Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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n-Der Demktndrbotr. Berlin, 15. Mai 1908. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". lkorrklponven?kn und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 10. Mai. In der ordentlichen Hauptversammlung der Deutschen Orient-Gesellschaft am 8. £>. M. wurde, wie üblich, der Jahresbericht borgelegt. Anknüpfend an die im Januar begangene Feier des 10jährigen Bestehens gibt der Bericht Kunde von den Unternehmungen des Jahres 1907, die sich auf sieben Arbeitsgebiete in vier verschiedenen Ländern des -Orients erstreckten und gerade in diesem Jahre von ganz ungewöhnlichem Erfolge begleitet waren. In Babylon hat sich Prof. Koldewey neben den gründlichen Forschungsarbeiten an den Palastbauten Nebukadnezars und an der berühmten großen Stadtmauer auch dem mit Privathäusern bedeckten Teile des Stadtgebietes zugewandt. Dabei ist aus der alleruntersten Schuttschicht dieses Gebiets eine Anzahl von Keilschriftdokumenten ziltage gekommen, die Geschäftsurkunden aus der Zeit der ersten Dynastie der Könige von Babylon darstellen. In Assur hat Herr Andrae die Festungswerke auf der Landseite jetzt ganz freigelegt und daneben Einzeluntersuchungen am Doppeltempel der Götter Anu und Adad durchgeführü Als überraschende Entdeckung stellt sich ein Tempel des Gottes Nebo dar, von dessen Vorhandensein in Assur bisher nichts bekannt war, und bei dem interessante Urkunden des letzten Assyrerkönigs Sinscharischkun (des Sarakos der Griechen) gefunden wurden. In Palästina haben die Herren Kohl und Watzinger die vor zwei Jahren begonnene Untersuchung der Synagogenruinen Galiläas zu Ende geführt. Außerdem hat Pros. Sellin mit Unterstützung desselben Prof. Watzinger und des Negierungsbaumeisters Langenegger das alte Jericho auszugraben begonnen. Der Erfolg war schon in dieser ersten Kampagne glänzend: die Kanaanitische Stadtmauer wurde in ihrem ganzen Verlaufe festgestellt und die merkwürdige Konstruktion der Mauern eingehend untersucht. Auch fehlt es nicht an Keramik, namentlich aus jüdischer und späterer Zeit. Die Grabung soll fortgesetzt werden. Im Herzen Kleinasiens liegt ein anderes neues Arbeitsgebiet' der Deutschen Orient-Gesellschaft. In Boghazköi, der alten Hauptstadt des Hethiterstaates, wurde das Archiv der Könige dieses Reiches aus der Zeit von 1400 v. Ehr. aufgedeckt. Die Tontafeln dieses Archivs gleichen in allen Dingen den berühmten Keilschriftfunden aus Tellel-Amarna in Oberägypten, die vor 20 Jahren die wissenschaftliche Welt in Aufruhr versetzten; auch inhaltlich schließen sie sich ganz an diese Dokumente an und sind geeignet, nicht nur über die internationalen Beziehungen der großen und kleinen Reiche des vorderen Orients im zweiten Jahrtausend Licht zu verbreiten, sondern werden vermutlich auch dazu führen, die bisher unbekannte hethitische Sprache zu entziffern. Ganz besonders aber war es Aegypten, das im Jahre 1907 die unerhört lange ausgedehnte Arbeit — sie währte von Ende Januar bis Ende Mai und dann wieder von Ende Juli bis Ende März 1908 — durch glänzende Funde belohnt hat. Mit vollem Recht konnte am Schluß der Hauptversammlung der Vorsitzende hervorheben, daß die Deutsche Orient-Gesellschaft mit Stolz und Befriedigung auf die Leistungen dieses ihres zehnten Berichtsjahres' zurückblicken dürfe. s Berlin, 8. Mai. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat beschlossen, nunmehr auf Grund des neuen Vereinsgesetzes auch Frauen als vollberechtigte Vereinsmitglieder aufzunehmen. In einem „Aufruf an die jüdischen Frauen" zum Beitritt heißt es unter-anderem: „Wer kann uns in unserem Kampfe mehr fördern als die deutsche Frau, die ihre Kinder mit einem Panzer ausstattet, an dem die vergifteten Pfeile niedriger Verleumder zurückprallen! Ihre Glaubenstreue ist der einzige wirksame Schutz gegen alle diejenigen Bestrebungen, welche daraus abzielen, unserer Jugend die vielgeschmähte Last des Judentums abzunehmen und unseren Kindern Würden und Ehren durch ein geknicktes Gewissen zu erkaufen." — Der Zentralverein hat ferner beschlossen, bei den bevorstehenden Landtagswahlen mit aller Energie in den Wahlkampf einzutreten, mit der Begründung, daß die Wahlen für das Judentum von größter Bedeutung sind und, soweit dies möglich, die Wahl offener oder verkappter Antisemiten verhindert werden soll. Der Aufruf schließt mit der Aufforderung um Zuwendung von Geldmitteln für den Wahlkampf. — Aus dem Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist Geh. Sanitätsrat Dr. Blumenthal aus Gesundheitsrücksichten ausgeschieden. Der Vorstand hat dafür Herrn Professor Dr. Ferdinand Blumenthal kooptiert. In Anerkennung ihrer eifrigen und erfolgreichen Tätigkeit als Leiter der Landesbeziehungsweise Provinzialausschüsse des Zentralvereins hat der Vorstand die Herren Abg. Rechtsanwalt Dr. Cohn in Dessau, Dr. med. Feldmann in Stuttgart und Juftizrat Dr. Lew in in Stettin kooptiert, ferner beschlossen, den Vorstand des Landesausschusses für das Großherzogtum Baden (Vereinigung Badischer Israeliten) zu ersuchen, eines seiner Mitglieder für eine gleiche Zuwahl in Vorschlag zu bringen. 8. Berlin, 12. Mai. In den Tagen vom 3. bis 6. Mai hat im Krankenhause der jüdischen Gemeinde die erste staatliche Prüfung von 12 Schwestern unter dem Vorsitz des Regierungs- und Geheimen Medizinalrats Dr. Wehmer stattgefunden. Alle Schwestern haben die Prüfung bestanden, und zwar fünf mit dem Prädikat „sehr gut" und sieben mit dern Prädikat „gut". Somit sind die Schwestern als staatlich geprüfte Krankenpflegepersonen anerkannt. 3. Berlin, 10. Mai. Am 8. d. M. feierte der Sanitätsrat Dr.Salomon Heinrich Bel gar d das goldeneDoktorjubilänm. Der Jubilar ist am 21. Juli 1831 zu Filehue geboren. Seine ersten Studiensemester verbrachte er in Berlin, dann ging er, wie alle lernbegierigen Mediziner um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, an die berühmten Lehrstätten nach Prag und Wien. Belgard ließ sich sofort in Berlin als Arzt nieder und hat hier ununterbrochen seine Praxis ausgeübt, mit einziger Ausnahme der Kriegszeiten von 1864, 1866 und 1870, während deren er als Militärarzt mit ins Feld zog. Roch heute geht er in rüstiger Frische seiner ärztlichen Tätigkeit nach und zwar im Zentrum Berlins, in dem er sich großer Beliebtheit erfreut und dem er trotz des Zugs nach dem Westen treu geblieben ist. o. Posen, 1. Mai. In sehr feierlicher Weise fand am 12. v. M. die Einweihung des Neubaues der Ritsche Flatauschen Waisen- Erziehungsanstalt für Mädchen statt. In den Anlagen am Goethe-Park erhebt sich der einfache, geschmackvolle, gediegene, von außen und innen zweckentsprechende Bau, entworfen vorn Architekten Grotte, Oberlehrer an der Königlichen Baugewerkschule. Eine vom Vorsitzenden der Anstalt, Herrn Manasse Werner, dem Vorstand der Synagogengemeinde gewidmete Festschrift, welche die Entwicklungsgeschichte der Anstalt vom Stiftungsjahr 1861 bis zum heutigen Tage enthält, wurde vorher den Mitgliedern und den Förderern der Anstalt übersandt. Einladungen zur Feier konnten des beengten Raumes wegen nur an Vorstandsmitglieder hiesiger jüdischer Vereine, deren Zahl 39 ist, ergehen. Nach einem Präludium (boruob babob) begrüßte der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde, Herr Schoenlank, die Anwesenden und sprach dem Vorstande der Anstalt Dank und Anerkennung aus. Herr M. Werner, Vorsitzender der Waisenhaus-Verwaltung und zurzeit Vorsitzender der Repräsentantenversammlung, dankte allen denen, die sich um die Förderung der Anstalt verdient gemacht, insbesondere den schon im Jahre 1871 vom Stifter Herrn Isidor Flatan zu Ehrendamen ernannten und noch jetzt mit regster Betätigung für die Anstalt wirkenden Ehrendamen Frau Sophie Gradenwitz, geborene Demuth, Frau Agnes Lehmann, geborene Demuth-Berlin nnd Frau Lina Goldenring in Posen, ferner Herrn Gustav Kronthal und Frau Julie Lißner-Berlin. Letztere ließ es sich nicht nehmen, persönlich an der Feier teilzunehmen. Von einem Damenchor, der sich freundlichst der Leitung des Herrn Oberkantors Leibowitz zur Verfügung stellte, wurde der Psalm „Wenn Gotr der Herr das Hans nicht bauet" gesungen, dann folgte die Weiherede