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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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Die mitgeteilten Aeüßerungen genügen, um zu beweisen, daß es selbst einem unentwegten und sich für festgepanzert haltenden Orthodoxen nicht gelingen will, sich mit neumodischen Weltanschauungsfragen zu beschäftigen und. trotzdem mit heilgebliebener Seele und intakt gebliebenem Glauben aus dem „Pardes". zurückzukehren. Wir wollen gegen diese höchst modernistischen Ansichten kein Verdammungsurteil schleudern, weil wir nicht der Ansicht sind, daß die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre Halt machen müsse vor der Schwelle eines orthodoxen Rabbinerseminars, und weil wir nicht befürchten, daß solche Versuche einer rationalistischen Deutung und Umdeutung der Bibel und ihres Sinnes eine nachteilige Wirkung üben könnten auf die Leser dieser Zeitung. Wir wollen auch nicht fragen, wie mit den vorgetragenen Ansichten der Glaube „an die in der Bibel vorgetragenen Wunder", allerdings „n u r" an die im A l t e n Testament vorgetragenen Wunder, sich. verträgt, zu welchem derselbe Autor aus Seite 167 seiner veröffentlichten Schrift sich bekennt. Wir überlassen gerne ihm elbst die Lösung von Rätselfragen. Aber im Vorübergehen möchten wir uns nur die eine Frage gestatten : wie kommen die Herren dazu, während sie für sich selbst eine so weitgehende Freiheit sogar in Glaubensfragen in Anspruch nehmen, jeden für einen Verleugner der Grundsätze des.Judentums zu erklären und mit verketzernden Gutachten zu überschütten, der auch nur eine Abänderung des Wortlautes unserer Gebete für zulässig hält? Die Bestrebungen des Keplerbundes erinnern uns Israeliten lebhaft an die Bestrebungen der führenden Geister unseres Stammes, welche seit Philo alle Kraft darangesetzt haben, nachzuweisen, daß Religion und Wissenschaft nur zwei verschiedene Wege der Erkenntnis sind, die am Ziele Zusammentreffen müssen. Im Zeitalter der Naturwissenschaften muß es als die höchste Aufgabe der Religionswissenschaft betrachtet werden, unter anderen Voraussetzung und mit anderen Methoden als ehemals nachzuweisen, daß Religion nicht bloß ein Gefühls inhalt ist und seine Objektivation, sondern eine Weltanschauung welche mit dem objektiven Weltbilde übereinstimmend ist Professor Cohen bemerkte mit Recht aus dem letzten Verbandstage der deutschen Juden: „Ich muß daran erinnern, daß man jahrzehntelang in unserer religiösen Diskussion unsere- Grundidee hat zurücktreten lassen, um nur von unserer Sittenlehre zu sprechen und uns durch diese als anständige Leute zu legitimieren. Eine anständige Moral reicht aber noch lange nicht aus für das Lebensrecht einer Religion. Eine Religion muß den Grund ihres Daseins immerdar in ihrem Gottesbegriffe' bewahren und fortentwickeln." Wenn nun aber Professor Cohen auch bei dieser Gelegenheit die von ihm seit Jahren vertretene Ansicht wiederholte, daß die Religion nicht eineWeltanschauungliefernkönne,sonderndiesderphilosophischen Wissenschaft überlassen müsse, so unterscheidet er nach meiner Ansicht nicht zwischen Weltanschauung als einer subjektiven Gewißheit und Welterkenntnis als einer objektiven Gewißheit. Weltanschauung ist der Ewigkeitsgehalt der Religion, Welterkenntnis ist die Aufgabe der Wissenschaft. Und wenn der Keplerbund an diesen Aufgaben Mitarbeiten und dazu beitragen will, diejenige Weltanschauung, deren Begründer und Träger unsere Ahnen gewesen, in immer weiteren Kreisen der der Bibelerklärung hat gerade Unheil genug angestiftet. Nur durch sie ist auch die für den Glauben so gefährliche Spannung entstanden zwischen den besseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit und den naturwissenschaftlichen Anschauungen, welche die Bibel widerspiegelt." Vergleiche dagegen neuerdings Rsinke: Die Welt als Tat, Seite 490 ff. Gebildeten wieder heimisch zu machen und zur Anerkennung zu bringen, so verdient er auch unsere wärmste Teilnahme und Unterstützung. Allerdings nur unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß man sich hüte vor der sonst so beliebten Verwechslung der theistischen mit der christlichen Weltanschauung. Der Keplerbund muß ein neutraler Boden sein, auf welchem die Ueberzeugten aus allen Konfessionen zusammen' treffen und sich die Hand reichen zu gemeinsamer Abwehr gegenüber den Kräften der Negation. Die Natur ist das Rätsel der Sphinx. Ob sie uns je die letzte Antwort geben wird? Die Natur ist nach dem schönen Ausdruck unserer Alten ein unbeleuchteter Spiegel. Wer gibt Licht für diesen dunklen Spiegel? Suchen und forschen soll der Mensch, denn dazu ward ihm des Licht des Verstandes, um durch Irrtum vorzudringen zur Wahrheit. :; yiwilche Sprichwörter? Und Sie lesen noch immer in diesem Buche? Sie haben es doch schon kreuz und quer durchgelesen! " „Ja, was soll man machen? Etwas lesen muß man doch...." „Wieso? Gibt's nichts mehr zu lesen als eine Sprichwörtersammlung?" „Ich meine etwas Jüdisches. Sehen Sie, jeder von uns hat ja so oft Sehnsucht nach etwas Jüdischem. Der Jargonjude bezeichnet die jüdische Lektüre mit-dem Worte: etwas Jüdisches in den Mund nehmen. Man möchte so gerne mitten im Gewoge der Ideen, in dem wir uns bewegen, einen eigenen Laut hören, der uns heimisch klingen würde, traut und vertraut.". „Aber ich bitte Sie, bei dieser Fruchtbarkeit unserer jüdischen Schriftsteller haben Sie sich zu beklagen und noch soviel herumzusuchen? Wollen Sie jüdische Philosophie — bitte, da haben Sie ein neues Buch — wollen Sie jüdische Mystik — daran karges bei uns gewiß nicht. Und dazu in welch eleganter, feiner Form! Wenn man diese neuen mystischen Nacherzählungen liest, glaubt man in eine Märchenwelt versetzt zu sein, in der alles in der Sprache Jakob Böhmes und Ruysbroeks spricht, in der einfache polnische Juden, wie es unsere Zadikim waren, I so sein zu reden verstehen, als ob sie Maeterlinck gelesen hätten, und so schöne Gedanken haben, als ob sie aus der Schule Hegels und Schellings direkt kämen.... Ich sage Ihnen — es ist famos." „Ja, mag sein, aber da bleibe ich lieber. bei meinen Sprichwörtern. Und ich werde Ihnen sagen warum. Ich bin ja, wie Sie wissen, estr in ritualibus vollständig „reformierter" Mensch. Ich bin so weit gekommen, daß es mich nicht einmal gelüstet, am Samstag eine Zigarette zu rauchen. Und mir ist es herzlich gleich, ob man in der Synagoge so oder anders betet. Aber, wenn es mir einmal passiert, in eine Synagoge zu kommen und zwar in eine reformierte, moderne, stilisierte, da fühle ich mich unbehaglich, befremdet, da sehne ich mich nach der alten, rauchigen, dumpfen SchuV — dort in meinem kleinen Heimatstädtchen. Wahrlich — es war kein Genuß, dort zu sein. Alles war so alt und grau — und die alten Planken der Diele knarrten und die Bänke ächzten, wenn sie ihrer Bestimmung nützen wollten — und der alte Vorbettzr stöhnte und krächzte. ... Und dennoch — ist mir diese Szenerie viel lieber- *) Jüdische Sprichwörter, gesammelt und herausgegeben von Ignaz Bernstein und B. W. Segel. Warschau 1908. In Kommission bei I. Kauffmann in Frankfurt a. M.

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