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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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des Herrn Oberrabbincr Dr. Feilchenfeld. Mach einem vom Chvv, dirigenten Herrn Fiukel komponierten und vom Chor würdevoll vorgetragenen Gesang hörte die Versammlung stehend das erhebende Weihegebet des Herrn Rabbiner Dr. Bloch an. Ein Zögling der Anstalt sprach voll Rührung und Dank ein Gebet für alle die Edlen, die ihnen das verödete Elternhaus durch ein so sonniges Heim zu ersetzen bemüht waren. Die Stimmung war recht ernst geworden, bis ein jubelndes Hallelujah ein befriedigendes Gefühl in den Herzen aller Teilnehmer aufkommen ließ, daß hier reicher Segen geschaffen worden. Ein Rundgang durch alle Räume, den Garten und Turnplatz zeigte, daß hier kein nüchterner Kastenbau, keine düsteren Wohn- und Schlafrüume, sondern ein modernes, behagliches Heim für die geschaffen worden, welche das liebe Elternhaus entbehren müssen. Die Räume der Anstalt, die jetzt 18 Waisen zählt, unter der mütterlichen Leitung einer Erzieherin, die selbst Zögling dieser Anstalt gewesen, sind für eine erheblich größere Anzahl aufnahmefähig, doch muß die Verwaltung mit schwerem Herzen vorliegende dringliche Anträge um Ausnahme so lange zurnckweisen, als nicht ' größere Mittel ihr zufließen. Der Vorsitzende gab dem Wunsche Ausdruck, daß das recht bald gelingen möge. R. Bramrschweig, im Mai. Kürzlich hat der Herzog-Rege nt der hiesigen Synagoge einen einstündigen Besuch abgestattet und dabei großes Interesse und Verständnis für die jüdischen Gebräuche bekundet. Da, wie es scheint, mit dem bisherigen Kurse gebrochen worden ist, wird auch der herzogliche Besuch der Synagoge hier von jüdischer Seite als ein Anzeichen wesentlicher Besserung der Verhältnisse ausgesaßt, zumal das Ministerium durch das neue Iudengesetz die Braunschweiger Gemeinden zu öffentlich-rechtlichen Korporationen gemacht hat. M. J. Linnich, 6.. Mai. Am 3. d. M. fand in der Bürgerhalle hier das'Abschiedsfest der israelitischen Gemeinde für ihren in den Ruhestand tretenden Lehrer und Kantor Herrn A. Sassen statt, der von seinen 48 Dienstjahren 46 hier verbracht hat. Es nahmen außer der gesamten israelitischen Gemeinde teil: Rabbiner Dr. Janlns- Aachen, der Bürgermeister und die Stadtverordneten, mehrere Seminar- und Präparandenlehrer, die Kollegen der Stadt und eine große Zahl der besten Bürger. Aus allen Gegenden waren ehemalige Schüler des Scheidenden herbeigeeilt, um ihren alten Lehrer zu ehren.— Mach der Begrüßung durch den Vorstand feierte Herr Dr. Jaulus in längerer Rede die Verdienste des Scheidenden. Am Schluß seiner stürmisch applaudierten Worte überreichte er in kaiserlichem Auftrag Herrn Lassen den Adler des Hohenzollernschen Hausordens. Es folgte eine Reihe weiterer Ansprachen seitens des Vorstands der Gemeinde, die ihrem scheidenden Beamten eine kostbare Pendüle überreichen ließ, seitens des Vorstands des israelitischen Wohltätigkeitsvereins, der ein Blumenarrangements widmete, sowie seitens des Nachfolgers, Lehrer Jaffe; Herr Sassen antwortete auf alles in ergreifenden Worten des Abschieds und des Dankes. Das schöne Fest zeigte noch einmal, welche allgemeine Achtung sich der in den Ruhestand Tretende hier erworben hat.. Möge die Erinnerung an dies Fest Sassen durch einen ebenso langen wie glücklichen Lebensabend begleiten. — Köln, 11. Mai. Mit der Eröffnung der großartigen Neubauten des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache, die als gelungene Musteranlagen eines modernen Krankenhauses allenthalben die reichste Anerkennung finden, ist auch für die jüdische Allgemeinheit einem bisher vielempfundenen Bedürfnis abgeholfen worden. Auf dem großen mit Eartenanlagen ausgestatteten Gelände sind außer den allgemeinen Abteilungen für Kranke und Sieche auch die Pensionärabtcilungen für innere und chirurgische Kranke und Sieche der begüterten Klasse und auch alle Einrichtungen zur Behandlung Nervenkranker in reichstem Maße geschaffen (Hydrotherapeutisches Institut mit Bädern und Duschen jeglicher Art, Glühlicht- und Bogenlichtbad, elektrische und Kohlensäure-Bäder, Heilgymnastik, Lichtinstitut). Begüterten Kranken, die auf rituelle Verpflegung angewiesen sind, wird diese Mitteilung sehr willkommen sein. Den leitenden Oberärzten und Spezialärzten stehen vier Assistenzärzte zur Seite, die in der Anstalt wohnen. Geistes- und Gemütskranke sind nach den Satzungen von der Aufnahme ausgeschlossen. - - e. Frankfurt a. M., .10. Mai. „Die Fr.eie Vereinigung für-? die Jntereffen des orthodoxen Judentums" beabsichtigt „zur energischen Bekämpfung derReformbestrebungen" ein Archiv für die Reformbewegung im Judentum anzulegen. An diese Zentrale soll, was immer innerhalb der Judenheit an Schriften, Broschüren, Aufsätzen und Zeitungsartikeln über die Reformbewegnng im Iudentmn erschienen ist oder erscheint, eingesandt werden. Dorthin sollen alle die sich wenden können, die im Kampfe Stellung nehmen wollen, und von da aus soll alles-Material, das sie benötigen, zur Verfügung gestellt werden. Diese Zentrale ist in Berlin, Artilleriestraße 3l. Wir geben die Mitteilung gern weiter und bitten unsere Leser, dem Wunsch der orthodoxen Herrschaften ja zu entsprechen. Ein solches Archiv ist wirklich im höchsten Grade Bedürfnis'und wir freuen uns, daß die Orthodoxie diesmal den Liberalen zuvorgekommen ist. Denn aus diesem Archiv wird der unparteiische Geschichtsschreiber der Zukunft den Wert und die hohe Bedeutung der Reform im Judentum und den Fanatismus wie die seltsamen Mittel kennen lernen, mit denen diese große Bewegung im modernen Judentum von ihren Gegnern bekämpft worden ist. -- Nürnberg, 8. Mai. Am 3. d. M. trat eine Kommission, bestehend aus drei Delegierten der Freien Bayerischen Rabbiner- Konferenz (den Herren Dr. Cohn-Burgpreppcich, Dr. Steiu-Schweinfurt, Dr. Werner-München) und drei Vorstandsmitgliedern des Israelitischen Lehrervereins für Bauern (den Herren Goldstein - Heidingsfeld, Mandelbaum - Würzburg, Dingfelder - München) zusammen, um über die Mittel zu beraten, wie der immer größer werdenden Notlage des israelitischen Religionslehrerstandes aus dem Lande abgeholfen werden könne. Mit freudiger Genugtuung soll das einträchtige Zusammengehen zwischen den Vertretern desRabbiner- und des Lehrerstandes besonders hervorgehoben werden. Man war einhellig der Ansicht, daß der gegenwärtige Zustand unhaltbar sei und daß endlich etwas zu dessen Besserung geschehen müsse. Zu diesem Zwecke hat Dingfelder-München aus Grund statistischen Materials eine Denkschrift über hie israelitischen Kultusgemeinden und ihre Schulverhältnisse ausgearbeitet; die Ausführungen fanden die volle Zustimmung sämtlicher Kvmmissionsmitglieder. Die Denkschrift soll nun mit entsprechenden Anträgen dem „Laicdesverein" in Vorlage gebracht werden/ Es besteht begründete Hoffnung, daß dieser Verein seine bisherige segensreiche Wirksamkeit für Schule und Gemeinde auch nach der Richtung hin erweitern werde, die Verhältnisse des israelitischen Religionslehrerstandes so zu gestalten, wie sie der Bedeutung und Würde des Standes entsprechen, damit Bayern in dieser Beziehung nicht hinter den anderen deutschen Staaten zurückstehen muß. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn sämtliche hierzu berufene Faktoren sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Möge diese Angelegenheit einer allseitig befriedigenden Lösung entgegengeführt werden'. d. München, 10. Mai. Am 7. d. Mts. ist hier nach langem Leiden der rühmlichst bekannte Forschungsreisende Dr. Eduard Glaser im 53. Lebensjahre verschieden. Ueber die Bedeutung Glasers mögen Fachmänner urteilen; ich begnüge mich an dieser Stelle mit einer kurzen Notiz. Glaser, der am 15. März 1855 in Deutsch-Nustin Böhmen geboren war, widmete sich auf dem Polytechnikum in Prag mathematischen und geodätischen Studien, ging 1880 nach Tunis, von da nach Tripolis und Aegypten und bereiste seit 1883 das südliche Arabien. Aus drei weiteren Reisen in .den Jahren 1885—92 bis nach Marib sammelte er zahlreiche Inschriften, altarabische Manuskripte und Sprachproben verschiedener Dialekte.' Von einem größeren Werke über die Geschichte und Geographie Arabiens bis auf Mohammed ist nur der zweite Band erschienen. (Berlin 1890). Im selben Jahre ernannte ihn die Universität Greifswald zum Ehrendoktor. Später sind noch über Inschriften und geographische Fragen mehrere Schriften und zahlreiche Aussätze von ihm erschienen. Einen großen Teil seiner himjaritischen und anderweitigen Sammlungen besitzt das Berliner Museum durch die Munifizenz des Herrn Rudolf Mosse. Glaser war ein begeisterter Jude, und heute darf es ja wohl verraten werden, daß er vor etwa 15 Jahren allen Ernstes ' den Plan mit sich herumtrug, Palästina, wenn es sein müsse mit dem Schwert, zu erobern. Der damals aufblühende Zionismus hatte ihnnn solche Erregung versetzt.

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