Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228820--64540-3276608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Kars 1× ep/2506332
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Es war ein armes Mädchen, Darka Barilöff. Ihre Eltern besaßen eine elende Schenke in der Vorstadt draußen und einen kleinen Acker.' r Auf diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit dem Leib einer Judith und dem holden, von rotblonden Flechten gekrönten Haupt einer Ruth das erstemal getroffen. Er war mit. seinem zerlesenen Buche hinausgegangen in die Felder, um sich in den Geist der Kabbalah zu versenken und sah Plötzlich das jüdische Mädchen, das hinter dem Pfluge ging, vor dem ein mageres kleines Pferd gespannt war. Da warf er den kostbaren Band weit von sich, ergriff den Pflug und setzte die Furche fort, welche Darka begonnen hatte, und als die Arbeit getan war, saßen sie auf dem Feldrain und sprachen zusammen ernst und verständig, während sie ans Feldblumen einen Kranz wand, und zwischen ihnen blühte unsichtbar eine Wunderblume auf, die Blume der Liebe. Der alte Rabbi erinnerte sich auch des'Tages, wo es zu . derverhängnisvollen Auseinandersetzung mit seinem Sohne kam. Er sah ihn in diesem Augenblicke vor sich mit seinen leicht geröteten Wangen und seinen leuchtenden Augen. Jedes der harten Worte, die er damals im Zorn herausgestoßen, war noch in seinem Gedächtnis geblieben, und er hörte in dieser einsamen Stunde der Verlassenheit noch einmal die Antwort seines Simon, der ruhig und ehrerbietig, aber mutig und begeistert wie ein Prophet sprach: „Der Jude," rief er zuletzt, „hat sich die unglückliche Lage, in der er sich heute noch in den östlichen Ländern befindet, nicht selbst geschaffen; er wurde durch seine Verfolger in die engen, finstern Straßen des Ghetto gesperrt und von jeder Arbeit, jedem anderen Beruf ausgeschlossen, gezwungen, sich ausschließlich dem Handel zu widmen. Es ist aber unsere Schuld, wenn wir heute diese zweite babylonische Gefangenschaft verlängern, die Ketten sind gesprengt, die Schranken gefallen. Wer es mit seinem Volk, seinem Glauben ehrlich meint, der verlasse diese finstern Winkel, in denen nur ein kleinlicher, engherziger Geschäftsgeist zu blühen vermag, oder eine düstere, grillenhafte, unfruchtbare Wissenschaft. Heute liegt das Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher Tätigkeit. In Odessa haben erleuchtete . Männer Unseres Stammes sich an die Spitze einer Bewegung gestelltwelche den Juden vor allem zu der Landwirtschaft, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat. Ich will nicht mein Leben bei den Büchern versitzen, ich will nicht handeln und feilschen in einem dunklen Gewölbe, ich brauche Luft und Licht, und ich will selbst meinen Acker bestellen wie Boas." Der Vater blieb seinen Bitten verschlossen wie seinen Gründen, und als der Sohn bei seinem. Entschluß beharrte, hatte er schon einen Fluch ans den Lippen, aber er sprach ihn gottlob nicht aus. Dieselbe Nacht hatte sein Sohn die Stadt verlassen, und Darka war mit ihm entflohen. Seither, seit mehr als zehn Jahren, hatte man nichts von ihm gehört. Die Lampen brannten trüber, der Nebel um ihn wurde dichter, seine Augen schienen zu erlöschen. Der alte Rabbi barg sein Gesicht in den Händen und heiße Tränen flössen seine Wangen herab. Da ging leise, ganz leise die Türe, ein Schritt ließ sich vernehmen, so sanft und zaghaft wie vormals jener seines ... ' min ii ' r »ni i ii t ' Weibes, und' dann zupfte es am Aermel, erst furchtsam und dann immer dringender. Rabbi Abdon ließ die Häirde sinken und hob den Kopf. Träumte er noch weiter oder war es eine selige Vision? ..Vor ihm stand ein Knabe, groß und schön — SiMon — sein Sohn — wie er in jenen Tagen gewesen war, als der Greis sich abgemüht hatte, ihn beim Talmud und der Kabbalah festzuhalten. Langsam, immer von der Furcht geleitet, das schöne Bild könnte zerfließen wie der Nebel, wie die Phantomedie seine Erinnerung ihm vorzauberte, hob Rabbi Abdon die zitternde Hand und berührte den Knaben. Nein es war kein Schemen, er lebte. Der Greis, welcher die Arme nach ihm ausbreitete, um ihn zu segnen, um ihn an sein Herz zu ziehen, sprach feierlich den Namen des Ewigen aus, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, und begann dann laut zu schluchzen. , Durch die offene Tür stürzte jetzt Simon herein und zu den Füßen seines Vaters, der den verlorenen Sohn stumm an seine Brust drückte. Darka folgte, ein kleines Mädchen an der Hand und ein zweites auf dem Arme. Als Simon aufstand, staunte ihn der Rabbi an, er stand so groß, so kräftig vor ihm in seinen hohen Stiefeln, seinem roten Hemde und seinem langen Tuchrock, Und wie schön kleidete das junge jüdische Weib der gestickte Lammpelz und der Kokoschnik der russischen Bäuerin. „Deine Kinder!" sprach Rabbi Abdon. Es waren die ersten Worte, die über seine Lippen kamen. „Ja, Vater, dies ist Simon, der älteste, er hilft mir schon säen und führt die Pferde, wenn ich pflüge, und er liest auch schon die Thora und den Talmud." „Ihr habt Land gekauft? Womit?" fragte der Rabbi. „Aus dem Erlös unserer Arbeit," erwiderte Simon, „wir haben gepflügt, gesät, geerntet und gespart, und heute sind wir reiche Bauern." „Und es wird Dir nicht schwer dein Feld zu bestellen?" forschte der Greis, „kann Dein Körper es aushalten?" „Vater, ich war auch Soldat," rief Simon stolz, „ich habe mich gegen die Türken in Asien geschlagen und war dabei, als Grenadier, an dem Tag-der Ehren, wo wir Russen die Festung Kars mit Sturm nahmen." „Wir sind gekommen, um Dich zu holen, Vater", sprach jetzt Darka mit einem herzlichen Lächeln. „Ja, Großvater," rief der Enkel, der zwischen seinen Knien stand, „ich habe schon eine Laube für dich gebaut vor dem Hause, dort werden wir zusammen die Geschichten aus dem Talmud lesen, willst Du?" „Ob ich will?" ries der Greis, „gewiß will ich, Simonchen." Heute wohnt Rabbi Abdon bei seinen Kindern und mitten unter seinen Enkeln. Die Gesetzrollen, der Talmud, der Sohar haben die Reise mitgemacht, er sitzt aber lieber in der Laube vor dem Hause, die der kleine.Simon ihm erbaut hat und noch lieber in dem Haus aus Garben, das der Knabe ihm aufrichtet jedesmal, wenn die Ernte begonnen hat. Dann leuchtet der blaue Himmel über ihm, um ihn wehen die,Halme und Gräser, klingen die Sicheln, die Lieder der Schnitter, und er sitzt mitten in dem Segen mit seinem Talmud, ein echter Patriarch. ’ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. De.antwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.