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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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. 247 Was hat nun das Judentum zu diesem Programm zu bemerken? Wir möchten insbesondere fragen: Kann innerhalb des Judentums von Freiheit der Wissenschaft die Rede sein? Ist der Nachweis einer Übereinstimmung der objektiven Weltanschauung möglich und denkbar? Verdient, also der Keplerbund die Unterstützung der Bekenner des Judentums? Man kann das Judentum im gewissen Sinne als Monismus bezeichnen. Denn-es strebt an die Zurückführung des Vielen auf einen Urgrund, die Erklärung der Mannigfaltigkeit durch ein Prinzip. Nur ist dies Prinzip nicht im Materiellen. Denn alles Stoffliche ist nur zeitliche und räumliche Erscheinungsform des Seienden. Gott ist das Alleinseiende, die eine Kraft und Ursache, die sich als Wirkung in aller Fülle der Welten äußert. Die Einheit- Gottes, der Fuudamentälsatz des Judentums, schließt in sich die Einheit der Welt. Im Streben Haeckels nach einheitlicher Auffassung des Weltalls erkennen wir darum eine Tendenz, welche als Triebkraft des Geistes am stärksten wirksam gewesen bei der Entstehung des Judentums, das aber trotz des Gesagten der denkbar größte Gegensatz zu der von Haeckel zusammengedichteten Weltanschauung ist. Erst die Ergänzung des Monismus durch Theismus gibt die Weltanschauung des Judentums. Der Keplerbund will die falschen Prämissen und die unbegründeten Schlußfolgerungen derjenigen Richtung innerhalb der Naturwissenschaft, welche im Weltall ein Werk des Zufalls erblickt, das durch sich selbst mit Zuhilfenahme einiger Schlagwörter erklärt werden könne, mit den Waffen der Natur- * Wissenschaft bekämpfen und Nachweisen, daß diese die Grundj lagen der Religion nicht bloß nicht zu erschüttern vermag, sondern im Gegenteil, wie dasja auch die Propheten getan, das Erkennen der Natur ein Schöpfen der Religion aus der Quelle der lebendigsten Offenbarung ist. Die selbstverständliche Voraussetzung eines solchen Unternehmens ist aber die Freiheit der Wissenschaft und die Anerkennung der Wahrheit, auch wenn diese im Widerspruch sich befindet mit liebgewordenen Ansichten und Meinungen, welche durch ihr Alter heilig und ehrwürdig geworden. Nun ist es erstaunlich und' überaus charakteristisch, daß in diesem Punkte, in der Anerkennung der Freiheit des Denkens und seiner Resultate, innerhalb des Judentums die äußersten Extreme sich berühren, . Caesar Seligmanu hat in einem geistvollen Vortrage über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Judentum geäußert: Der mosaische Schöpfungsbericht ist uns nicht ein wissenschaftliches oder gar ein religiöses Dogma. „Ist der Gedanke nicht packend, daß der Schöpfer in den Keim die ganze Entwicklung virtuell hineingelegt habe und zwar so, daß jedes Höhere erst ins Dasein treten kann, wenn die Zeit erfüllt ist?. . . Ich muß gestehen, daß eine solche Weltansicht,. wonach die Entwicklung durch Jahrmillionen einem Ziele zustrebt, welches ihr von Anfang au als treibende Kraft innewohnte, etwas Ehrfurchtgebietendes für mich, hat, und weit entfernt, irreligiös zu wirken, im Gegenteil religiös und andächtig zu. stimmen geeignet ist."') Ueber die Nichtigkeit die>er Ansichten und ihre Vereinbarkeit mit der Bibel wollen wir hier nicht streiten. Aber der freisinnige Prediger von Frankfurt wird sich hoffentlich nicht in unbehaglicher Nachbarschaft fühlen, wenn wir an seiner Seite den Geist eines Frankfurters der entgegengesetzten Richtung heraufbeschwören und eine Aeußerung von S. R. Hirsch zitieren, welche ähnlich lautet: Ob ptolemäische oder kopernikanische Weltanschauung, ist für die sittlichen Zwecke des Judentums vollständig gleichgültig. „Das Judentum hat nie aus Diesem und Aehnlichen ein Qreäo gebildet. Und wenn einmal die h Judentum und moderne Weltanschauung, Seite 22—23. allerneueste Anschauung, die die ganze Mannigfaltigkeit des organischen Formenreichtums in ihrem Entstehen auf eine einzige Urform zurückführen zu können vermeint, mehr als eine hypothetische Möglichkeit geworden sein wird, dann wird der Gedanke des Judentums .... seine Bekenner nur zu noch tieferer Anbetung des Emen-Einzigen führen, dessen unendlicher Schöpferweisheit das Schaffen eines einzigen formlosen Keimchens und das Geben eines einzigen Gesetzes der „Anpassung und Vererbung" genügte, um daraus die ganze Mannigfaltigkeit der in ihrer spezifischen Eigentümlichkeit doch so stark und so konstant gesonderten Gattungsformen hervorgehen zu lassen" ....?) „Ihr Weisen, seid vorsichtig mit Euren Worten!" so möchte man dem Vater und Begründer der Neuorthodoxie in Deutschland zurufen, wenn man liest, mit welchem Freimut Herr Dr. Wohlgemuth, ein bekannter Vertreter des gesetzestreuen Judentums und Dozent am orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin, unlängst zu folgenden Aeußerungen sich bekannt hat: Den Bericht des Pentateuchs über die Weltschöpfung müssen wir nrit den Tatsachen der Wissenschaft auch hinsichtlich der Einzelheiten in Einklang bringen. Auf Grund von Genesis Kap. 1, Vers 1 dürfen wir eine Reihe der jetzigen | Schöpfung voran gegangener und untergegangener Welten annehmen nnd in dem Sechstagewerk eine Reihe von Schöpfungsperioden erblicken. „Der Entwicklun^sgedanke ist so wenig mit der Bibel in Widerspruch, daß wir vielmehr sagen könnten: er wird von der Schilderung der Bibel gefordert." Gott hat nicht die einzelnen Stufen der Welt geschaffen, sondern die Materie, der eine gewisse Selbständigkeit überlassen wurde, hat sich auf sein Geheiß in sechs Tagewerken entwickelt." „Können wir die Lehre von der tatsächlichen Entwicklung auch in unsere religiöse Weltanschauung hinüber nehmen? Ich glaube, daß auch dies zulässig ist . ... Wenn ein Maimonides und Jehuda Halevy, um nur zwei der bekanntesten Vertreter zu nennen, auch die Weltauffassung Platos als mit der jüdischen Religion vereinbar annahmen, nach der die Materie ewig und unerschaffen und Gott nur Weltbildner ist, so würde die andere Auffassung, nach der Gott die Keime der Entwicklung in die Materie gelegt, um sie zu immer vollkommeneren Stufen sich entfalten .zu lassen, ihnen ebenso zulässig erschienen sein." Alle Organismen bilden eine zusammenhängende Kette, allerdings nur ideeller Verwandtschaftsgrade. . „Ist es auch wahrscheinlich, daß dieser ideellen Verwandtschaft irgendwie und irgendwo eine tatsächliche Abstammung entspricht, so nehmen wir das Entstehen auseinander doch nur innerhalb gewisser Gruppen und gewisser Zeitperioden an ... . Kein Schriftbeweis läßt sich für die Konstanz der Arten beibringen, viel weniger noch ist diese ein religiöses Postulat. Ja, eine tiefere Betrachtungsweise legt uns den Gedanken nahe, daß wir in dem Schöpfungsbericht selbst die Darstellung von Entwicklungsprozessen zu sehen haben."^) - y Quelle in der nachfolgend angeführten-Schrift, Seite 38—39. 2) „Die Vorträge des?. Wasmann" von Dr. Wohlgemuth,. Seite 48—83. Die Broschüre war als Artikelserie im Zentralorgan für die Interessen des orthodoxen Judentums unbeanstandet erschienen, und nicht das kleinste Geschrei hat sich über jüdischen Modernismus erhoben. Da erscheint doch ansprechender die Meinungsäußerung eines katholischen Theologen Dr. Norbert Peters (Bibel und Naturwissenschaft nach den Grundsätzen der katholischen Theologie, Seite 19): „Die angeblich wissenschaftliche Auslegung der Heiligen Schrift, die in allen Punkten der Profanwissenschaften Ausschluß in den heiligen Büchern sucht, ist ein Irrtum und eine Gefahr. Denn sie verwickelt die Pibel unklugerweise in Fragen, denen sie fremd bleiben sollte: Diese Art

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