Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Vorsitzende des Kuratoriums, Sanitätsrat Dr. Zückermann, leitete die Feier durch eine formvollendete Rede ein, in der er den auf eine 140 jährige Vergangenheit zurückblickenden Verein schilderte, der aber bis vor einigen Jahren, vor Eintritt des Oberrabbiners Dr. Levi, ein bescheidenes Dasein führte. Dieser habe dem Verein eine andere Gestaltung gegeben, die Statuten umgearbeitet und den Zweck des Vereins als Krankenpflegerverein genauer festgestellt. Dann wandte er sich zu den Schwestern, um diese zu begrüßen. Oberrabbiner Tr. Levi drückte in-seiner Begrüßungsrede seine Freude darüber aus, daß seine Hoffnungen sobald in Erfüllung gegangen seien. Mit den besten Wünschen für die neue Institution schloß der Redner. Der Feier folgte ein Frühstück im Hotel Lange, welches der Herr Sanitätsrat Dr. Zuckermann mit einem Hoch auf den Kaiser einleitetc. Der Vorsitzende der Chewra Kadischa, Herr Iac-Fürst, schilderte in trefflichen Worten den Werdegang der mit der vor 143 Jahren gegründeten hiesigen Gemeinde auch gleichzeitig erstandenen Chewra Kadischa. Oberrabbiner Dr. Levi sprach den Wunsch aus, daß wie jetzt sich alles durch Truste und Konventionen zusammenschlösse, sich auch die Frauenvereine und alle Vereinigungen der Nächstenliebe zusammenschließen möchten, um gemeinsam Großes zu erzielen. Herr Salomon Servos begrüßte die Schwestern namens des Repräsentantenkollegiums, dabei den Wunsch aussprechend, sie möchten hier, in Crefeld, das zwar von der Natur nicht besonders bevorzugt, aber durch die Schlichtheit und Frenndwilligkeit seiner Bewohner für Fremde so anziehend sei, sich dauernd wohl fühlen und ihnen hier eine neue Heimat erblühen. Herr Michael Kamp toastete auf die anwesenden Damen. Sanitätsrat Dr. Zückermann vergaß nicht, der unermüdlichen Tätigkeit des Schriftwartes, Herrn Abraham Levi, um die Gewinnung geeigneter Krankenschwestern Dank und Anerkennung zu zollen. Zum freundlichen Beschlüsse sprach eine der Schwestern, im Namen der anderen, ihren Dank aus für den ehrenden Empfang. 1. MÄnche«, 14. Mai. Auf dem israelitischen Friedhofe fand am 10. d. M. Dr. Eduard Gla'ser die Ruhe des Grabes. Zur Erweisung der letzten Ehre hatte sich eine ansehnliche Gemeinde von Leidtragenden aus der Gelehrtenwelt und von Mitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde eingefunden. Rabbinats-Substitut Dr. Finkelscherer feierte in der Gedächtnisrede den Hingeschiedenen als Gelehrten und Forscher, der aus eigener Kraft, getrieben von dem Verlangen, die Geschichte und Sprachen der Völker zu erforschen, weite Reisen unternommen hat, um die Früchte seines Forfchens in der stillen Gelehrtenstube zu verarbeiten. In hohem Maße sei ihm die Achtung und Anerkennung der Gelehrtenwelt zuteil geworden, denn der charaktervolle und bescheidene Mann, dessen Herz in Liebe für die Menschheit schlug, habe von seinem reichen Wissen freigebig und gerne an jüngere Gelehrte mitgeteilt. Am Grabe widmete Universitätsprofessor Dr. Hommel einen Lorbeerkranz im Namen der Semitisten und Orientalisten. Auch die Geographische Gesellschaft hatte ihrem Ehrenmitglieds eine Kranzspende gewidmet. Er ruhe in Frieden! Gesterretch-Nnsarn. . LH Wie«, 18. Mai. Unsere Abgeordneten geben sich alle erdenkliche Mühe — aber es nützt ihnen nichts — ihre Interpellationen fallen meist unter den Tisch oder sie verlaufen wie das berühmte Hornberger Schießen. Auch mit der jüngsten Interpellation, die Hosrat Kurwanda in der Sitzung des Reichsrats vom 13. d. M. eingebracht hat, wird es kaum anders gehen. Sie betrifft die häßliche und. gemeine Art, in der die Antisemiten eine in Mähren erfundene Ritualmordgeschichte durch wörtliche Aufnahme des erlogenen Berichts in eine Interpellation.„immunisiert" haben./ Dies hatte zur Folge, daß sowohl die hier erscheinenden antisemitischen Blätter wie sämtliche judenseindlichen Provinzorgane diesen Artikel weiterverbreitet haben. Die jüdischen Abgeordneten verlangen nun vom Justizminister, daß er die Interpellation mit tunlichster Beschleunigung beantworte. Bei der Haltung, die der Justizministeb in solchen Fällen einzunehmen pflegt, dürfte die Aussicht aus. Erfüllung dieses Wunsches eine schlechte seim — Das Prager Organ der tschechischen Katholiken. „Cech"brachtedie nichtswürdige Lüge, daß unter den Juden Wiens und Prags eine Geld« fammlung für Professor Feilbogen eingeleitet worden sei. deren Ergebnis denselben für den Verlust seiner Lehrstelle entschädigen soll. Einige Juden in Prag hätten sich auf "der Subskriptionsliste mit Beträgen von 500 bis 1000 Kronen eingetragen! Die hiesigen Antisemiten erklärten natürlich sofort, daß man diese unerhörten Sammlungen selbst in liberalen christlichen Kreisen „als Demonstration gegen die katholische Kirche ausfasse". Selbstverständlich ist an der) ganzen Geschichte kein wahres Wort! — In Altofen ist Dr. Samuel Funk in Preßburg zum Rabbiner gewählt worden. Nutzland. yn. Warschau, 14. Mai. Vorgestern sammelte sich vor der russischen Kathedrale auf der Miodowa-Straße eine fast tausendköpfige Menge, bestehend aus armen, langröckigen Juden, an. Sie waren gekommen, um einem Begräbnis beizuwohnen, denn von der Kathedrale aus sollten die sterblichen Reste des verschiedenen demissionierten Obersten Lew Ossissow zu Grabe getragen werden. Der Oberst besaß im Judenviertel einige Zinshäuser und zeichnete sich nicht nur als nachsichtiger Hausherr, sondern auch als Mensch durch Opferwilligkeit und echte Nächstenliebe aus. Er trat in persönliche Beziehungen zu sämtlichen in seiner Gegend wohnenden jüdischen Familien, lernte dadurch deren Leben, Handel und Wandel kennen und griff oft in der Not mit Rat und Tat ein, so daß er sich in den jüdischen Kreisen Warschaus nicht nur große Popularität sondern auch Freundschaft und Liebe erwarb. Nun drängten sich seine Freunde vor der Kirche, viele jammernd und schluchzend, um ihm das letzte Geleite zu geben. Als oer Pope Tartarow erfuhr, worauf die Judenversammlung vor der Kathedrale zurückzusühren sei, befahl er, den Juden Einlaß in die Kirche zu gewähren und diefüllte sich bald bis aufs letzte Plätzchen mit einem an jenen: Orte ungewöhnlichen Publikum. Der Geistliche hielt dann eine Trauerrede, in der er betonte, daß der Dahingeschiedene zwar kein eifriger Kirchenbesucher gewesen sei, jedoch durch sein gutes menschliches Wirken den Einzug in den Himmel errungen habe. Der. Sarg wurde dann von den weinenden Juden hinansgetragen und in den Leichenwagen gestellt. Vor dem Grabe hielten wieder jüdische Freunde des Verstorbenen ergreifende Trauerreden in russischer und hebräischerSprache. Sie wiesen darauf hin, daß menschliche Bruderliebe sich über Nationalitäten und Religionen hinwegsetze, und es wurde ein biblischer Satz zitiert, daß die Gerechten ungeachtet ihrer Religion das ewige Seelen-' heil erringen. Nach der Beisetzung stimmte die Menge das ergreifende SoteiiHeÖ El mole rachamim an, das bei jüdischen Begräbnissen so erschütternd wirkt. Juden und Russen vergaßen für den Moment all ihr Leid und Wehe; es war ein Verbrüderungssest auf einem ' Boden, der an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert. Vim MH und jfrrn. Der Rechtsanwalt und Notar Plonsker ist zum Justizrat ernannt worden. — Die Jd,a Simon-Stiftüng im Betrage von einer halben. Million. Mark ist, wie der Polizeipräsident bekannt macht, vom König genehmigt worden. Errichtet von der verstorbenen. Frau Geheimen Kommerzienrat Simon, geborene Lehiveß in Berlin,., bezweckt die Stiftung die Unterstützung solcher Frauen und Mädchen,, die mit. akuten oder chronischen Frauenleiden behaftet sind. — Ebenso» wurde genehmigt die Zuwendung des verstorbenen Bankiers Julius- Bleichröder cm die Stadt Berlin (200000Mark), mit deren Zinsen bedürftigen Gemeindeschülern und Schülerinnen Ferienausflüge ermöglicht werden sollen. — Der Geheime Sanitätsrat Gustav- Simon zu Schöneberg hat den Roten Adlerorden dritter- Klasse mit der Schleife erhalten. Am 9. d. M. ist hier Herr Arnold . Weiß gestorben,, der seit Jahren im Ehrendienste der jüdischen Gemeinde gestanden und besonders als Vorstandsmitglied der Altersversorgungsanstalten treu und hingebend gewirkt hat. Fernersind in dieser Woche der bekannte Industrielle Kommerzienrat' Arthur Koppel-Berlin, Chef und Begründer der Aktiengesellschaft Arthur Koppel-Berlin. und der Sanitätsrat Dr. Louis Marcuse gestorben. Ehre ihrem Andenken! — In Posen wurde der Rabbiner Samuel Blum als Amtsgehilfe für dey greisen Oberrabbiner S. Feilchenfeld angestellt. — Professor Dr. Alfred Philippson in Halle hat den Ruf an die Universität Utrecht abgelehnt. — In Löschen ist der Rentier I. Speyer, der älteste