Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Buch geben, wollte' man die Liste derjenigen äusstellen, die als Nichtjuden, ja als notorische Antisemiten zu ihm kamen und mit ihrem Leid ihn zu rühren verstanden, seine Hand hilfreich, sein Herz mitfühlend fanden. Hierbei zeigt Zadoc Kahn sogar eine gewisse Schwäche, die einzige, die ich an ihm kenne; er wies es hartnäckig zurück, an die Bosheit und Niedrigkeit jeman'des zu glauben. Selbst wenn man ihm Tatsachen vorhielt, die geeignet schienen, einen Menschen in seiner Meinung herabzusetzen, suchte er Erklärungen, Entschuldigungen. Niemals hat er jemanden gehaßt; er hat nicht einmal eine Abneigung gegen den Offizier empfunden, der ihn infolge einer Privatunterhaltung denunziert hatte. Heftigkeit, selbst in Worten, war ihm zuwider; er beantwortete Ausfälle mit doppelter Milde, die dann entwaffnete. Ich habe diese Wirkung in mehr als einer Sitzung der Alliance erprobt; wenn ich Aufregungen, die ich für berechtigt hielt, freien Laus ließ, wurde ich plötzlich ruhig und fühlte, wie die Spannung meiner Nerven nachließ, wenn ich den Klang der Stimme Zadoc Kahns hörte. Man hat die „kühle Vorsicht" Zadoc Kahns und seinen weiten Blick gerühmt. Mit Recht! Er ahnte die künftige Umwandlungen des Judentums klar voraus, weil er seine Vergangenheit studiert hatte, die, wie jede lebendige Vergangenheit, eine lange Entwicklung darstellt. Kein Theologe war weniger mystisch, dem Aberglauben feindlicher gesinnt, dem leeren Formalismus abgeneigter als er. In seinen Reden erscheint das Judentum entkleidet des Schmuckes des Mittelalters, der modernen Gesellschaft angepaßt, wie sie die Revolution geschaffen hat, nicht ohne selbst sich biblischen Ideen anzupassen. Zadoc Kahn hatte es von Anfang an aus sich genommen, den Sonnabendgottesdienst zu beschleunigen und so von neuem zu beleben. Von einigen Konservativen deshalb getadelt, hatte er sich durch das Beispiel des Maimonides gerechtfertigt. Dieser große Maimonides, den er in Gesellschaft Munks so gut kennen gelernt hatte, war sein Ideal in der Vergangenheit, besonders deshalb, weil er seiner Zeit so. vorangeeilt war. Zadoc Kahn versuchte auch Sonntaggottesdienste einzusühren, und ich erinnere mich gern daran, daß er, als ich meine Artikel über die innere Emanzipation des Judentums schrieb und darin den Speisegesetzen und den Sabbatvorschriften den Prozeß machte, er nicht zu denen gehörte, die mit Steinen auf mich warfen und mich als Antisemiten behandelten. Nur war er, gestützt aus lange Erfahrung, der Meinung, daß jede äußere Loslösung das Ergebnis einer langen dahinzielenden Entwicklung sein müsse. Er glaubte, daß ein Rabbiner die Gewissensskrupel der Gläubigen achten müsse und sich nicht zum Anwalt von Reformen auswersen dürfe, die ihm als Abfall vom Glauben ausgelegt werden könnten. Ich sagte ihm, däß ich alles das einsähe, daß ich aber freier als er wäre, daß ich nur eine Saat lege und daß ich wohl glaube — ohne es mir zu verheimlichen — daß die Ernte nicht nahe sei. Kurz — wir blieben die besten Freunde von der Welt, weil er wußte, daß ich, von gutem Glauben beseelt, dem Judentum aufrichtig ergeben war, und weil ich wußte, daß er der beste Mensch und einer der Führer seiner Zeit war. Wenn man einmal begonnen hat, von Zadoc Kahn zu sprechen, hat es keinen Zweck, anzuhalten. Ich habe Ihnen noch nichts erzählt von einer seiner besten Eigenschaften, die am lebhaftesten frappierte. Er fand das rechte Wort und die rechte Tat in den Schwierigsten Lagen. Er hatte einen Blick von wunderbarer Sicherheit, einen, mau möchte fast sagen, Instinkt für das durch die Verhältnisse Gegebene. Seine Worte waren von vorbildlicher Klarheit und standen immer in engster Beziehung zu dem zur Verhandlung stehenden Gegenstand. Meine Herren! Es gibt Menschen, intelligent, beredsam. Sie werden sicher solche kennen (wenn nicht, um so besser für Sie) die eine Geißel für Vereine sind, weil sie sich gern sprechen hören und deshalb sprechen — zum Vergnügen. Zadoc Kahn war die Vorsehung der Komitees und Gesellschaften, in denen er Sitz und Stimme hatte, weil er nichts Unnützes sprach und nur mit klugem Rat hervortrat. Daher war es uns auch zur Gewohnheit geworden, ihm recht zu geben, selbst wenn wir vom entgegengesetzten Standpunkt ausgegangen waren. Man hat oft gesagt, Zadoc Kahn sei ein Blender, ein Charmeur gewesen. Zweifellos sprachen für diese Behauptung seine schöne, wohlklingende Stimme und seine Beredsamkeit. Was ihm aber seine überzeugende Gewalt gab, war vor allem die Mischung von Klugheit und Güte, die seine Worte wie sein Leben kennzeichneten. Ich kann sagen, daß ich -ihn aufrichtig bewundert habe. Durch meine Laufbahn habe ich Gelegenheit gehabt, in Berührung mit verfeinerten Intelligenzen zu kommen, ich habe keine gefunden, die so alle Qualitäten vereinigt wie Zadoc Kahn. Und wenn ich Sie heute, wo ich von ihm gesprochen, nicht gelangweilt habe, so führen Sie es darauf zurück, daß ich Ihnen von einer Zierde unseres Geschlechtes berichtet habe, von einem Menschen, der nach Verdienst geliebt und geehrt wurde, und dessen Andenken wie ein Lichtstrahl des Lebens — vera lux vitae — in den Herzen derer sich darstellt, die das Glück hatten, sich ihm nähern zu können. Lin judenkrrundlichrr Osplt. Von Dr. A. Hahn. eit der Zeit der Unfehlbarkeit und besonders seit den Tagen Pius IX. erscheint es wie ein Märchen aus alten Zeiten, wenn wir von einem judensreundlichen Papst reden, das heißt von einem solchen, der auf geistigem, kulturellem und konfessionellem Gebiete dem Humanismus und der Duldung huldigte. Aber gerade in unseren Tagen des starren „von po8sumus" erscheint es sehr angebracht, auf einen ruhmvollen Träger des Krummstabes aufmerksam zu machen. Wir meinen den vor 150 Jahren (am 3. Mai 1758) verstorbenen Papst Benedikt XIV. Ein gelehrter und geistreicher Kirchenfürst war der 1675 in der altberühmten Universitätsstadt Bologna geborene Prosper Lambertini, her sich als Papst Benedikt XIV. nannte, zugleich ein Förderer von Kunst und Wissenschaft und von der lautersten Lebensführung. In seiner duldenden Milde und humanen Gesinnung kannte er keinen Haß - und keine Verfolgungswut; ihn leitete nur der Gedanke der Eintracht und Versöhnlichkeit. Wir speziell in Preußen haben alle Ursache, ihn mit Verehrung und Sympathie zu nennen, denn er war der erste unter den Päpsten, der die protestantische preußische Königswürde anerkannte, wie er denn auch sich mit den protestantischen Fürsten vertrug, ohne Bannflüche gegen, sie zu schleudern.. Dem Treiben der Jesuiten suchte er entgegenzuwirken, hob Handel und Gewerbe, stiftete wissenschaftliche Akademien in Rom, leistete der Wissenschaft durch die Uebersetzung der besten gelehrten Werke und Herausgabe der vatikanischen Handschriften unvergängliche Verdienste. Franz Xaver Kraus, der die Briefe Benedikt XlV. an den Kanonikus Pier Francesco Peggi in Bologna veröffentlichte, charakterisiert den Träger der Tiara treffend mit den Worten: „Ehren - pflegen die Sitten zu ändern. Es ist ein Beweis