Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
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Änsere angesehenen Glaubensgenossen geben jetzt oft den Feinden Israels recht, wenn sie gleich.uhnen die zir große ZaH-.jüdischer, Intellektueller' beklagen, wenn siebedauern, - daß'< - es ' .-zuviel'< Akademiker ‘ und^ Kausteuie, ünter uns'gibt. Ist. es nicht'-inu Gegenteil' aüeMnnenswertdaß Israeliten in von ihnen selbst überfüllten Berufen durch Energie "Und Tüchtigkeit vorwärts kommen, daß das Proletariat bei ihnen prozentual viel geringer ist als bei der Gesamtbevölkerung? Eine Minorität wie wir darf auch kein zu großes Proletariat haben, denn sonst nimmt die Zahl der Verbrechen zu, und bei der uns , gegenüber üblichen Verallgemeinerung heißt es nicht allein wie bisher: die Juden find Betrüger, sondern sie würden dann vielleicht gar auch zu Prostituierten, Dieben, Gewalttätigen und wer weiß was gestempelt werden. Solchen unrichtigen Verallgemeinerungen sind wir nicht allein ausgesetzt, So geht es beispielsweise auch Angehörigen bestimmter Berufe, und zwar, — wir könnten eigentlich stolz darauf sein — so geht es gerade den Zugehörigen sonst sehr hochgeschätzter Kreise. Hat ein Offizier sich etwas zuschulden kommen lassen, so heißt es gleich: „Seht, so sind die Offiziere!" So vorschnell und ungerecht urteilt die Masse auch häufig über andere ehrenvolle Berufe, über Aerzte, Rechtsanwälte und andere. Was hatte eine solche „liebevolle" Beachtung zur Folge? Bei den genannten und andern Ständen hat sich eine besondere Standesehre herausgebildet und man schützt sich auf alle mögliche Weise vor unerwünschten .Standesgenossen. Auch uns Juden gebieten die Verhältnisse, daß einer aus den andern achtet, 'daß wir uns bemühen, Mustermenschen zu sein. Zudem verlangt dies ja von uns unsere Religion. Wir sollen sein „ein Volk von Priestern, ein heiliges Volk". Darum müssen unsere Glaubensgenossen die möglichst beste Erziehung genießen, auch unsere Armen und Dürftigen müssen gute Schulen besuchen und — damit sie dem Judentum nicht zur Schande gereichen — eine gesicherte Existenz haben. Daran sollten unsere maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten denken und danach handeln, wenn sie dem Judentum und damit auch der Welt nützen wollen. Unbewußt handelt auch jeder, wenigstens für seine Kinder, in dem Sinne. Denn welcher Bessersituierte läßt bloß den Antisemiten und der bösen Statistik zuliebe seinen Sohn Handwerker oder Landwirt werden? Wer von den wohlhabenden Glaubensgenossen Handwerk und Ackerbau so hoch schätzt, der lasse doch seine Angehörigen diese Berufe ergreifen, bringe aber keinen armen Mann, der seinen begabtest Wöhü" studieren lassen will, von seinem Vorhaben ab; er halte es im Gegenteil für seine Pflicht, ihn nach Kräften zu unterstützen. Wir erinnern an die Verhandlungen, die neulich beim Unterrichtsetät im Abgeordnetenhause gepflogen wurden. Da, brachten die Nationalliberalen einen Antrag ein, daß für besonders befähigte Volksschüler in größerem Umfange wie bisher die weitere Ausbildung zu ermöglichen und daß Staatsmittel dazu bereitzustellen seien. Diesem Anträge stimmten Anhänger aller Parteien zu. Geheimer Justizrat Cassel drückte seine Sympathie für den Antrag am Schlüsse seiner Ausführungen mit folgenden Worten aus: „Eine höhere Bildung darf nicht das Vorrecht einzelner Klassen sein. Im Interesse des Staates und, der Versöhnung der Gegensätze sollen" Einrichtungen geschaffen werden, die . Hervorragenden Talenten den Weg öffnen, dem Staat nach ihren Kräften zu dienen." ' Bei " uns ist seit alters her das Streben nach Bildung besonders rege. Lassen wir uns weder durch die Antisemiten noch durch die Statistik von unfern alten Grundsätzen abbringön. Nimmt infolge günstiger Existenzmöglichkeit die Zahl der jüdischen Handwerker und Landwirte zu, so haben wir allen Grund, uns darüber herzlich zu freuen. Freuen wiruns.aber noch viel mehr, wenn möglichst viele JudsN in:die höheren Berufe aüfrücken, wenn durch sie Äifsenschast und Künste befruchtet werden. Unterstützen wir nach wie vor Me begabten Kinder der Armen, der Ungebildeten, denn nach einem Satz? des'Talmud wird durch sie gerade die Thora, das heißt in heutigem Sinne Kunst und Wissenschaft, zur Größe gebracht. Dir Wochr. Berlin, 26. Mai. Aufmarsch der Parteien zu den Landtagswahlen ist so ziemlich vollendet. Wir. haben nunmehr einen Ueberblick über das Schlachtfeld und können auch die Positionen der Gegner überschauen. Die deutsch soziale Partei wird in der nächsten Legislaturperiode im Abgeordnetenhause voraussichtlich überhaupt nicht vertreten sein. Die wenigen Kandidaten, die sie in anderen Wahlkreisen-im Verein mit. dem Bund der Landwirte ausgestellt hat, bieten kaum Aussicht auf einen Erfolg. Auch die Reförmp artet hat damit zu rechnen, daß ihrem einzigen Vertreter im Landtag, Herrn Werner, der iit Rotenburg-Hersfeld mit einer Majorität von 13 Stimmen gewühlt wurde, diesmal die Pforten des Abgeordnetenhauses verschlossen bleiben werden. Von den Kandidaturen, die die C h r i st'li ch s o z i a l e-n aufgestellt haben, kommt ernsthaft nur die Bewerbung des Lic. Mumm um das Mandat in dem Landtagswahlkreise Halle-Bielefeld-Herford" in Betracht. . ' Im Nachbarwahlkreise Minden-Lübbeckewo 1903 der den christlichsozialen Antisemiten nahestehende Landwirt Sielermann mit 301 gegen 215 liberale Stimmen gewählt worden ist, bleibt die gleiche Konstellation wie damals bestehen. Die übrigen Kandidaten der Christlichsozialeu, die'im Kompromiß mit anderen rechtsstehenden Parteien in einzelnen sicheren nätionalliberalen Wahlkreisen ausgestellt worden sind, sind nur als Zählkandidaten zu betrachten. Im Verein mit dem Bund der Landwirte und der Wirtschaftlichen Vereinigung haben die Deutschsozialen ferner noch in Nordhausen dem bisherigen volksparteilichen Abgeordneten Dr. Wiemer den Kammerherrn von Bila-Hainrode als Kandidaten entgegengestellt. ' In Göttingen-Münden wird von der Wirtschaftlichen Vereinigung der Versuch gemacht, die Nationalliberalen durch die deutschsoziäle Kandidatur d?s Oberlehrers Dr. Henke aus dem Besitz zu verdrängen. In einer antisemitischen Wahlversammlung erklärte nach dem'Bericht des „Göttinger deutschen Boten" ein nationalliberaler Herr: „Wir Nationalliberale fassen den Antisemitismus von der Seite auf: Wo es an einem Orte gute christliche'und deutsche Geschäftsleute gibt, da soll man bei diesen kaufen und nicht bei den Juden." - 'Seltsamerweise-hat sich die nationalliberale Partei bisher noch nicht zur Desavouierung dieses angenehmen Zeltgenossen verst ehen können. . - -- Von der Mittelstands-Vereinigung ist bisher nur Herr Rahardt in Neuhaldensleben-Molmirstedt auf den Schild erhoben worden; außerdem sind mittelstandlerische Kandidaten in Danzig, Königsberg und Osterholz - Blumenthal Achim nominiert worden. - - Jü Berlin haben Konservative und Stöckersche Christlichsoziale vollständig abgewirtschaftet; sie machen nur noch in