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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-29 · Heft 22 (29.5.1908) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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—— 2S§ WMMV Auf' meuschlichtzn LebenT-childet/ Ändbaß' ^esefom mitzurwor-'- züglichsten Aufgabe' des P^eKgevs»--'geMtj^üvalle-' Zeitsragew wie' für alle moderne ProbleMe-'An-e, Antwort aus der':'Bibel.' und' dem Midrasch/zu finden. -^Wende sitz^nnvrund.-'rw.iedeVi um, Du wivst alles in ihr 'finden",,wie sener abte Lehvev-in' de'rt Sprüchen der Väter' richtig meint. ',?•■:-;■'• , :? -/•'•• '■'• Aber etwas anderes würde eher eine'Rücksichtnahme auft die moderne Zeitströmung verlangen/ und das ist-die-F orm der Predigt. Wenn - sich in. der - Literatur-••: ein ganz/ neuere Stil herausgebildet, warum sollte gerade-die-Predigt/chiedochauch ein 'klein wenig das Anrecht hat, zur Literatur gezählt zu werden, in ihren alten, abgetretenen Bahnen dahinwandeln?- Nun mag es ja seine Richtigkeit habendaß jedes Genre seine 'Eigenart besitzt und womöglich auch beibehalten soll. Aber sich darum krampfhaft noch -heute an jene äußere Forur 'zu halten, wie sie die Predigt bei ihrem , ersten - Aufkommen besessen, wäre wohl ein übel angebrachter -Konservatismus. Es klingt unzeitgemäß und ziemlich veraltet, wenn noch heute viele Redner zu Beginn ihrer Predigt um himmlische Erleuchtung für ihre auswendig gelernten Worte .flehen, anstatt sofort in -medias res zu gehen. Es macht dies den modern gebildeten Zuhörer von vornherein - skeptisch gegenalles weitere, und nötigt anderseits dem Redner selbst ein Pathos aus, das heutzutage gleichfalls schon etwas deplaciert ist. Eine noch häufiger anzutreffende Gewohnheit vieler Prediger ist die, es dem Zuhörer so deutlich als möglich unter die Nase zu reiben, — zumeist durch Wiederholung des Textwortes und erneute Apostrophierung der „andächtigen Gottesgemeinde" — bis wohin die Einleitung gegangen, wo der erste, der zweite und wo der dritte Teil der Rede beginnt. Ein hervorragender Kanzelredner äußerte sich einmal mir gegenüber, daß ihm ein solches Vorgehen gerade so komisch erscheine, wie wenn ein Baumeister bei einem fertiggestellten Hause noch weiter das Gerüst stehen ließe. Es ist dies alles nur eine Art Krücke, mit der man in den diversen theologischen Lehranstalten gehen lernte, die man aber, wie so manches andere, was als Theorie unzweifelhaft vollste Berechtigung haben mochte, in der Praxis ablegen muß. In dein Verkennen des letzteren Umstandes mag zum Teil auch die Wirkungslosigkeit so mancher kunstgerecht aufgebauten und mit allen rhetorischen Schönheiten versehenen Predigt zu suchen sein. Und wer es unternehmen wollte, mit einer in dem Rabbinerseminar als vollendete Kunstleistung geeichten Rede' vor ein Publikum zu treten, der würde, wenn er es versteht, in den Mienen seiner „andächtigen" Zuhörer zu lesen, eine gewaltige Enttäuschung erleben All düs, worauf der Redner besonderes Gewicht gelegt, all die subtilen Feinheiten, die er herausgearbeitet, sie gehen säst wirkungslos vorüber, stoßest fast auf kein Verständnis. Es ist Selbstbetrug, wenn man von einem Zusichemporheben des Publikums spricht; das Publikum ist — wenigstens der allergrößte Teil desselben — bequem und denkfaul, es 'ist wie ein Kind, dem man die großen Brocken erst verkleinern muß, ohne daß sie dabei an Schmackhaftigkeit 'verlieren dürfen. Die Kanzel ist — leba^vdü wen tiakodesch lechol — in gewissem Sinne auch eine Art Bühne, und wie-dort alles psychologisch zü fein Zugespitzte, alle allzutiefen'subtilen Gedanken unbemerkt zu Boden-fallen, so auch ausder Kanzel.' Damit soll/aber, wie gesagt, bei-weitem nicht der. Plattheit, dem leeren, hohlen Phrasentum das Wort geredet werden; es will nur hervorgehoben werden, duß die'namentlich bei jüngen Predigern beliebte Sucht, auf der--Kanzel den tiefunp scharfsinnigen, mit profundem 'Wissen erfüllten-Gelehrten 'äpzu 'chrvndnziert/chervorkehren zu wollen, sich in abstrakten, philosvphisch'tzehätteüen .Jd^en und Gedankenbildern zu ergehest, dem/Erfolgihrer Kanzetwirksamkeit sehr beeinträchtigen muß-. Da Wunen-mns/iwiederumdie von dem . „Tagebüch des nord- . deutschen- Rabbiners" soverpönten Midrasch-Lehrer zum nachahmenswerten. Vorbilde. dienen, die alles Abstrakte in ein /konkretes. Gewand zu kleiden suchen, für jede höhere Idee ein Möschol-. lemo.- hadowor daumeli („wem gleicht diese Sache"), i gleich - zur Hand haben. * Um das bisher Gesagte kurz zusammenzusassen: eine mehr : moderne dein heutigen Zeitstil angepaßte äußere Form, lebendig, Anschaulichkeit der auf der Kanzel entwickelten Gedanken, geschöpft aus dem alten, aber ewig jungen jüdischen Schrifttum, : das ist es, was der heutigen Predigt vielleicht die frühere Anziehungskraft verleihen kann, die von allen religiös Fühlenden : gewünscht wird. Mn neues Ouch über „Sshrl"? ' Von Regina N ei ff er. je berühmte schwedische Schriftstellerin Ellen Key genießt in Deutschland durch ihre trefflichen Werke Heimatsrechte und.die höchste Verehrung, insbesondere in der deutschen Frauenwelt, und nicht zum mindesten in der jüdischen Glaubens; ihr epochemachendes Buch „Das Jahrhundert des Kindes" ist zu deren Andachtsbuch geworden. Es wird nun das wärmste Interesse in den weitesten Kreisen Hervorrufen, daß die nordische Schriftstellerin, selbst eine hochbedeutende Frau, sich mit aufrichtiger Bewunderung und liebevollstem Verständnis in die Persönlichkeit und das Wesen einer vielgefeierten, kongenialen Müschwester einer früheren Knlturepoche vertieft. Ellen Key bezeichnet Rahel als die größte Frau, die das Judentum hervorgebracht hat, als die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann. Sie betont gern, daß sie in ihrem Urteil mit Georg Brandes, dem dänischen Literarhistoriker, dem sie diese Studie widmet, übereinstimmt, der von Rahel sagt, „sie sei das erste große und moderne Weib im deutschen Kulturleben", ebenso mit Hillebrand, der einmal den Ausspruch getan hat: „Rahel als Weib und Goethe qls Mann seien in gleichem Grade typisch für ihre Zeit". Rahel zählt zu den feinsten Kulturträgerinnen aller Zeiten; int Goetheschen Sinne hat sie während ihres ganzen Lebens tue. uralte jüdische Nächstenliebe durch „Edel sei der Mensch, hilfxeich und gut" betätigt; im Goetheschen Sinne ist ihr „das höchste Glück der Erdenkinder, die Persönlichkeit", zuteil geworden. Vermöge des hohen, erzieherisch fördernden Einflusses, den Rahel ans ihre Zeitgenossen ausgeübt hat und, nachdem sich seit ihrem. Tode bereits drei Vierteljahr- Hunderte vollendet haben, noch bis zur Stunde auf dje -Kachwelt ausübt, gehört sie zu der Gruppe der großen Männer und Frauen, die zu'Erziehern des Menschengeschlechts geworden sind.; Ellen Key will durchaus keine Mygraphie Nabels geben, die zugleich ein Zeitbild darstellt; sie weist auf das treffliche Werk von O. Berdrow hin. Mit liebevoller Feder das Bild, die Persönlichkeit der seltenen Frau zeichnend,, führt sie vielfach. Nahels eigene Worte an, die deren Mnzes schönes-Selbst .wiederspiegeln und nur geeignet sind, die- Verehrung für sie zu steigern.; Y. Biographien bedeutender Frauen. In Verbindung mit anderen herausgegeben von Ernst Haberland. Band VII: „Rahel". Eine^biographische Skizze von Ellen Key. Einzig autorisierte Uebertragung chus dem schwedischen Manuskript, von Marie Franzos. Verlag von ' U/ 'Hctb^rländ,' Lelpzig-Ä. - ■ .

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