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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 mit Nachdruck betonen, daß sie unter der Unterdrückung in ihrem Wohnlande stark zu leiden haben. Bald sind es Juden in dem einen Lande, bald Christen in einem anderen, und ein andermal sind es die Farbigen, die sich von den Weißen bedrückt fühlen. Armenier, Koreaner, Finnen, Polen—Vertreter aller dieser Nationen appellieren zeitweise an unsere Regierung. In manchen Fällen ist die Beschuldigung der Unterdrückung und Mißhandlung sicherlich unbegründet; in anderen hingegen ist sie wohlbegründet; in vielen Fällen zeigt es sich, daß der furchtbare Verlust an Menschenleben mit erschreckender Grausamkeit herbeigeführt wurde. Unser Land ist nicht berufen, zu entscheiden, welche Partei in allen oder einzelnen dieser Streitfälle im Rechte oder Unrechte sei. Ich berufe mich nur auf den großen Verlust an Menschenleben. Es ist sicherlich keine übertriebene Behauptung, daß während der letzten zwölf Jahre, und zwar gerade zur Zeit, als überall nach außen hin tiefster Friede herrschte, nicht infolge von Kriegen. Massakers und Schlächtereien stattgefunden haben, die mehr Opfer an Männern, Frauen und Kindern gefordert haben, als jeder Einzelkrieg seit den Napoleonischen Kämpfen je gefordert hat. Jeder im öffentlichen Leben stehende Mann, der die unaufhörlichen Klagen kennt, welche an unser Staatsdepartement gerichtet werden, wird von der tiefen und herben Tragik erfaßt, die in der Behauptung liegt, daß die Zeiten vorüber seien, in denen schwache Völker und Nationen unterdrückt werden könnten von den stärkeren, ohne daß andere starke Mächte gegen solche Unterdrückung Protest erheben würden." Gericht über dirMilglirdrrvrrlsmmlimg brr Vereinigung der librrslen Aabbinrr Deutschlands. m 4. d. M. tagte die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands im Sitzungssaals des II. Verwaltungsgebäudes der jüdischen Gemeinde Rosenstraße 2. Von den 70 Mitgliedern, welche die Vereinigung zurzeit zählt, nahmen die folgenden 38 an der Versammlung teil. Außerdem waren zwei Rabbiner und ein Rabbinatskandidat als Gäste anwesend. Vogelstein »Stettin, Maybaum-Berlin, Appel-Karlsruhe, Rosenzweig-Berlin (a. G.), Goldschmidt-Offenbach, Porges-Leipzig, Elbogen- Berlin, Dienemann - Ratibor, Walter-Dessau, Blumenthal-Berlin, Lucas - Glogau. Silberstein-Elbing, Sonderling-Göttingen, Rieger- Hamburg, Vogelstein-Königsberg, Posner» Kottbus, Holzer- Schwedt a. O.. Norden - Elberfeld, Elsaß - Landsberg a. W.. Wilde- Magdeburg, Baron-HoppstWen, Walter-Bromberg, Landau-Weilburg, Lazarus-Fanksurt a. M., Jtaliener-Darmstadt, Salomon-Berlin (a. ©.), Worms-Stettin, Samuel-Essen, Goldmann-Oppeln, Fabian-Breslau, Kaelter - Danzig, David - Bochum, Pincuß - Heidelberg. Freudenthal- Nürnberg, Seligmann-Frankfurt a. M., Schreiber-Potsdam, Hochfeld- Berlin, Tawrogi-Kreuznach, Nathan-Berlin (a.G.), Silberstein-Stargard, Kalischer-Bonn. Entschuldigt: Bloch - Posen, Steckelmacher - Mannheim, Rülf - Braunschweig, Grünfeld - Bingen, Levtz - Krefeld, Levit-Alzeh, Salfeld - Mainz, Grabowski-Barmen. Marx-Westhofen, Hannes-Konstanz, Tänzer- Göppingen, Winter-Dresden. Der Vorsitzende Dr. Vogelstein-Stettin erössnete die Sitzung mit einem Hinweis auf die am vorhergehenden Tage gegründete Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland; er sieht in ihr einen Resonanzboden der liberalen Stimmung, welche durch die Judenheit Deutschlands geht. Er spricht dem Vorstande der jüdischen Gemeinde für die Ueberlassung des Sitzungssaales sowie dem liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin für seinen der Vereinigung der liberalen Rabbiner gewährten namhaften Beitrag den Dank der Versammlung aus und beruft unter Zustimmung der Versammlung die Kollegen Baron-Hoppstädten und Wilde-Magdeburg zu Schriftführern. — Es folgen dann vier Referate: 1. Die Entwicklungsfähigkeit des Judentums (historisch nachgewiesen) von Goldschmidt-Offenbach. Der Vortragende versteht unter Entwicklung die Einheit in der Veränderung. Die Berechtigung zur Aenderung religiöser Ansichten und Formen weist er aus der Bibel, Talmud und dem späteren geschichtlichen Verlaufe nach. Ist das heutige liberale Judentum noch Judentum zu nennen, dann gehört diese Aenderung mit zur Entwicklung. Darum behandelt der Redner die Frage: Was ist Judentum? Er sieht die Antwort nicht im Dogmatismus, nicht in der Auffassung, daß das Judentum reine Ethik sei, nicht im Zionismus, sondern — vom voluntaristischen Standpunkt ausgehend — im Willen zum Judentum. Dieser Wille kann den liberalen Juden keineswegs abgesprochen werden. Das heutige liberale Judentum ist' darum ein Glied der Entwicklung. 2. Religionsunterichtsfragen, von Freudenthal- Nürnberg. Der Vortragende behandelt jeden einzelnen Lehrgegenstand des Religionsunterrichts, gibt praktische Winke für die Methodik des Unterrichts, für die Behandlung und Verteilung des Lehrstoffes, verlangt die Benutzung der gesicherten Ergebnisse der Wiffenschaft im Unterricht, bezeichnet es anderseits aber als einen Fehler, im Religionsunterricht Wissenschaft zu treibenz. B.' den biblischen und nachbiblischen Geschichtsunterricht als Literaturwissenschaft zu behandeln. Auch die einzelnen vorhandenen Lehrbücher unterzieht der Redner einer Kritik. 3. Stellung der Frau im religiösen Leben, von Seligmann-Frankfurt a. M. Der Referent sieht in der tätigen Mitwirkung der Frau nicht nur bei der Erziehung der Kinder, sondern auch im religiösen Leben im allgemeinen ein wirksames Mittel zur Erhaltung und Kräftigung des Judentums und zur Erweckung der Begeisterung für die Religion. Soll das Weib für die Religion gewonnen werden, dann müssen ihm größere Rechte als bisher eingeräumt werden, und es muß ihm eine aktive Beteiligung anr religiösen Leben zugestanden werden. Darum sei die Einführung, respektive Ausgestaltung schon vorhandener Gebräuche zur Heranziehung des weiblichen Geschlechts zur Religion notwendig, z. B. bei der Geburt das sogenannte Holekreischen, ferner die Mädchenkonfirmation, bei der Trauung irgend ein Brauch, welcher der Braut eine aktive Rolle zuerteilt — eventuell Ringwechsel, oder Einführung einer Formel oder auch nur des Wortes „ja", — auch sollten die Frauen nach amerikanischem Muster, wie es ja schon in einigen Gemeinden Deutschlands eingeführt ist, neben den Männern und nicht auf einem Frauenchor sitzen; dadurch würde der Besuch des Gottesdienstes von seiten der Frauen ein stärkerer werden. 4. Grundlinien einer Reform der Ehegesetze, von Vogelstein-Stettin. Der Referent betont die Notwendigkeit der Reform der Ehegesetze, die auch von konservativer Seite oft zugestanden wird, und schlägt unter Berufung auf die Resolution der Sitzung vom 1. Januar 1907 (siehe „Allg. Ztg. d. Id." 1907, S. 19) und mit einer kurzen wissenschaftlichen Begründung folgende Resolution vor: I. Jede nach biblisch-talmudischem Rechte gestattete Ehe ist auch dem Kohen erlaubt. II. Wir betrachten die Chaliza für aufgehoben, aber mit Rücksicht auf Gewissensbedenken der Beteiligten soll der Rabbiner sich nicht weigern, sie vorzunehmen.

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