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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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jüdischen Fragen der Gegenwart, soweit sie das Gemeindeleben betreffen, einer eingehenden Besprechung : unterworfen werden, und die Ergebnisse ihrer Beratungen' sollen ebenfalls dem Ministerium unterbreitet werdeü. Sodann gedenkt das Ministerium, dieses ganze Material zu verarbeiten und Neuwahlen für eine permanente Rabbinerkommission, die sie anfangs des nächsten Jahres einzuberufen gedenkt, auszuschreiben. . In den Rabbinerkonferenzen sowie in der zukünftigen Rabbinerkommission wird man sich nun vor allen Dingen mit der Organisation der jüdischen Gemeinden in Rußland zu befassen haben. In dieser Beziehung steht bei uns das Gemeindelebcn bekanntlich noch auf einer ganz primitiven Stufe, und wir besitzen zurzeit so gut wie keine Organisation in unseren Gemeindeangelegenheiten. Auf diesem Gebiete könnten die Rabbinerkonserenzen' und die von der Negierung geplante Permanente Kommission dem jüdischen . Leben in Rußland große Dienste leisten, zumal hier seitens der Regierung ein Entgegenkommen eher zu erwarten, ist als auf jedem anderen Gebiete. Eine zweite brennende Frage bildet die schon langst veraltete und vollständig unproduktive Fleischsteuer, die für die arme jüdische Bevölkerung höchst drückend ist. Diese speziell jüdische Abgabe, die ursprünglich nur für jüdische Zwecke verwendet werden sollte, dient in der letzten Zeit häufig als Quelle nicht nur für nichtjüdische, sondern direkt für antijüdische Organisationen und Institutionen. Es wäre also wirklich Zeit, die ungerechte Steuer abzuschaffen und für die richtige Verwendung der bisher angehäuften, mitunter recht großen Summen zu sorgen. Ueber die Höhe dieser letzteren wurden soeben auf einer der Nabbinerkouferenzen interessante Angaben gemacht. So liegen bisher unverwendet in dem südwestlichen Rayon allein etwa gegen 2 000 000 Rubel; es gibt kleine Städtchen mit nur. einigen Hundert jüdischen Einwohnern, wo die nnverwendeten Reste aus dieser Steuer die Höhe von 20 bis 30 000 Rubeln erreichen — und das, während die materielle Not in all diesen Ortschaften grenzenlos ist Und alle öffentlichen jüdischen Institutionen aus Mangel an Geldmitteln geradezu verstechen müssen. Für das jetzt gänzlich verwahrloste jüdische Gemeindelebeu in Rußland dürfte man daher aus diesen Rabbinerkonfereuzen und der bevorstehenden Einsetzung der Rabbinerkommission manches Nützliche erwarten. Der lkrplerbund. Bon Dr. A. Eckstein. Zeit hat ihre besondere Frage, eine Frage von zentraler Bedeutung, welche mehr als alle anderen das Bewußtsein der Denkenden beschäftigt und das Interesse aller an der Zeitbildung teilnehmenden Geister herausfordert. Welches ist die Frage unserer Zeit? Der Gebildete unserer Tage hat eine ganze Masse von Fragen aus den verschiedensten Gebieten des Denkens und des Lebens zu beantworten, und jede Zeitungsnummer, die er zur Hand nimmt, fragt ihn schon beim Morgenimbiß und noch vor dem Schlafengehen : Wie denkst^Du darüber und darüber. Aber die Frage aller Fragen ist heutzutage die der Weltanschauung. Oder vielmehr das ist die Zeitfrage aller Zeiten. Denn es liegt in der Natur dieser alles umfassenden Frage, daß sie niemals in einer alle Zeiten befriedigenden und definitiven Weise beantwortet werden kann. Jede Zeit stürzt Altäre der Vergangenheit und baut neue Altäre der Wahrheit, welche ein nachfolgendes Geschlecht niederreißen wird. Auch eine alteingesesfene Weltanschauung muß - in jeder neuen Zeit auf neue Grundlagen gestützt werden, wenn sie nicht an morschgewördene Burgen erinnern soll, hinter deren Mauern das Leben der Vergangenheit abgestorben ist. Aber während früher die Weltanschauungsfragen nur ein Stilleben geführt haben in den Köpfen und Büchern gelehrter Forscher, stehen sie heutzutage auf der Tagesordnung der öffentlichen Meinung, und jedermann ist zur Teilnahme an der Diskussion eingeladen. Wer erinnert sich nicht der. aufsehenerregenden Redeschlacht, welche in Berlinum die mitternächtliche Stunde im Beisein einer ansharrenden Menge von Elitezuhörern zwischen dem Jesuiten Wasmann und seinen Gegnern, stattgefunden hat? Und kaum geringeres Aufsehen haben die Vorträge erregt, welche Professor Reinke unlängst in Berlin unter Teilnahme der Kaiserin und des Hofes abgehalten. Es ist also nicht wahr, daß die Sorge um die Selbstbehauptung im Kampfe ums Dasein alle Kräfte? des Gegenwartsmenschen absorbiert und ausschließlich das wirtschaftliche Interesse alle Fasern desselben, anspannt und aufreibt, sondern wie es. im alten Teborah-Liede. heißt: „Vom Himmel kämpfen die Sterne auf ihren Bahnen", und es ist ein Kampf um die Weltanschauung. Um den billigen Preis von einer Reichsmark kann heutzutage jeder handelsbeflissene Jüngling und jede mit Zeitbildung kokettierende Dame die Lösung der sämtlichen Weltrütsel, mit welchen die Weisen der Vergangenheit aller Völker sich bisher vergebens abgequält, kurzer Hand im nächstgelegen'en Büchergeschäftsladen erwerben und dadurch auch die wissenschaftliche Bestätigung einer schon lange fertigen Ueberzeugung erhalten, die im Glauben an die alleinseligmachende Existenz der Materie besteht. Monismus heißt die neueste Religion und Hackel ist ihr Prophet. Vergebens haben die Philosophen unter Zustimmung von hervorragenden Vertretern exakter Naturwissenschaften diese Lehre und ihren Propheten nach allen Regeln der Kunst hingerichtet — die mehr als 200 000 Exemplare der „Welträtsel", die bisher abgesetzt wurden, . gaben den Zahlenbeweis eines in der wissenschaftlichen Literatur beispiellosen Erfolges. Dieser Erfolg bedeutet. aber eine Massenwirkung, eine Wellenerregung in immer weitere Kreise. Dürfen die Andersdenkenden unter den Gebildeten diese Eroberung und Beherrschung der Massen schweigend und ohne lauten Widerspruch dulden? Es war an der Zeit, daß eine Phalanx von Wahrheitssuchern aus den verschiedensten Gebieten der Wissenschaften sich zusammengefunden und die Kräfte vereinigt, um das Wort, das! Schiller den Naturforschern und Philosophen zugerufen: „Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu früh!" als ein veraltetes Wort zu erklären und nachzuweisen. Was der „Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis", der am 25. November 1907 in Frankfurt a. M. sich konstituiert hat, anstrebt und von welchen Voraussetzungen erdabei ausgeht und nicht ausgeht, darüber äußert sich § 2 seiner Satzungen wie folgt: „Der Keplerbund steht aus dem Boden der Freiheit der Wissenschaft und erkennt als einzige Tendenz die Ergründung und den Dienst, der Wahrheit an. Er ist dabei der,Neberzeugung, daß die Wahrheit in sich die Harmonie der naturwissenschaftlichen Tatsachen mit dem philosophischen Erkennen und der religiösen Erfahrung trägt. Dadurch unterscheidet sich der Keplerbund bewußterweise von dem. im materialistischen Dogma befangenen Monismus und bekämpft die von ihm ausgehende atheistische Propaganda, welche sich zu Unrecht auf Resultate der Naturwissenschaft beruft."'

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