Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228819--64518-3276585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und erlangen und seine Tage friedlich undfromm im Schoße seiner Familie und am heimatlichen Herde beschließen. „Vergib uns jetzt, vergib uns, erbarme dich unser." Wenn er doch nur in sein liebes altes England zurückkehren könnte! Er wandte sich an den Philantropen, und trotz seiner Zerknirschung log er ihm etwas vor. Es war Verzweiflung über die Trennung von Weib und Kindern, die ihn an das Trinken gebracht, die Begierde Geld zu verdienen hatte ihn über den Atlantik -getrieben. Nun, da er ein klügerer und traurigerer Mann geworden, würde er sich mit wenigem Gelde und dem Weibe seines Herzens begnügen. VI. Mit wenig Kupfermünzen in der Tasche, die er dem Mitleid verdankte, kam er endlich wieder in England an und schritt durch die ihm so wohlbekannte Spitalfields-Allee, die durch drei große eiserne Pforten bewacht wird, über die sein Jankely so gern hinübersprang. Tausend alte Erinnerungen wachten in ihm aus. Ach, da war der Fleischerladen immer noch an der alten Stelle, und auch das Aushängeschild mit der Inschrift „Koscheres Fleisch" hing noch über der Türe. Selbst Gideon, der dicke, vergnügte Metzger, stand noch in dem Geschäfte und wetzte wie früher sein großes Tranchiermesser, obwohl er ihm nicht wie früher wie einen alten Bekannten mit einem freundlichen Lächeln begrüßte. Es berührte ihn eiskalt, daß Gideon ihn nicht erkannte, es schien ihm ein ungünstiges Omen zu sein, wie ein Zeichen dafür, daß alles sich unwiderruflich geändert habe. „Wohnt Frau Mandle noch hier?" srüg er ziemlich niedergedrückt. „Ja, auf der ersten Etage", sagte Gideon, ihn verwundert anstarrend. Ach, wie sein Herz plötzlich pochte! Er sollte Häigitcha, seine geliebte Haigitcha endlich Wiedersehen. Er stieg die immer offene, staubige Treppe hinauf und rannte gegen einen hübschen jungen Mann an, der in raschem Satze hinabsprang. Er blickte ihm nach, und plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke, daß dieser Jüngling sein Sohn sei. Stolz und Freude mochten seine Brust schwellen, aber ehe er noch Jankely rufen konnte, hatte der Bursche schon das Haus verlassen. Dann hörte er das Geräusch arbeitender Nähmaschinen. So war es ihr also doch gelungen, die Werkstätte zu behalten, obwohl sie kein Kapital hatte und obwohl er nicht mehr im Geschäfte arbeitete. Sie war eine bewunderungswürdige Frau. Zweifellos hatte die Firma Cohn dazu beigetragen, sie über Wasser zu halten. Ach, was für ein gemeiner Kerl er selbst doch gewesen war! Sie batte die Kinder ganz allein und ohne seinen Beistand erzogen. Die liebe Haigitcha. Es war ein Wahnsinn gewesen, sie zu verlassen. Aber er würde Buße tun, ja,, er würde Buße tun! Er würde seine alte Stellung einnehmen, die gewohnte Bürde tragen und des früheren Glückes teilhaftig werden — vielleicht würde er sogar wieder Schatzmeister der „Pforte zur Gnade" werden. Er klopfte an die Türe. Haigitcha selbst öffnete. Er wollte, ihren Namen rufen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken, denn die Frau, die da vor ihm stand, war nicht seine Haigitcha, sie war eine ihm vollständig Fremde; ein kaltes, ernst und strenge dreinsehendes Wesen, das vor der Zeit gealtert erschien, stand in dem düsteren Halbdunkel des Treppenhauses vor ihm. Ihr Äuge ruhte t teilnahmlos auf ihn und kein Zeichen des Erkennens oder der Freude leuchtete darin. „Was wünschen Sie?" srug sie.' „Ich bin Elkan. Erkennst Du mich, nicht?" Sie schrak zusammen, und ihre eingefallene Brust rang mühsam nach Atem. Dann sagte sie mit eiskaltem Tone: „Und was willst Du hier?" „Ich bin zurückgekommen", stotterte er in jüdischem Dialekte. „Wo ist Gittel?" antwortete sie in demselben Idiom. Es war ihm, als stichen die- Nadeln der schwirrenden Nähmaschinen ihn durch das Gehirn. So wußte man in London, daß Gittel ihn auf seiner Flucht begleitet hatte. Er ließ den Kopf hängen. „Ich bin nur ein Jahr mit ihr zusammen gewesen", flüsterte er. „Dann geh hin, woher Du gekommen bist." Sie schloß die Türe. Er drängte verzweifelnd seinen Fuß dazwischen, ehe sie Zuschlag. „Haigitcha," rief er, „laß mich ein. Vergib mir, vergib mir!" Es war ein Kampf zwischen den beiden. Es gelang ihm, die Türe zu öffnen. Wie eine Vision sah er für einen Augenblick in das Arbeitszimmer, in demdie fleißigen Hände plötzlich die Maschinen ruhen ließen und aller Augen sich erstaunt auf ihn richteten. Wie eine Vision erschien ihm auch das Bild eines schönen, erstaunt aussehenden Mädchens, das ein halbgenähtes Tischtuch in den Händen hielt — es war Rahel, seine Tochter Rahel. Haigitcha versuchte immer noch mit den Schultern die Türe zuzudrücken. . „Oeffnet das Fenster," rief sie, „ruft die Polizei herbei — dieser Mann ist betrunken." Er wankte zurück, die Türe schlug zu. Diese Wiederholung der Erfahrung, die er bei Ivonne Rupert gemacht, ernüchterte ihn vollständig. Wahrhaftig, welches Recht hatte er, sich dieser Frau und diesen Kindern aufzudrängen, für die er längst tot war? Ebensogut hätte ein Selbstmörder es hoffen können, seinen Platz unter den Lebenden wieder einzunehmen. Das Leben hatte seinen Laus ohne ihn genommen, man bedurfte seiner hinfort nicht mehr. Ach, welche Strafe hatte Gott ihm auferlegt! Die Vergangenheit hatte die Türe vor ihm geschlossen, wohin er kam, fand er geschlossene Türen. Das Vernichtendste aber war das Gefühl, daß ihm recht geschähe. Bei Dvonne Rupert, dieseiflundankbaren und lasterhaften Kreatur, hatte er das Gefühl gehabt, als habe sie sich an ihm versündigt. Aber vor dieser Frau, die er zur Witwe gemacht, vor diesem pflichttreuen, hartarbeitenden, tragischen Weibe überfiel ihm eine namenlose Selbstverachtung. Er stolperte die Treppe hinab. Wie sollte es ihm gelingen, sein Brot zu verdienen, er, dessen schlechter Ruf zweifellos zum Gespött des Ghetto geworden? O, wenn er doch nur in Besitz von Gideons scharfem Messer gelangen könnte! VII. Aber er beging keinen Selbstmord und er verhungerte auch nicht. Es gibt immer einen sicheren Rettungshafen für diejenigen, die im Ghetto unmöglich geworden, und die freundliche Aufnahme, die Elkan seinerzeit bei dem jüdischen Philantropen gefunden, hatte ihm den Weg 'dazu gebahnt, nun mal bei den Christen Rettung zu suchen. Heute Predigt der „ehrwürdige" Moses Elkan, der bekehrte Jude, seinen blinden Brüdern, die niemals kommen, um seinen Worten zu lauschen, mit beredter Zunge das Christentum. Denn er hat das Licht gefunden! Exeter Halls „Auslegung der jüdischen Prophezeiungen" sind es, die ihm die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.