Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
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--— ä&fc -=■- Moabit-' nnt Herrii Rechtsanwalt- Ullrich- ' dev bekaN ntei^-Antisemitischen Leuchte, und in Berlin b mit Amtsgerichtsrai Köhler einen letzten schüchternen Versuch, die immer" dünner gewordene Gefolgschaft zu sammeln. Bei den/Landtagswahlen in Preußen, haben die Antisemiten bisher wohl oder übel ihre agitatorischen Gelüste infolge des preußischen Wahlrechts stark einschränken müssen; sie haben lieber Anschluß an dieihnen .nahestehenden reaktionären Richtungen gesucht, da sie die Erfahrung gemacht haben, daß mit der Entfaltung des „reinen" antisemitischen Programms bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause keine sonderlichen Geschäfte zu machen sind. Zu den in der vorigen Nummer aufgezühlten liberalen Kandidaturen haben wir übrigens'heute noch zwei von Juden hinzuzufügen. In Luckenwalde ist Fabrikbesitzer Stadtrat Pariser und in Altona Rechtsanwalt Waldstein als Landtagskandidat aufgestellt worden. * Nach bei dem deutschen. Bureau öe.v :AI]knee Jsraelite Universelle ein getroffenen zuverlässigen Nachrichten gus Rumänien fährt die dortige Regierung -fort, die Juden besonders in der Moldau zu bedrängen. Infolge der systematischen, aus den Ruin der jüdischen Bevölkerung gerichteten Weisungen des Ministers Bratianu werden zahlreiche jüdische Familien aus dein Distrikte Jassy vertrieben. In Bivolari erhielten fast alle Juden, die kein unbewegliches Vermögen besitzen, Ausweisungsdekrete und befinden -sich iu einer verzweifelten Lage. Einflußreicher Invention ist es vorläufig gelungen, einen kurzen Aufschub zugunsten der Ausgewiesenen zu erlangen; wenn aber nicht sofort von einflußreicher Seite nachdrücklichste Vorstellungen an maßgebender Stelle erfolgen, droht neuerdings unzähligen Familien Ruin. Und wird nun wirklich von einflußreicher Seite ^twas gegen dieses-Treiben erfolgen? Wir fürchten, daß dies'nicht geschehen wird. Denn unsere bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiete haben uns gelehrt, daß den einflußreichen Kreisen, auf die es hier ankommt, das Schicksal der rumänischen Juden -sehr geringe, der Stand der rumänischen Finanzen dagegen sehr große Sorge macht. Die Frage, ob die russischen Juden von der Wehrpflicht 'befreit" werden sollen — es handelt sich jährlich um 16- bis 18 000 jüdische Rekruten — beginnt die Gemüter immer mehr zu erhitzen, obwohl die Duma ja bereits den Antrag' der „echten Russen" entschieden abgelehnt hat. Die Ausfälle von der Rechten sowohl im Parlament wie in der Presse werden immer schärfer. ' Auf der ganzen Linie ist das Schtagwort ausgegeben: „Die Juden demoralisieren die Armee und müssen aus derselben." Und dabei ist von- 28 Rekruten immer Nür ein jüdischer. Für das laufende Jahr z. B. hat die Regierung das Rekrutenkontingent aus 469 000 Mann berechnet. Wir Rechte glaubt selber nicht, daß sie ihren Plan von heute auf morgen verwirklichen werde, sie rechnetsogar mit einöm Widerstand des Kabinetts Stolypin, aber sie hält ihren Plan,- der in der „Sphäre" von Zarskoje Selo-große Sympathie findet, für so aussichtsvoll, daß sie' ihre Propaganda auf Ausschluß der Inden aus der Armee unentwegt weiterführt.- Der eigentliche Grund dieser Propaganda wird ziemlich sorgfältig' maskiert, nur der „Swet" plaudert zuweilen aus der Schule. Die Rechte erkennt, daß die Frage der jüdischen Gleichberechtigung früher oder ffpäter auf das Tapet gebracht werden wird, und daß'die Regierung'nicht umhin können Wird, - dem „Zeitgeist" gewisse Zugeständnisse zu machen. Wenn es aber : gelingt-, -die^Juden im Interesse -wes Staates von der Wehrpflicht -zu ^befreiest"- -so Habett-'-deMGWer^wen der stärksten Trülnpse 'gegen - did --Adische 'ÄlUchb'Mchstgmi^ in der Hä'nd Und können diese auf lange hmüMschiMM..^Me'Dktöbriften sind in' der größten Verlegenheit; sie wissen nicht, wie sie in. diesev Frage lavieren sollen. Das Parteiprogralnm hat die Herbeiführung der „allmählichen" Gleichberechtigung der Juden proklamiert. Aber, das Gros der Partei, besonders hie Deputierten aus dem Süden, ist von Antisemitismus durchtränkt und hat den betreffenden Programmpunkt stets nur als ein theoretisches Zugeständnis ausgesaßt, das man Praktisch beliebig lange zurückstellen kann. Das Gros der Oktobristen wird also kaum von den Führern der Partei zu gewinnen sein, der Propaganda der Rechten irgendwie ernstlich entgegenzu? treten. Wie groß die Verlegenheit in den oktobri stischen Kreisen ist, erhellt am besten daraus, daß das yktobristische.. VlM „Golos Ppawdy" eine Art Armeeplebiszit vorschlägt-. Man habe jetzt über ein Menschenalter praktische Erfahrungen mit dem Frontdienst der Juden gemacht; es müffe also überden Wert derselben in der Armee eine ganz bestimmte Anschauung bestehen. Folglich müsse mau die Armee befragen, d. h. nicht ihre Spitzen, welche das militärische Leben von der Höhe der Theorie betrachten, sondern die Leute, welche wirklich mit dem praktischen Frontdienst zu tun haben, d. h. vor allem die Kompagniechess, die jüngeren Offiziere und, wenn möglich, auch die Mannschaften der älteren Jahrgänge. Wenn das Urteil dahin ausfalle, daß die Armee die Juden nicht will, so müsse man die Stimme der Armee achten. Falle das Urteil nicht so entschieden aus, so könne man die jüdische Frage vom historischen,, nationalen, ökonomischen und staatlichen Gesichtspunkt debattieren. In der größt-en politischen Partei -des Landes besteht also eine offenbare Neigung, die Verantwortung für die Entscheidung in einem der wichtigsten Teile der jüdischen Fräge von 'sich auf die Armee abzüwälzem In welchen politischen Strudel müßte aber die Armee gezogen werden, wenn der vom „Golos Prawdy" vorgeschlagene Weg der „Befragung" der Armee wirklich beschritten würde? : V ' \i ■ ' In Finnland mit seiner Händvoll Juden ist die „Judenfrage" allmählich zu einer'der brennendsten Landesfragen geworden und wird anscheinend nicht von der Tagesordnung verschwinden, bevor sie eine einigermaßen befriedigende Lösung gefunden hat.., Wan schreibt darüber aus Helsingfors: Nachdem der Delegiertentag des Handelsstandes, fiel)- in radikalantisemitischem ^Sinne,, mit den Juden beschäftigt hat, fühlen sich nunmehr-auch die fortschrittlichen Elemente, gedrängt, ihre Stellungnahme zu dieser Frage, por der Oeffentlichkeit klarzulegen.,Zn diesem Zwecke wurde für den 10. Mai eige. Massenversammlung in Helsingsors anberaunst, zu der sich mehr als 2000 Bürger, Angehörige der verschiedensten Klassen und Parteien, eingefunden hatten. Die Redner dieser Versammlung versuchten in drastischer Weise die moralische Verwerflichkeit, die verrohendem Wirkungen und die "innere Haltlosigkeit der bestehenden Jüdengesetze^u 'kennzeichnen. Besonders hervorgehoben zu ' werdest' verd1entzn,AeDuÄla^uMD ’«ne§ Redners, her sich mit der Entstehungsgeschichte "und der Entwicklung der Rechtsbeschränkungen der Juden beschäftigte. Die ersten, speziell gegen die Juden gerichteten Maßnahmen datieren - aus' dem Jahre ltf/72, alsq aus einer Zeit, in der noch ein großer Teil Finnlands zu 'Schweden gehörte-. Damals würde bestimmt, 'daß nur .Christen -in'Schweden und Finnland Bürgerrecht erwerben können. Einige Jahre später wurde den Juden im Wege einerMegiernngsVerordnung erlaubt, sich in Stockholm, Gordkoping und Göteborg niederzulassen: Diese Verfügung :würdedamals unter der Macht der Verhältnisse ■ erlassen, aber bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht gesetzlichchestgelegt.