Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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242 Die Differenz zwischen der „Orthodoxie" und der „Reform"- erscheint als eine ungeheure Kluft, wenn man glaubt/ die Tradition des Judentums betrachte eine „Offenbarung" als Quelle der Gotteserkenntnis, so daß der- Bund Gottes mit Israel auch eine bevorzugte übernatürliche Unterweisung Israels in den Wahrheiten des Judentums bedeutet. In diesem Falle stünden sich Orthodoxie und Reform in dem unversöhnlichen Gegensätze zwischen „Offenbarungswahrheit" und natürlicher „Kulturgeschichte" gegenüber. „Orthodoxie" und „Reform" wären dann durch eine unaussüllbare prinzipielle Kluft ewig voneinander geschieden. Eine Annäherung derselben wäre eine grundsätzliche Unmöglichkeit. Nachdem wir aber den Nachweis geführt haben, daß die Tradition des Judentums bezüglich der Wahrheiten und Lehren des Judentums vollständig auf dem Boden der Religions- und Kulturgeschichte steht und nur der historische Akt der Bundesschließung ein übernatürliches Glied der Geschichte bilden soll, hat die Differenz zwischen Orthodoxie und Reform im Judentum alle Prinzipielle Bedeutung verloren und ist zu ganz minimalen Dimensionen zusammengeschrrunpft. Man bedenke, daß das Wesen des Judentums gerade darin besteht, keine Kirche zu sein, seine Wahrheiten und Anschauungen nicht als „Dogmen und Sakramente" der Menschheit zu überliefern, daß im Judentum die ewigen Wahrheiten so von aller Fessel historischer Form befreit dastehen, daß selbst die Person des Stifters, so unerreichbar hoch er in unserer Verehrung steht, niemals zentrale Bedeutung in der Frömmigkeit des Judentums erlangt hat, und so sollte man die Freiheit, die man der Menschheit in der Formulierung der universellen Vernunstwahrheiten prinzipiell zugesteht, auch 'innerhalb des Judentums für berechtigt anerkennen und nicht anzutasten bestrebt sein, um so inehr, als es sich nur um die Formulierung einer historischen Tatsache handelt. Wo gibt es eine historische Tatsache, die von zwei verschiedenen Personen in gleicher Weise, vollständig übereinstimmend aufgefaßt würde, und das Judentum sollte aus der Formulierung einer historischen Tatsache ein Dogma gemacht haben, während es bei rationalen Wahrheiten, die einer absolut gleichen Auffassung bei allen Menschen fähig sind, auf die Freiheit der Darstellung Gewicht legt? Keine Dogmen! Lebendige Wahrheiten, keine toten Formeln!... das ist die tiefe Weisheit des Judentums. Derselbe Mensch denkt, wo es sich nicht um dürre mathematische Wahrheiten handelt, bei denselben Worten zu verschiedenen Zeiten nicht dasselbe: und Wahrheiten, die für alle Zeiten bestimmt sind, sollten in bestimmte Worte gefaßt werden müssen? Nehmen wir den Satz: „Gott sprach zu Moses" ... hat nicht jedes Wort dieses Satzes für denselben Menschen zu verschiedenen Zeiten, und also noch vielmehr für verschiedene Menschen himmelweit verschiedener Zeiten und verschiedener Verhältnisse, einen andern Inhalt? Wer garantiert dafür, daß zwei Menschen unter demselben Worte ganz genau dasselbe empfinden und denken, und hat es nicht alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß bei. dem Worte „Gott" noch nie zwei Menschen ganz genau dasselbe empfunden und gedacht haben? Und da sollte die Formulierung einer historischen Tatsache hinreicheii, um das Judentuin, das glücklich mit dem Moses-Stab der Einheit über den Jordan der Neuzeit gesetzt hat, in zwei unversöhnliche, nicht zu vereinende Lager zu spalten? In der Einheit der Erkenntnis und der Freiheit des Bekenntnisses erblickt das Judentum den Inhalt der messtanischen Verheißung: „Die Völker werden ihre Schwerter in Ackerpflüge und ihre Spieße in Winzermesser umschmieden, nicht wird ein Volk gegen das andere mehr das Schwert erheben. undden Krieg werden sie nicht mehr kennen" — — und innerhalb Israels —o krasses Beispiel menschlicher Inkonsequenz! — sollte die Formel einer historischen Tatsachedem Kampf und der Verketzerung eine ewige Heimstätte bereiten dürfen?- '7 '; : - ■ Möge jeder über die Form sich seine eigenen Gedanken machen: freuen wir uns doch, wenn'die Menschen über religiöse Probleme sich noch ihre Gedanken machen und nicht alte traditionelle Worte gedankenlos nachbeten! Freuen wir uns, daß über den Inhalt der Lehre und der geschichtlichen Sendung Israels, über das „Wesen des Judentums" .in allen. Kreisen des Judentums volle Uebereinstimmung herrscht. Sollte man bei so viel Einheit, lleu: so viel Üebereinstimmung von einer Mannigfaltigkeit der Worte und Formen etwas zu befürchten haben? . - ••..- Das Judentum hat von. der Zukunft nur zu hoffen, nichts zu fürchten. . . Das Wesen des Judentums ist das Wesen der Menschheit: darin liegt die Garantie für die Zukunft, für die Ewigkeit des Judentums. Im Dienste dieser großen Aufgabe: das Ebenbild Gottes im Menschen zu betätigen und zu verkünden, ist Raum für jeden Arbeiter . . . warum.sollen die „Ringe nur nach außen wirken"? Alle Richtungen sind einig über die ewigen Vernunft- Wahrheiten des Judentums; ebenso sind alle einig über die nationalen Traditionen des Judentums und nicht minder darüber, daß sowohl die ewigen Vernunft-Wahrheiten wie die nationalen Traditionen ihre göttliche Bestätigung erhalten haben; verschieden ist nur die Stellung zu einem einzigen Worte in ' der Tradition, von dem die einen behaupten, es werde in alle j Ewigkeit dem Menschen ein Geheimnis bleiben, während die andern das Bestreben, den Schleier zu lüften, nicht für ver- ' boten halten — — das ist die ganze Verschiedenheit, und diese sollte genügen, in den die Aufgabe des Judentums im Dienste - der Menschheit gemeinsam erfüllenden Arbeitern das Bewußtsein der Einheit und der brüderlichen Zusammengehörigkeit * unmöglich zu machen? Die Menschheit in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und Differenziertheit ist eine Einheit — lehrt das Judentum, und im Judentum selbst sollte, wegen einer kleinen Differenz, die Einheit eine Unmöglichkeit sein?" Nein, die Ausgleichung dieser Differenzen ist sicher keine Unmöglichkeit, wenn wir auch die Hoffnung des Herrn Rabbiner Dr, Goldschmidt leider nicht teilen können, daß eine friedliche Verständigung zwischen den beiden Richtungen in Aussicht fei. Aber wir vertrauen der Zeit und dem Geiste des Fortschritts, dessen siegreiche Bahn alle Hindernisse nicht aufzuhalten vermögen, und vor allem vertrauen wir dem Genius des Judentums, aus dessen Geiste das große und von uns wiederholt schon bei gleichem Anlaß zitierte Wort hervorgegangen: „Und wo gibt es auf dem Erdenrund ein so einiges Volk wie dein Israel!" Die Woche. Berlin. 19. Mai. Ä^ie Vorbereitungen zu den Landtagswahlen-sind in vollem Gange. Für uns sind, natürlich jene Wahlkreise vor allem von Interesse, in denen , ganze oder halbe Antisemiten in Frage kommen. Daneben aber auch die, in denen Juden als Kandidaten aufgestellt sind. Es ist dies in verschiedenen Kreisen geschehen. Allerdings haben die meisten leider keine Aussicht auf Erfolg, einige aber haben doch'sichere Wahlkreise. Soweit wir es bis jetzt verfolgen konnten,, sind auf-