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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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Ghrtto-Komüdikn. Von I. Zangwill. Die Bekehrten. IV. 3n seiner einsamen Zelle erst kam Elkan zur Besinnung, und nun brütete er einen Racheplan aus. Ja, mochten sie ihn vor den Magistrat führen, er war es nicht, der die Gerechtigkeit zu fürchten hatte. Er wollte sie entlarven, diese falsche Katholikin, diese Katze. Eine nette Bekehrte! Jeder andere Manu würde Geld von ihr erpreßt haben, so sagte er sich in gerechtem Unwillen, besonders wenn er so arm gewesen, wie er es war. Aber der Gedanke an so etwas war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte nicht im entferntesten daran gedacht, ihre Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen, er hatte sich nur des Wiedersehens freuen wollen. Als nach einer schlaflosen Nacht der Morgen kalt und grau herein dämmerte, ergriff ihn eine panische Angst vor dem bevorstehenden Verhör. Als er vor dem Richter stand und hörte, welchen Vergehens man ihn beschuldigte, war er kaum einer Antwort fähig. Dabei vermochte er die Vision Hvonne Ruperts, die mit überlegenem Spotte höhnisch auf ihn herab lächelte, nicht los zu werden. Man frug ihn, wo er in Arbeit stände. „In einer Zigarrenkistenfabrik." „Ach, Sie machen. Zigarrenkisten?" „Nein, das nicht. Ich beklebe sie nur." „Bekleben sie? Womit? Er zögerte. „Ich klebe Bilder von N^onne Rupert auf die Kisten." „So, so! Die sind wohl für die Wonne Rupert- Zigarren?" „Ja." — Er erriet die Gedanken des Vorsitzenden, ehe er sein mitleidiges Lächeln sah. Es war offenbar, daß man glaubte, die fortwährende Beschäftigung mit ihrem bezaubernden Bilde habe ihm den; Kopf verdreht. Von dem Augenblicke an verhärtete sich sein Herz. Er preßte grimmig die Lippen aufeinander: Was half es ihm zu sprechen? Was er auch Vorbringen würde, man würde ihn für einen Geisteskranken, einen armen Narren halten. Außerdem — wie unglaublich klang seine Geschichte, was hatte sie mit der gegen ihn erhobenen Anklage zu tun? „Ich war betrunken", war alles, was er noch sagte. Er wurde vor das Gericht verwiesen, und da er niemand hatte, der für ihn bürgte, einstweilen mit anderen Angeklagten .in eine gemeinsame Zelle gesperrt, bis der Büttel ihn vor den Gerichtshof führte. Er stieg in einem Fahrstuhl zu dem Justizsaal auf, über dem das Sternenbanner wehte. Dort wurde er zu einer vierzehntägigen Gefängnisstrafe verurteilt, und er hatte während dieser Zeit Muße genug, es sich klar zu machen, daß er Wonne Rupert mal wieder Gelegenheit zu einer ganz famosen Reklame gegeben habe. Es würde die Bitterkeit des Gefangenen noch vermehrt haben, wenn er gewußt hätte, wie die Außenwelt ihn für einen armen, in Wonne Ruperts Solde stehenden Teufel hielte,'und daß ganz New Wrk sich köstlich über diesen originellen und geistreichen Trick, amüsiere, durch den Wonne Rupert es abermals bewiesen, daß sie die Königin der Reklame sei. . , V. Während feiner kurzen Gefangenschaft nahten zu seiner eigenen Ueberraschung die jüdischen Festtage und der Versöhnungstag. Ein reicher jüdischer Philantrop hatte einen Gefängnisgottesdienst für seine Glaubensgenossen, organisiert, und Elkan ergriff freudig diese Gelegenheit, die die Langeweile und Monotonie seiner Haft unterbrach. Einige der Gefangenein die sich aus demselben Grunde für Juden ausgegeben hatten, wurden zurückgewiesen und erhielten einen strengen Verweis; aber Elkan fühlte es mit grimmigem Humor, daß sein Nachdenken über Yvonne Rupert und die Welt, die sie betrog, nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben war und daß er im Herzen so wenig Jude war, wie seine zurückgewiesenen Gefängnisgenossen. Schon seine Flucht nach Amerika hatte einen Bruch mit seiner religiösen Vergangenheit bedeutet. Er war nicht ein einziges Mal in einer amerikanischen Synagoge gewesen. Gittel hatte kein Bedürfnis nach Synagoge. Er betrat den improvisierten Gebetsaal mit dem spöttischen Bewußtsein, durch die Türe des christlichen Gefängnisses zu dem Judentum zurückzukehren. Aber der Gottesdienst erschütterte ihn mächtig. Er vergaß sogar, sich über den einzigen erfolgreichen Eindringling zu amüsieren, der während des letzten Tages hartnäckig alle Speisen verweigert hatte, um als orthodoxer Jude Zutritt zu erlangen. Die leidenschaftlichen Rufe des altmodischen Chasans, das feierliche Läuten und die tremulierenden Klänge des Schofars, die einst nur eine ästhetische Wirkung auf den wohlsituierten Zuschneider gemacht, schienen ihm Plötzlich zur Buße und zur Einkehr in sich selbst zu erwecken. Der Anblick der hebräischen Bücher und Gesetzesrollen erweckte die Erinnerung an seine unschuldige Kindheit und an sein Heim. O Gott! Wie hat er sich versündigt. „Vergib uns nun, vergib uns, erbarme dich unser!" rief er, sich an die Brust schlagend und sich heftig hin und her wiegend. Sein armes verlassenes Weib und die armen Kinder! Wie schrecklich mußte es für Haigitcha gewesen sein, als sie eines Morgens erwachte und ihn nicht mehr fand! Es war eben so schrecklich, wie sein Erwachen an dem Tage, an dem Gittel ihn verlassen hatte. O, ihm wurde wahrlich Gleiches mit Gleichem vergolten, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Philantrop selbst predigte.. Er sagte, daß Gott keine Sünde vergeben könne, bis der Sünder seine Missetaten bereut und Buße getan habe. Ach, es war nur zu wahr. Wenn er doch nur . zu seiner Familie zurückkehren könnte! Er würde versuchen, durch hingebendste Liebe und Frömmigkeit die Vergangenheit zu sühnen. Dann würde sein Leben wieder einen Zweck und ein Ziel haben. Die arme, arme Haigitcha. Wie würde er mit ihr weinen und sie von nun an über alles Hochhalten und lieben. Und seine Kinder! Die mußten jetzt beinahe erwachsen sein. Jankely mußte schon ein Jüngling sein? Ja, er würde jetzt 17 Jahre alt werden. Und Rachel, das kleine zärtliche Engelchen. In all diesen Jahren hatte er es nicht gewagt, an sie zurückzudenken. Seine Vergangenheit lag wie ein verschwommener, nebelhafter Traum hinter ihm; das weite Meer trennte ihn davon. Nun aber plötzlich zerrissen die Nebel und er sah sie bei Hellem Tageslichte und mit verlockendem Reiz. Ja, er wollte zu seiner Familie zurück, die, immer noch seiner Liebe und Führung bedurfte. Er würde Verzeihung erbitten

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