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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-29 · Heft 22 (29.5.1908) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 22. Berlin, 29. Mai 1908. eitung desAudentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D«- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen ffir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. tzsndwrrii und Ackerbau. Berlin, 26. Mai. s ist vielleicht ein Mißverhältnis, wenigstens in Westeuropa, daß die Juden zum Handwerk und zum Ackerbau sich so wenig hingezogeu fühlen. Daran sind sie aber nicht schuld, es ist ein Ergebnis der jahrhundertelangen Verfolgungen und Bedrückungen. Man hat den Juden bekanntlich bis in die neueste Zeit hinein das Bürgerrecht vorenthalten und ihnen den Erwerb von Grund und Boden unmöglich gemacht. Dafür, daß der Begriff „Jude" bis heute noch hie und da jenen unangenehmen Beigeschmack des Schacherers hat, muß man gerechterweise die verantwortlich machen, die für unsere Väter einst keine andere Erwerbsmöglichkeit zuließen als den Handel und die Geldgeschäfte. Und das, was Jahrhunderte hindurch gewissermaßen gezüchtet wurde, läßt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen. Die Antisemiten, die uns Abneigung gegen körperliche Arbeit zum Vorwurf machen, wollen entweder diese geschichtliche Tatsache nicht in Betracht ziehen, dann sind sieBösewichter, oder es fehlt ihnen die Einsicht hierzu, dann sind sie ungebildete, bornierte Menschen. Die Natur macht keine Sprünge, auch die Menschennatur nicht. Entwicklung geht nur langsam vor sich. Es ist mit Freuden zu begrüßen, wenn sich die Juden im Zeitalter der Emanzipation immer mehr und mehr auch den sogenannten produktiven Erwerbszweigen zuwenden. Doch das muß sich ohne Zwang, auch ohne moralischen, ganz von selbst ergeben. Nur keine Treibhanskultur! Es ist aber, gelinde gesagt, moralischer Zwang, wenn Vereine und Stiftungen , bei Eltern, Lehrern, ja sogar bei den Kindern selbst Propaganda machen und durch materielle Versprechungen irgend welcher Art es auch durchsetzen, daß arme jüdische Knaben sich dem Handwerk und dem Ackerbau zuwenden. Nur Neigung und sonstige günstige Umstünde sollten dafür bestimmend sein, ob ein jüdischer Knabe sich den betreffenden Berufen zuwendet. Vor allem muß der Berus die Aussicht bieten, daß er seinen Mann ernährt, ihn vorwärts bringt. Erst dann könnte man zugestehen, daß Eltern, Lehrer, eventuell auch gewisse Vereine ihren Einfluß geltend machen dürfen, um geeignete Kinder auch weniger beliebten Berufen zuzusühren. Untersuchen wir nun, welche Aussichten das Handwerk sowohl als auch der Ackerbau einem Juden heute bietet. Es ist erwiesen, daß sich, was das Handwerk betrifft, gerade in den letzten Jahrzehnten eine kolossale Wandlung vollzogen hat. Das Handwerk im alten.Sinne hat heute keinen goldenen Boden mehr, seitdem die Großbetriebe durch die fortgeschrittenste Maschinentechnik die ehemaligen Handwerker auch durch ungelernte Arbeiter ersetzen können. Von Selbständigwerden, dem einstigen Ideal der Handwerker, kann bei kleinen Leuten immer weniger die Rede sein. Man weiß nicht, ob es unter diesen Umständen angebracht ist, intelligente Kinder ohne weiteres mit 14 Jahren zu irgendeinem Handwerker in die Lehre zu geben, wenn sie nach beendeter Lehrzeit doch nur Arbeiter in irgendeinem Großbetriebe sein können. Man hält es für eine Zeit- und Krastverschwendung, daß ein junger Mensch drei oder gar vier Jahre seines Lebens, und zwar sehr wichtige Lehr- und Lernjahre, opfert, ohne dafür in Zukunft irgendein Aequivalent zu haben. Der Lehrling bekommt nicht nur keinen Lohn, sehr häufig muß noch Lehrgeld gezahlt werden, und das Resultat: Der Handwerksgeselle füllt meist, nur dieselbe Stelle aus, wie der ungelernte Arbeiter, der seit seinem 15. Lebensjahre ununterbrochen Geld verdient hat. Es gibt nur wenige Handwerker, wir denken an Bäcker und Fleischer, die heute als Kleinbetriebe noch konkurrenzfähig find. Im großen und ganzen sieht es aber mit der Zukunst der kleinen Handwerker wirklich recht trübe aus. Das sollten gerade arme Eltern, die häufig ihre ganze Hoffnung auf ihre Kinder setzen, bedenken, wenn sie diese dem Handwerke zusühren wollen. Nicht bloß das Handwerk, auch der Ackerbau hat in unserm Vaterlande mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch hier ist es so ähnlich wie beim Handwerk: die Großbetriebe reüssieren, die kleinen Bauern dagegen fristen ein kümmerliches Dasein. Wieviel jüdische junge Leute werden überhaupt selbständige Landwirte werden können? Es gibt zwar heute schon jüdische Grundbesitzer. Wie brachten sie es aber dazu? Durch glückliche kommerzielle und industrielle Unternehmungen erwarben sie sich ein Vermögen und kauften sich ein großes Gut. Den jüdischen Landwirt möchten wir sehen, der sich trotz eingehender Sach- und Fachkenntnis von unten heraus zum Gutsbesitzer emporarbeitet. .Das gelingt höchst selten einmal einem christlichen Landwirt. Selbst wenn man von der alten Frage, wie sich der jüdische Landwirt (übrigens auch der Handwerker) mit den beiden Ruhetagen, dem religiösen und dem staatlichen, abfinden soll, ganz absieht, ergeben sich für den jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter und kleinen Bauern noch viel größere Schwierigkeiten als für den christlichen. Wer es also mit seinen Glaubensgenossen gut meint, wird ihnen auch nicht ohne weiteres zur Landwirtschaft zuraten können. Will, wie gesagt, ein Israelit aus Grund seiner Neigung und infolge günstiger äußerer Verhältniffe Landwirt werden, dann gut, wir reden in dem Falle nicht ab, im Gegenteil, wir freuen uns darüber und wünschen ihm viel Glück. Wir halten es aber für ein Unrecht, wenn man gerade die Kinder armer Juden dazu pressen möchte, daß sie sich der Landwirtschaft zuwendeu.

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