Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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der Juden in Polen gegen die Blutanklage anzunehmen. Hierauf veröffentlichte dann August UI. von Polen ein Rechtfertigungs-Dekret der Juden. Leider war es dem Papst nicht mehr vergönnt, in der Frage der Blutbeschuldigung noch weitere Schritte zu tun, weil er durch den Tod der Menschheit entrissen wurde. Aber sein Nachfolger, Clemens XIII., handelte ganz in seinem Sinne. Er duldete keine Gewalttat und beschirmte die Juden, soweit nur seine Macht reichte, Dasür huldigten ihn aber auch die römischen Juden in begeisterter Weise. Als er zum Papst gewählt wurde, brachte die Gemeinde neben den gewöhnlichen Emblemen aus der Via triumphalis zwei große Inschriften an. In der ersten „empfahl sich die Gemeinde untertänigst dem gerechten, glückverheißenden, frommen, durch göttliche Eingebung zum Papste gewählten Papst". An diese Widmung schloß sich ein Gedicht in Hexametern. Die zweite Inschrift war eine Elegie in Distichen. Ihre Überschrift wünschte „an dem feierlichen, glückverheißenden, heiß ersehnten Tage seines ruhmvollen Poffesso, dem mit allen Tugenden reich geschmückten Papste den herrlichen Triumph des Friedens". Und wie Clemens XIII., so war auch dessen Nachfolger, der schon genannte Lorenzo Ganganelli beziehungsweise Clemens XIV., in noch höherem Grade ein Gesinnungsgenosse Benedikts XIV. Sein Geist von eigentümlicher Feinheit und Milde und sein Gemüt voll Enthusiasmus, Empfänglichkeit und Liebe, dessen Religion nicht Eifer, Verfolgung, Herrschsucht und Polemik, sondern Friede, Demut und inneres Verständnis war. Von ihm sagt treffend Rieger*)-.- „ . . . Er war so vom Geiste der Humanität und Menschenliebe durchdrungen, daß er alles, was in seiner Macht stand, zur gesellschaftlichen und ökonomischen Hebung seiner jüdischen Untertanen tat. Er war so einsichtig, auch den regsamen Judenanteil an dem allgemeinen Streben zur Kräftigung seines Staates gewähren zu lassen. In den Jubelruf bei feiner Krönung, an der die Gemeinde in der gewohnten Weise Anteil nahm: „Freut Euch laut, Ihr armen Horden, Ganganell ist Papst geworden" hat wohl niemand freudiger eingestimmt als die jüdische Gemeinde." Die Bulle Benedikts XIV. vom März 1747, die aufs strengste verbietet, die unmündigen Kinder der Israeliten ohne Zustimmung ihrer Eltern oder Vormünder zu taufen, blieb nicht ohne Wirkung; sie veranlaßte später den Papst Clemens XIII. zu feiner Bulle vom 9. Februar 1769. Danach sprach der Papst, nachdem er in einer allgemeinen Versammlung die Meinung der Kardinäle und Generalinquisitoren über die heimliche Taufe eines jüdischen Kindes gehört hatte, die Strafe der Verbannung gegen die aus, welche die Taufe vollzogen hatten, obgleich dies Katechumenen waren, und befahl, daß das Kind den Eltern zurückgegeben werden sollte. Schon früher hatte im Namen des Papstes und des heiligen Offiziums der Generalinquisitor in Avignon' am 20. März 1767 ein Dekret erlassen, wodurch aufs strengste verboten wurde, jüdische Kinder zu taufen, oder damit zu drohen, oder zu behaupten, sie seien getauft; ebenso wurde aufs strengste untersagt, jüdische Kinder unter dem Vorwände, sie zu taufen oder in der christlichen Religion zu unterrichten, oder weil sie getauft seien, den Eltern zu entführen, alles das bei Leibes strafen oder bei Strafe der Galeeren für die Männer und der Auspeitschung auf der Straße für die Frauen. h a. a. O. S. 248. ' Benedikt XIV. nahm es mit der christlichen Moral und Ethik genau. Er wollte keine heuchlerische Moral, keine gleißnerische Frömmigkeit, um unter ihrem Deckmantel allerlei abscheuliche Attentate gegen Ketzer und Juden zu vollziehen, sondern verlangte von der Christenheit, speziell von den Katholiken und der Geistlichkeit, einen sittlich reinen Lebenswandel, eine friedfertige, echt religiöse und humane Gesinnung, und vor allem die Vermeidung jeden Grunds, der die Eintracht zwischen den Bekennern der einen oder anderen.Konfession zu trüben geeignet wäre. Selbstverständlich rächten sich, die Jesuiten und ihre Verbündeten an dem Papst, In Schmähschriften aller Art und durch Intrigen suchten sie ihm sein Amt zu verleiden, und in den Briefen an den schon genannten Kanonikus Peggi, worin er sein ganzes Herz ausschüttete, gibt er in beweglichen Worten seinen Klagen über die Last und Bitternisse seiner schweren Bürde Ausdruck. Sein köstlicher Humor jedoch und seine feurige Begeisterung für die idealen - Güter der Menschheit ließen ihn selbst das Schwerste mit Würde tragen. Der Papst fand Trost und Ruhe in schriftstellerischen Arbeiten und im Studium. Alle seine Mußestunden widmete er der Lektüre des Alten Testaments, Auch den Talmud las er in vorhandenen lateinischen Übersetzungen. Er war ein Freund der haggadischen Elemente im nachbiblischen Schrifttum. Und die verschiedenen Allokutionen, die er hielt, sowie die diversen Verordnungen legen Zeugnis von diesem seinem ernstlichen Forschen ab. Daneben war Benedikt XIV. einer der bescheidensten Menschern, die je gelebt haben. Er hatte keine Unfehlbarkeits- Anwandlungen wie Pius IX., sondern lehnte alle Lobeserhebungen und Ehrenbezeigungen liebenswürdig, aber entschieden ab. Schon die eine Tatsache, daß Benedikt XIV. einen Fra Girolamo Savonarola, den einer seiner Vorgänger, der Papst Alexander VI., mit dem Banne belegt hatte und der den entsetzlichen . Tod aus dem Scheiterhaufen fand, der Kanonisation für würdig erklärt hat, weil er ihn für einen der genialsten Männer und besten Theologen, sowie für einen Märtyrer der Wahrheit hielt, beweist, welch edler, von keinen Vorurteilen und Bedenklichkeiten befangener Geist in dem Papste lebte. Ebenso energisch war er, wenn es sich darum handelte, einen finsteren Fanatiker und ausgesprochenen Judenfeind wie den Jesuiten und Kardinal Bellarmin, der für die päpstliche Unfehlbarkeitslehre eintrat und vor Fälschungen von Brevieren und Martyrologien nicht zurückschreckte, heilig zu sprechen. Zusammen mit seinem Gehilfen, der ihn in seinen Humanitären Anschauungen kräftig unterstützte, dem Kardinal Passionei, vereitelte er die von den Jesuiten beabsichtigte und betriebene Seligsprechung Bellarmins. Es sei noch erwähnt, daß die Juden im 18. Jahrhundert nicht allein auf dem duldsamen Gebiet der Republik Venedig, - sondern auch un Kirchenstaat unter dem Pontifikate Benedikts XIV. eine Zufluchtsstätte fanden und ihrem Beruf ungestört nachgehen konnten, ohne von den Schergen der Revolution gehetzt und an Gut und Blut bedroht zu sein. Was Friedrich der Große, der bekanntlich das schöne Wort gesprochen: „In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden!" in Fragen der konfessionellen Duldung für Preußen, was Kaiser Joseph II. für Oesterreich im 18. Jahrhundert war,, das bedeutete Benedikt XIV. für den Kirchenstaat und für die Menschheit. «gf