennung, die sie allem, was wahrhaft groß und schön war, zollte. Rahel hatte eine schmerzvolle Vergangenheit durchlebt, .schwere Enttäuschungen erfahren; sie hatte geliebt, gelitten, verschiedene Herzensregungen waren nicht spurlos an ihr vorübergegaugen und hatten ihr Gemüt im Sturm dev Leidenschaft aufgewühlt — Graf Finkenstein und der Spanier Urquijo — als Varnhagen von Ense in ihren Gesichtskreis trat. Die seltene Vereinigung von Geist und Gemüt war der Magnet, der-den 23 jährigen Jüngling so mächtig'Und un- .widerstehlich zu der bedeutend älteren Frau zog und einen Seelenbund knüpfen ließ, wie er schöner nicht gedacht werden kann. Fürst Pückler-Muskau hat einmal den Ausspruch getan: '„-lies ämes sönt toujours du-memö äge. “ ■ > ■' v Ueber der äußeren Verschiedenheit stand dergeistige -Zauber der Sympathie, der Varnhagen und - Rahel '.verband. ^^MMZMWH^WWWWMWWWWMWM Diese gereifte Frau, die über die Jugend hinaus war, die auf der vollen Höhe des Lebens stand, durch die älle diejenigen, die ihr je nähertraten, Lebensgewinn erfuhren, erkannte mit ihrem Scharfblick die trefflichen Eigenschaften des jungen Schriftstellers, seine seltene Begabung, die Tiefe und Innigkeit seines Gemütes. Sie fühlte sich won ihm verstanden, gewürdigt, angeregt — sie liebte ihn. Varnhagen war damals durch zarte Bande halb gefesselt,, er liebte die anmutige Mutter eines früheren Schülers in Hamburg. Obgleich Rahel mit ihrem klaren Urteil wohl einsah, er-würde in jenen Banden nie volle Befriedigung finden, wollte sie doch keinen Einfluß auf den freien Herzensentschluß ihres jungen Freundes ausüben. Als sie sich überzeugt hatte, daß Varnhagen in ihr sein, not-' wendiges Lebensbedürfnis . erkannt habe, gab sie sich, vertrauensvoll dem Glücke der Liebe hin, das ihr wje ein verspäteter Frühling erschien, der sie für alle Leiden der Vergangenheit entschädigen sollte. Für ein Wesen wie Rahel konnte Glück nur in anteilvoller Tätigkeit für andere, in liebevollem Wirken, in treuer Hingebung bestehen. Der Gedanke, ihn zu beglücken, verjüngte sie; endlich kam die. Zeit, daß sie 1814 den Ehebund schließen konnten! Vorher war es Rahel vergönnt, eine große Liebestätigkeit zu entfalten. In Prag kam sie 1813.in die Lage, Ernst und Ordnung' in freiwillige Pflege der'Verwundeten zu bringen. Sie nannte diese Zeit „Ein Fest des Gutestuns" und schrieb: „Gott hat mir gelächelt,.ich helfe etwas!" Die ersten Ehejahre bis 1819 wurden zumeist in. Wien und Karlsruhe verlebt, Rahel sehnte sich, nach Berlin znrückzukehren; endlich wurde ihr auch dieser Wunsch erfüllt, und ihre Geburtsstadt, die preußische Residenz blieb ihre Heimat bis zu ihrem Ende! Sie wurde Varnhageus „Beglückerin", wie er sie so oft und gern zärtlich nannte, Hub sie hatte Recht getan, ihr Geschick in Varnhagens Hände zu legen; denn unter allen, die sich ihr jemals mit Liebe, Bewunderung und Verehrung genaht, hat sie keiner so innig, so treu, so wahr und begeistert geliebt wie Varnhagen, keiner hat wie er ihr innerstes Wesen erfaßt, erkannt und mit dem eigenen verschmolzen. Und sie ist für Varnhagen Freundin, Geliebte, Weib und Mutter gewesen! Rahel bedauerte stets, daß Mutterglück ihr versagt blieb; sie äußerte später oft: „Ich bin eine Mutter ohne Kinder!" Aehnlich, wie Marie von Ebuer-Escheubach sagt: „Die Kinderlose hat die meisten Kinder", umfaßte sie gleich dieser ihre Neffen und Nichten mit dem reichen Schatze ihrer Liebe, und -diese sahen in ihr stets den besten Spielkameraden. Rahel verstand es in ganz ungewöhnlichem Maße, Freunde zu gewinnen und Freundschaft zu betätigen. Es ist bekannt, daß ihrem ersten Salon alle größeren und kleineren Berühmtheiten des In- und Auslandes angehörten. Das Unglücksjahr 1805 hatte diesen zerstört; als sie in ihrem eigenen Heim wieder ihren Salon eröffnen konnte, verstand sie aufs neue Geselligkeit edelster Art zu pflegen, und alle, die je des Vorzuges teilhaftig geworden, .in ihren Salon Zutritt zw gewinnen, sind auch ihre Freunde geworden. Die Frau, die an der Entwicklung des Menschengeschlechts wie an den Politischen, ästhetischen, wissenschaftlichen und sozialen. Fortschritten der Welt, von begeisterter Vaterlandsliebe beseelt, den -lebhaftesten .Anteil genommen, bezauberte alle durch die entzückende Art ihrer Rede. Sie sprach oft mit geistvollem Ernste, oft in sprudelndem, zündendem Witze. Man lauschte ihren Worten, die man zitierte; ihre Urteile betrachtete mall als Orakelsprüche. „Fein organisierte Menschen müssen Zerstreuulig haben/' erklärte sie und . bezeichnete, ihr Genie unterschätzend, ihre läl&iiil

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