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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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Denn es ist echt. Ich liebe nicht Mummereien. Und es kommt mir so spaßig vor, wenn ich meine alten Bekannten, die Chassidim, die so wenig Mystik und so viel Lebensfreudigkeit besitzen, auf einmal in feiertäglichem Aufzuge sehe. . . . Ja, hätten Sie wenigstens ihre seidenen Pekeschen und Zobelmützen angezogen — dann hätte es sie gekleidet. Aber Gott, dieser Aufputz: Als ob Burn Jones oder Dante Gabriel Rosfetti sie gezeichnet, als ob William Blake sie reden gelehrt hätte.'. . . Ja, ich halte es mit meinem Paskal. — Sobald einer ein „Wortziselierer" wird — da wird er mir verdächtig. Wir sind ja selbst solche Wortziselierer. Lassen wir wenigstens die Echten echt, die Einfachen einfach sein. Und deshalb ziehe, ich meine Sprichwörtersammlung vor. Schauen Sie her; hier ist nichts als einfache, ungeschminkte Natur. Aber gesalzen und gepfeffert ist sie. Wahrheiten, lachende, weinende, aus dem Leben geschöpft, und vor allem einfach.. Und Sie wissen doch, quoä verum est simplex. Ich möchte mit Ihnen das Buch durchgehen, durcharbeiten. Jawohl, durcharbeiten. Denn jedes wahre Wort hat eine lange und oft so reiche Geschichte; reich an Wanderungen und an Wandlungen. Ich möchte die „Biographie" dieser Sprichwörter kennen. Ihre Geburt und ihren Tod. Von einem Menschen werden sie in die Welt gesetzt — und von einem Menschen.werden sie zu Grabe getragen. Es ist ganz wie mit Volksliedern, oder auch wie mit Ideen. ... Von den zahlreichen Sprichwörtern, die in dieser Sammlung festgebannt sind, wie viele, meinen Sie, leben noch? Und wie viele find schon verblichen, verschwunden? Jede Zeit hat ihre eigene Not — und jede Not findet ihr Wort, ihren adäquaten Ausdruck. Wenn Sie in die kleinen Judenstädtchen gehen, können Sie manche Ueberreste alter Weisheit finden, Klänge hören, die immer mehr verhallen. Ich habe einmal ein Buch gesehen — ich erinnere mich nicht genau an den Namen des Herausgebers, in dem alle Sprichwörter der talmudischen Epoche gesammelt waren. Welch ein interessanter Gegensatz zwischen den Sprüchen des alten und neuen, des orientalischen und des abendländischen Judentums! Für den Folkloristen sind jene sicherlich interessanter. 'Das Volk war noch ganz und gar ungebrochen, frisch, unverbraucht. Es war noch nicht müde und hatte noch greifbare Hoffnungen und einen starken, mächtigen Glauben. Wer einen starken Glauben hat, der macht keine Späße. Die „Proverbia", die Sprüche Salomos, sind nicht geistreich, sie sind ehrwürdig, klug, belehrend, moralisierend — aber zu wenig pointiert. Das Volk hat offenbar damals noch wenig von der Welt gesehen; die Entwicklung des jüdischen Sprichworts war die Entwicklung zur Pointe, zur Ironie. Und so sind die neuen und allerneuesten Produkte des jüdischen Volksgeistes: Ironie- Funken. Sie werden vergeblich im ganzen Bande nach banausischen. Weisheiten suchen, wie etwa „Müßiggang ist aller Lasier Ruhebank", „Allzu scharf macht schartig" usw- Solche Weisheiten verschmäht der Jude. Es waren allzu große Selbstverständlichkeiten. Und Sie wissen doch, daß der Jude immer fragt: „Und was ist Neues daran?" Sagt aber der Jude eine banale Weisheit, dann kleidet er sie bizarr ein, verleiht ihr eine so eigenartige Form, daß sie fast wie originell aussieht. Sie werden erstaunt sein, so wenig Ethisch — Hergebrachtes in diesen Sprüchen zu finden. Im Gegenteil, sie klingen oft wie ein Protest, wie eine Auflehnung gegen das Hergebrachte, Geheiligte. Nehmen Sie die meisten Sprichwörter, die von Gott und vom Glauben handeln, und Sie werden sich wundern über den legeren.Ton,, der da angeschlagen wird. „Wer an Gott nicht glaubt, bekommt zur Strafe ein krommes Weib", sagt ein Sprichworts Ist nicht in diesem kurzen Satze die ganze weibische Devotie viel schärfer charakterisiert als es psychologische Traktate tun könnten? Natürlich, man muß sie verstehen lernen. Ein jüdisches Sprichwort ist nicht für jedermann. Es hat Voraussetzungen, ist oft sehr kompliziert trotz der Einfachheit. Wenn jemand, der mit ethischen Prinzipien gewappnet herumgeht, ein Sprichwort hören würde, wie etwa folgen de: „Die Wahrheit ist der größte Schwindel" oder „Nicht jedem wird die Gnade zuteil -- nicht Pleite zu machen", „Kleben aber leben" usw., so würde sicher heilige Entrüstung über ihn kommen, Wie, das sind die moralischen Prägungen eines Volkes, des Volkes, das usw. usw.? Aber Moral haben wir genug. Das ganze Leben ist wie mit Stricken von ihr gebunden. Denken Sie sich doch einmal, wie der Jude lebt. Immer im engen Rahmen der Tradition, der Pflicht, des Herkommens, immer Jahrtausenden gehorchend. Er weiß mit seinem Verstände, daß es sein muß. Er weiß, daß es kein Anderssein für ihn gibt — und macht sich manchmal Luft durch ein freies, kräftiges Wort. Sprichwörter sind oft Ventilwörter. Wer. eine Kulturgeschichte des jüdischen Volkes schreiben wollte — eine Geschichte, wie wir sie noch nicht haben — müßte zu den Quellen zurückgehen, zu dem codex vivus, zu der Ursprünglichkeit des Volkes. Da könnte er dessen Anschauungen über alle Lebensfragen kennen, z. B. über die Frau, über die gesellschaftliche Struktur usw. Hören Sie ein feines Sprichwort in echt — jüdischer Form, d. h. an ein Bibelwort sich anlehnend. Es heißt ja in der Genesis: „Wehu jimschal hoch“ (und er wird über dich herrschen). Dadurch ist die Stellung Evas, des Weibes, in der Gesellschaft festgestellt. Aber der Jude, der bereits andere als patriarchalische Lebensformen kennt, macht aus dem lapidaren biblischen Satze ein lachend-trauriges Sprüchlein. „Wehu jimschal hoch“ — „und sie wird tun, was sie will" . . . Oder ein Wort: „Das Geheimnis trägt Hosen", ist das nicht eine diskrete Kritik der weiblichen Indiskretion, wie sie feiner kaum gedacht werden kann? Ueberhaupt — ich könnte aus dem Zitieren nicht herauskommen. Ich möchte an jeden Satz einen Kommentar anfügen — und vielleicht könnte unvermerkt eine Kulturgeschichte entstehen. Und weil ich soviel zu zitieren hätte — werde ich das Zitieren überhaupt lassen. Schließlich können Sie ja selbst das Buch lesen — vor den hebräischen Lettern brauchen Sie keine Angst zu haben — die Sprichwörter sind auch in der deutschen Transkription wiedergegeben. . Dr. A. Gor. 0as oerjudkte Theater. Von Fabius Schach. diese Verjudung! Sie greift wie eine Epidemie um sich . und verheert die heiligen Gefilde Antisems, und wenn der alte Barde Liebermann von Sonnenberg nicht bald ein 'Serum dagegen erfindet, sind wir verloren. Man könnte in der Tat einen Preis aussetzen für denjenigen, der etwas nennen kann, was in diesem schrecklichen Deutschland noch nicht verjudet wäre. Jeden. Tag lesen wir in den antisemitischen Zeitungen, daß dieser Moloch wiederum neue Gebiete verschlungen hat, und der biedere Patriot am antisemitischen Stammtisch kann nicht einmal sein Glas Bier in Ruhe trinken. Soweit haben es diese Juden schon gebracht. Am schlimmsten ist es auf dem Gebiete des Theaters. Da wird kein Schauspieler und kein Sänger angenommen, der sich nicht

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