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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 sein. Ueberhaupt müßte sich jeder Dramatiker erst als reiner Antisemit durch Vorzeigen eines Abonnements aus die „Deutschsozialen Blätter" legitimieren, und in jedem Stücke müßte er mindestens einige Dutzend Juden abschlachten. Vor Beginn des Theaters wird ein Prolog von Max Bewer vorgetragen, und in den Pausen werden herrliche antisemitische Melodien gespielt. Ein solches Theater wäre eine erlösende Tat für alles, was antisemitisch atmet, und sogar Graf Pückler würde seine Helle Freude daran haben und leichten Herzens . auf seine Vorträge in der Zukunft verzichten. Aber — wir fürchten, das wird ein schöner Traum bleiben, denn die Verjudung ist bereits zu weit gediehen, und auch unter den Antisemiten gibt es keine deutschen Männer mehr. ^gUUiLJ|gcy^ Der Lauer. Eine Geschichte von A. Lind heim. ^^ie Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends breiten sich langsam um die Türme und Dächer der kleinen Stadt, welche tief im Süden Rußlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schneewälle aufgeführt, welche die Menschen in ihren kleinen hölzernen Häusern gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumen an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings aufznblühen. Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer und graue eintönige Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon saß, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen. Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampe an und verschwand wieder unbemerkt, wie sie gekommen. Der Rabbi regte sich keinen Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all' die heiligen und geheimnisvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzrollen, die' Lederbände des Talmud, den Sohar, das Buch des Glanzes und des Lebens, an der Wand in eine Art Verklärung, aber der Greis sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper, in sich zusammengesunken, schien leblos, sein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die großen Augen verrieten, daß sein Geist noch nicht entflohen war. , Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte ein gottessürchtiges tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle Geheimnisse der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der Frommen und der große Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert haben soll. Was hals ihm aber seine Frömmigkeit? Was half ihm sein Wissen. Er war allein, einsam in der Welt, die er nicht verstand und die ihn nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die ihm nur mit heiliger Scheu und Ehrfurcht nahten. Was nützten ihm am Rande des Grabes Gemätria, Notarikon und Themura, die Lehren, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, daß er in stillen Nächten den Urquell des Lichtes des Geistes und des Lebens, den Verborgensten der Verborgenheiten wie hinter einem Schleier sah; daß er im Menschen die Welt im Kleinen, wie in einem Zauberspiegel betrachten konnte; daß er mit den zehn Sephirot und den vier Welten vertraut war, daß die Engel bei ihm aus- und eingingen? Wozu diente ihm seine Macht über die Geister und Dämonen? Er konnte Samael und Aschmadei bannen, wenn er wollte und die schöne Lilith zwingen, seinen Geboten zu gehorchen, aber er war machtlos gegen den Nebel, der sich um ihn zu Gestalten zusammenballte, gegen die Stimmen, die in der Stille des Abends heimlich zu flüstern begannen. Ja, er war allein mit seinen toten Schätzen, und er hatte doch einst ein geliebtes Weib gehabt, schön und tugendsam, und einen Sohn — ja dieser Sohn — wo war er? Lebte er noch? Oder war er geschieden von der Erde wie seine Mutter? Sie war ein stilles, reizendes Geschöpf, diese kleine Frau, die schlank und scheu wie ein Reh durch seine Zimmer schlüpfte, wenn er in seine Folianten versunken war. Selten nur stahl sich ihr Lächeln wie Mondlicht in seine Seele, meist beachtete er sie gar nicht. Vergebens schmückte sie ihre anmutigen. Glieder, vergebens ließ sie ihre Helle Stimme, ihr verschämtes Lachen in diesem finsteren Raum ertönen, in dem sich ein kleiner Menschengeist vermaß, die Pforten des Paradieses und der Hölle aufzureißen. Und sie hatte ihn dennoch geliebt, aber einsam, mit ihrem armen, darbenden Herzen war sie zu früh dahingewelkt, und eines Tages lag sie mit ihrem letzten Lächeln aus den kalten Lippen da. Er hatte sie verloren für immer. Und jetzt! Jetzt hätte er den kleinen Samtpantoffel an ihrem Fuße küssen mögen, wenn er nur wieder einmal ihren kleinen Schritt hätte vernehmen können inmitten dieser mit Staub und Moder bedeckten Welt, die ihn umgab. Aber sein Sohn! Er lebte vielleicht noch, nur weit von ihm, sehr weit in der Ferne. Er war sein ganzer Stolz gewesen. Er sollte nicht allein der Erbe seines Namens, aller seiner Habe werden, ein ungleich kostbareres, heiliges Vermächtnis wollte er ihm hinterlassen, seine ganze Weisheit, das Gold der Wissenschaft, das er aufgespeichert, alle Geheimnisse, die ihm die Zauberkraft der Kabbalah aufgeschlossen hatte, und er hatte dies alles verschmäht um eines törichten Mädchens, um einiger grünen Bäume und um eines Feldes voll reifender Aehren willen. ZuM Rabbiner war er bestimmt, der kleine Simon, aber er liebte die Stubenluft nicht. Wenn der erste Sonnenstrahl auf den Lederband siel, vor dem er saß, war es wie ein goldener Faden von Feenhand gewoben, der ihn hinauszog, und hatte er erst die schwarze Erde betreten, die der russische Bauer so zärtlich liebte, da fühlte er gleich diesem den Atem der treuen unwandelbaren Freundin, der einzigen, die uns jede Sorgfalt, jeden Dienst tausendfach zurückgibt, da hörte er in den säuselnden Halmen, in den rauschenden Blättern die geheimnisvolle Stimme der ewigen Mutter. „O! Ich kenne ein schöneres Buch," sprach er dann zu seinem Vater, auf den Talmud deutend, „das hat Gott selbst geschrieben, darin ist der grüne Wald zu sehen und Sonne, Mond und Sterne." Wenn die Bauern ackerten, folgte er von Ferne gleich den Krähen ihrem Pfluge, und wenn die Sicheln zur Erntezeit erklangen, verbarg er sich hinter den Garben und weinte. Rabbi Abdon hatte ihn schon als Kind verlobt mit der Tochter eines reichen Mannes, von gleich edlem Stamme, des Kaufherrn Jonathan Levy in Amsterdam, dessen Schiffe bis nach Indien segelten. Als. Simon aber herangewachsen war, nahm eine andere sein Herz gefangen.

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