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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-29 · Heft 22 (29.5.1908) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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. —— 257. ntunb" nichts gemein. Wenn sich ,die Herren von der Partei des Fürsten Liechtenstein darob ärgern, daß ein Universitätsprofessor, und noch viele mit ihm, gewisse Dogmen der katholischen Kirche mit ihrem besseren Wissen nicht in Einklang bringen können, und dies offen gestehen, dann geht dies uns Juden gar nichts an. Wir können nur eins sägen: Mit einer natürlichen Folgerichtigkeit entwickeln sich bei uns.die Verhältnisse. Diejenigen, welche dazu beigetragen haben, daß das Judentum täglich in seinen heiligsten Gefühlen verletzt wurde, können jetzt die Erfahrung machen, daß, wer Wind sät, Sturm ernten wird. Weitausschauende Menschen konnten sich sagen, man werde beim Alten Testamente nicht stehen bleiben, und auf das Alte werde das Neue folgen. Das ist nun geschehen. Es liegt in der ganzen Wahrmund- Affäre eine gewisse Nemesis, die jetzt diejenigen zu verkosten bekommen, die mit dem Feuer spielten und sich als Rassenantisemiten bezeichneten. Wir Juden haben gar keinen Anlaß, uns für Wahrmund zu echauffieren. Was das Judentum lehrt, steht mit der Vernunft in keinem Widerspruche; wir haben keine Dogmen zu verteidigen, wir haben keine zu bekämpfen, kurz, die Affäre Wahrmund ist eine innere Angelegenheit gewisser Kreise, die wir in ihrem Treiben nicht stören wollen. Machet euch selbst Ordnung in eurem Hause, so rufen wir allen jenen zu, die jetzt Wahrmund zu einem Semiten umschaffen wollen; ihn, der seine arische Abstammung nachweist. Ein jüdischer Advokat hat den Professor Wahrmund bei seiner Einspruchsverhandlung gegen die Konfiskation seiner Broschüre verteidigt. Dieser jüdische Rechtsanwalt hängt mit dem Judentum zusammen wie sein Klient. Wir stehen diesem Falle , ganz objektiv, ganz unparteiisch gegenüber. Nur auf eins wollen wir noch zurückkommen. In den Budgetverhandlungen über das Kapitel „Unterricht", die jetzt geführt werden, hat sich der Referent, Herr Bilinski, folgende Entgegnung gegen Wahrmund geleistet. Er fühle sich als Katholik durch Wahrmund, tief verletzt und spreche im Namen aller in ihren religiösen Gefühlen tief verletzten Katholiken. Man wage es, in Oesterreich gegen den Katholizismus in einer Art zu schreiben und zu sprechen, wie man es etwa gegen die Gebräuche der Juden in Galizien, Bilinskis Heimatlande, nie zu sprechen oder zu schreiben wagen würde. Hört man da nicht ein höhnisches Auflachen? So schlägt man der Wahrheit ins Gesicht, während in Wien eine große Protestversammlung abgehalten wurde, in der matt laut gegen die Vergewaltigung Hilsners spricht. Gibt es eine schwerere Beleidigung einer Religion,- als wenn man im zwanzigsten Jahrhundert einen Menschen einsperrt, weil man ihn anklagt, er habe einen „Ritualmord" begangen. Gegen uns Juden holt man das Rüstzeug aus dem finstersten Arsenal des Mittelalters, und dann sagt man, gegen das Judentum wage man nicht auszutreten wie gegen den Katholizismus. Man weiß nicht, soll man Über diese Heuchelei lachen oder sich ärgern. Ob Wahrmund an der Religion gefrevelt hat, ist nicht unsere Sache zu untersuchen, aber am Judentum wurde und wird täglich gesündigt, und, solange Hilsner nicht befreit ist, hat niemand das Recht, zu behaupten, man wage es nicht, das Judentum zu verunglimpfen. Eine andere Frage ist es, ob Wahrmund als Kirchenrechtslehrer das Recht gehabt habe, gewisse Dogmen Des Katholizismus anzugreifen. Wäre er ein Theologe gewesen, hätte man ihm dies verübeln müssen, als Professor einer weltlichen Fakultät hat er die Pflicht, die Wissenschaft allein reden zu lassen. Es ist kein Zweifel, daß alles, was Wahrmund über die Entwicklung des Katholizismus in seiner Verteidigungsrede während seines Prozesses sagtet Gemeingut der ganzen wissenschaftlichen Welt ist. Es sind dies heute gleichsam Axiome, an deren Richtigkeit kein vernünftiger Mensch zweifelt. Daß auch der päpstliche Nuntius kein Recht hat, der österreichischen Regierung vorzuschreiben, welche Professoren sie sich anstellen will, und wo dies geschehen soll, wird niemand bezweifeln. Die Konkordatszeit ist wohl endgültig in Oesterreich vorüber, mag auch der Nuntius behaupten, für dre katholische Kirche bestehe es noch. Vor 50 Jahren war es' allerdings anders. Damals, im Jahre 1858, ereignete sich der berüchtigte Fall Mortara, unseligen "Angedenkens, im Kirchenstaate, und die Regierungen Frankreichs, Englands und der Vereinigten Staaten weigerten sich, in die inneren Angelegenheiten des päpstlichen Staates einzugreifen, und auch jetzt wird es sich der österreichische Staat nicht gefallen lassen, daß der Vertreter des Papstes ibm Vorschriften mache m bezug auf die Besetzung seiner Lehrkanzeln. Die Zeiten sind andere geworden, und auch Prinz Liechtenstein und sein reisiges Gefolge vermögen nicht in das Rad der Zeit zu fallen und die Sonne zu verdunkeln. So ist denn die Affäre Wahrmund ein Dokument der Zeitgeschichte, aus dem wir alle lernen können. Scheinbar ist die Macht einer gewaltigen Partei in Oesterreich eine ünerschütterte; wer aber weiter ausschaut, kann sich der Meinung nicht erwehren, daß auch in ihr manches faul ist. Die Wissenschaft und das von ihr ausgehende Licht werden die Rückschritts- und Reaktionsparteien, die sich nach dem Konkordat sehneN, zum Sturze bringen, denn das Rad der Zeit läßt sich nicht in seinem Laufe aufhalten. Lueger hat aus seinen Ruf, die Universitäten zu erobern, eine Antwort erhalten, die er nicht erwartete. Er hat nicht ungestraft die Geister gerufen, die sich nun nicht mehr werden bannen lassen. Die Affäre Wahrmund gibt uns die Gewähr dafür, daß auch bei uns die Wahrheit auf dem Wege ist — und siegen wird. Iwri. „Mit möchte ich predigen?" Eine Erwiderung von Dr. Max Steis-Rausnitz. ls ich vor einigen Wochen obigen Titel in diesen Blättern las, da empfand ich ein Gefühl freudiger Genugtuung. Endlich also doch jemand, der den moralischen Mut findet, an eine Frage zu rühren, die sich im Stillen wohl jeder Berufsgenosse vorgelegt, über die sich jedoch volle Klarheit zu schaffen, sich offen und freimütig auszusprechen, man doch mehr oder minder eine gewisse Scheu. empfindet. Ich dachtemir, jetzt wird in einer Art Beichte gezeigt werden, worin die eigentliche tiefere Ursache zu suchen sei, wenn die moderne Predigt nicht immer jene Wirkung erziele, die von ihr erwartet wird. Nun so treffliche' Gsdänken das ^Tagebuch" dieses norddeutschen Rabbiners der Oeffentlichkeit diesbezüglich verriet, es hat doD' nicht Me^, ÄEwöhl vpn den meisten gefühlt wird, zum /vollen gebracht. Und namentlich darf ein Punll' nicht unwidersprochen bleiben, dem die teilweise Schuld an der Eindruckslosigkeit mancher Predigt zugeschrieben Wirde Das „Tagebuch" stellt es nämlich als einen Fehler des modernen Predigers hin, wenn dieser allzuviel sich auf Bibel und Midrasch beziehe,- weil diese, doch .heutzutage weniger „im Vordergründe des Gedankenkreises des Publikums stünden". So richtig. leider der Nachsatz ist, so sonderbar klingt der Vordersatz im Munde eines Rabbiners, der es doch wissen müßte, welch -.unerschöpfliche Quelle gerade Midrasch und Bibel für alle Jdeenkreise der Menschen, für alles Um und

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