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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-22 · Heft 21 (22.5.1908) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 22. Mai 1008. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 72. Jahrgang. Nr. 21. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. S M. Redakteur: Gustav Rarxeler. Begründet von Rabbiner Dr> Ludwig Philixxson. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Die MSeren?rn Milchen lllrthodoxie und Srkorm. Berlin, 20. Mai. en Versuch, alle freisinnigen Elemente innerhalb des deutschen Judentums wieder zu einheitlicher Betätigung zu bringen, hat die Orthodoxie mit einem wahrhaften Wutgeheul begrüßt. Natürlich, sie haben das Recht, sich zu einer Vereinigung zusammenzuschließen, die Liberalen aber nicht. Das ist ihrer Weisheit letzter Schluß. Und zur Bekräftigung derselben folgt dieses Pronuneiamento: „Zwischen Neologie und Orthodoxie gähnt die tiefste, gähnt eine unüberbrückbare Kluft." Ist das nun aber auch wahr? Verhält es sich wirklich so? Wir stehen trotz aller Angriffe der Orthodoxie, doch keinen Augenblick an, zu erklären, daß uns die Erkenntnis von der Wahrheit dieser Behauptung mit tiefstem Schmerz erfüllen würde. Und jeder, der sein Judentum wirklich liebt, müßte die gleiche Empfindung hegen, wenn er eine so tiefe Kluft gähnen sähe zwischen zwei religiösen Richtungen innerhalb eines Volkes, das eine solche Leidensschule durchgemacht, das heute noch so verfolgt wird, und das noch eine so große Wegstrecke in der Weltgeschichte bis zur Erfüllung seiner Mission zurückzulegen hat. Es ist aber zum Glück nicht wahr! Es ist entweder eine Selbsttäuschung oder der zu bestimmten Zwecken unternommene Versuch der Täuschung anderer, wenn man von einer unüberbrückbaren Kluft Mischen Orthodoxie und Reform innerhalb des Judentums spricht, wenn man gar das Verhältnis zwischen Protestantismus und Katholizismus zum Vergleich heranzieht. In der festen Ueberzeugung, daß eine so tiefe Kluft zwischen Reform und Orthodoxie tatsächlich nicht existiert, daß die ganze Vorstellung vielmehr erfunden und zu bestimmten agitatorischen Zwecken ausgebauscht worden ist, werden wir durch die Ausführungen eines jüdischen Theologen, dessen Gelehrsamkeit auch die Orthodoxie nicht in Abrede zu ziehen wagen wird, des Herrn Rabbiner Dc. Goldschmidt in Offenbach, bestärkt. In einem eben erschienenen interessanten und - geistvollen Buche über das „Wesen des Judentums" (Frankfurt a. M. I. Kauffmann) präzisiert dieser freisinnige Gelehrte die Differenzpunkte zwischen Reform und Orthodoxie in genauer Weise. Wir folgen seinen Auseinandersetzungen, die sicher überall großes Interesse erregen werden: „Wo ist der Punkt, wo die beiden Richtungen im Judentum der Gegenwart, die wir der Einfachheit halber mit „Orthodoxie" und „Reform" bezeichnen wollen, obgleich beide Ausdrücke nicht das Wesen ausdrücken, sich prinzipiell voneinander trennen? - Dieser Differenzpunkt betrifft keine grundsätzliche Anschauung, sondern nur die Form, welche eine der grundsätzlichen Anschauungen annehmen soll. Es ist das die Vorstellung der Form, in welcher der Bund zwischen Gott und Israel in der Geschichte sich vollzogen hat. Die Orthodoxie hält sich da an den Wortlaut der Heiligen Schrift: Gott stieg hernieder aus den Berg Sinai und verkündigte zum Abschluß des Bundes mit Israel in wunderbarer Weise die „Zehn Worte" vom Sinai herab vor dem ganzen Volke Israel, und ebenso fand die Redaktion der ganzen Thora unter direkter Besprechung Gottes mit Moses statt, während die freisinnige Richtung auch den Abschluß des Bundes mit Gott als ein Resultat der Religionsgeschichte Israels ansieht. Wir haben den Bund Gottes mit Israel als einen „Orden" charakterisiert, und das prinzipielle Verhältnis der Orthodoxie und der Reform des Judentums stellt sich uns nun folgendermaßen dar: beide sind einig darin, daß die Aufgabe des Ordens darin besteht, der Menschheit die Selbsterkenntnis als Ebenbild Gottes zu verkünden; - beide sind auch einig darin, daß die Lehren und Aufgaben des „Ordens" nicht aus einer übermenschlichen „Offenbarung" geschöpft, sondern im Volksleben Israels autonom zur Erkenntnis und zur Anerkennung gelangt und erst aus dem Volksleben Israels heraus zum Gegenstände des Bundes mit Gott gemacht wurden. Auch darüber herrscht Einstimmigkeit, daß ein „Orden" seine „Ordensregeln" haben muß, daß die ewigen Wahrheiten nicht ohne historischen Träger zur Wirklichkeit werden können, daß die „Ordensregeln" mit den „Ordensaufgaben" nicht identisch sind, und daß die Universalität der ewigen „Ordensaüfgaben" nicht von dem historischen Partikularismus der „Ordensregeln" berührt werden. Die Verschiedenheit betrifft nur die Frage: In welcher Weise hat die Stiftung des Ordens, der Bund Gottes mit Jstael stattgefunden? Ob in einer übernatürlichen Unterbrechung der Geschichte, welcher letztern der Inhalt des Bundes aber zugestandenermaßen angehört, in übergeschichtlicher Verhandlung Gottes mit Moses und Israel, oder ist auch der Bund Israels mit Gott nur ein Glied der geschichtlichen Entwicklung, in der Israel zum Bewußtsein der Göttlichkeit seiner Menschheitswahrheit und seines Berufes, Prophet dieser Wahrheit unter den Völkern zu sein, gekommen? Die prinzipielle Verschiedenheit zwischen „Orthodoxie" und „Reform" ist also, wie man sieht, eine außerordentlich minimale: sie betrifft nicht das Wesen des Jüdentums, welches Wesen gar nicht historischer, sondern ewiger Natur ist, sondern die Formulierung einer sonst feststehenden historischen Tatsache die Form des Eintritts einer an sich unbestrittenen Tatsache des Bundes zwischen Gott und Israel, in die Geschichte.

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