Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die furchtbaren Metzeleien vernahm, durch die Rußland in den letzten Monaten des Jahres 1905 sich schändete.. Mit zitternder Stimme, die dem Erlöschen nahe zu sein schien, diktierte er einen Aufruf an die Juden Frankreichs zu helfen, wenn auch nur durch milde Gaben. Vielleicht wäre Vieles anders gekommen, wenn Zadoc Kahn, der so hinreißend, so überzeugend ' sprach, selbst nach Petersburg hätte eilen können, um dort.für' die Sache der Juden einzutreten, sei es nun in den letzten Jahren Alexanders III., sei es unter dem jetzigen Zar. Aber unglücklicherweise war dieser französische Beamte in ein Netz von Verpflichtungen verstrickt, das ihm niemals erlaubte, seinen kühnen Plänen unbehindert zu folgen. Nie hat er soviel Zeit gehabt, all das Gute auszuführen, das auszuführen er im Sinne hatte, und dabei war niemand so geeignet dazu wie er. Seit Albert Cohn gestorben war, war er durch die Macht der Umstände der große Almosenspender des französischen Judentums. Er brauchte zu diesem Amte nicht nur seine ganze Tatkraft, sondern auch seinen ganzen Takt, um fast täglich als Mittler zu dienen zwischen den äußersten Kontrasten des Reichtums und der Armut.- Seine Sympathie' gehörte vor allem den armen russischen und rumänischen Studenten, denen die Universitäten ihrer Heimat verschlossen waren und die nach Frankreich kamen, Belehrung heischend, oft sogar auch Brot. Das „Comite des Etudiants“, das um 1884 entstand, vermittelte unter dem Einfluß Zadoc Kahns tausende von Wohltaten. Aber er hatte auch seine eigenen Studenten, für die er allein die Subsistenzmittel verschaffte, die nicht in den Listen standen, -und denen er die Nennung ihres Namens dauernd ersparte. In unserem Zusammenarbeiten erschien es mir oft, als ermangle er eines gewissen kritischen Geistes, als .ließe er sich von seinem Herzen sortreißen; aber könnte ich ihm ein schöneres Zeugnis ausstellen als mit diesem Bekenntnis: Jahre seines Lebens der Wohltätigkeit weihen und nicht verhärten! .... Um das zu können, muß man ein Herz haben, wie Zadoc Kahn es hatte, ein Herz, das das menschliche Leid stets schlagen läßt, und das, wenn es außerstande war, tatkräftig zu unterstützen, stets ein passendes Wort des Trostes, der Hoffnung auf die Lippen zauberte. Es war um 1880, als das große Werk von Schürer erschien über das Judentum zur Zeit der christlichen Aera, als Isidor Loeb zu mir sagte: „Ist die Pariser Gemeinde nicht reich genug, um die bescheidene Existenz eines jüdischen französischen Gelehrten zu sichern, der sich derartigen Arbeiten widmen wollte?" Was von Loeb wahr ist, ist es auch von Zadoc Kahn. Er hatte in der wissenschaftlichen Welt eine glänzende Aufnahme gefunden, zuerst durch die Redaktion des analytischen Index zu Maimonides von Munk, sodann' durch seine klassisch gewordene Arbeit über die Sklaverei in Bibel und Talmud. Aber die Pflichten, die ihm sein Amt auferlegte und die er durch freiwillige Tätigkeit übernommen hatte, ließen ihm die Muße nicht, diesen Weg weiter zu beschreiten, aus dem hoher Ruhm ihm sicher geblüht hätte. Trotzdem zeugt seine literarische Tätigkeit, wenn sie auch nicht von großem Umfang ist, von hohem Werte. Ich kenne keine faszinirendere Lektüre, die mehr geeignet wäre, die Israeliten in die Kenntnis, in die Wertschätzung, in die Liebe zur Religion ihrer Vorfahren einzuführen, als es die Reden und Ansprachen Zadoc Kahns sind. Gegen Ende seines Lebens arbeitete er viel an der Bibel des Rabbinats, das heißt an einer französischen Uebersetzung der Bibel, die, ohne konfessionelle Voreingenommenheit sich sehr streng an den Originaltext halten will. Der zweite Band dieses Werkes ist erst nach seinem Tode erschienen. Zadoc Kahn war das literarische Gewissen in Person, er litt darunter, die verdorbenen und zerstörten Textstellen übersetzen zu. sollen, die nicht ^zuverstehen waren und sich gerade in den Propheten so zahlreich finden. Wie oft. hat er . mir sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß es ihm nicht vergönnt sei, mehr für die Wissenschaft des Judentums zu tun! Aber jeder weiß' was für einen hervorragenden Dienst er geleistet hat durch die Gründung der Jüdischen Studiengesellschaft (Loeiete d65 Etudes Juives) im Jahre 1879, deren Gründer und dreimaliger Präsident er war. Diese Gesellschaft hat die Wissenschaft des Judentums in Frankreich aus einem an das Nichts grenzenden Tiefstände zu einem hohen Grade der Leistung emporgezogen. Wohl die Hälfte aller Mitarbeiter an der „Revue" sind Fremde gewesen; ihre Veröffentlichungen, gut übersetzt und auf Französisch veröffentlicht, haben für die jüdische Wissenschaft und die Geschichte der Religion der Semiten ein Handwerkzeug geschaffen, wie es nicht einmal das gelehrte Deutschland ähnlich besitzt. Im Frühjahr 1905 auf einem Bankett, das zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Gründung dieser Gesellschaft gefeiert, wurde; sagte.Zadoc Kahn: „Wenn es einen Titel gibt, von dem ich mir wünsche, daß er am Tage meiner Beisetzung in Erinnerung gebracht und den ich auf meinem Grabmal eingeschrieben haben will, so ist es der, einer der Gründer dieser Gesellschaft gewesen zu sein." Er war zu bescheiden, er war mehr als der Gründer, er war der geistige Vater dieser Bewegung. Die jüdische Studiengesellschaft ist das Werk dreier Männer: Zadoc Kahn, der das Bedürfnis erkannt und die Notwendigkeit seiner Erfüllung klargelegt hat, James Eduard von Rothschild, der die ersten Fonds stiftete, und Isidor Loeb, der die Arbeit organisierte. Schon in früher Jugend hatte er sich ein moralischesHnsehen von so untadeligem Rufe geschaffen, daß er — man ist fast versucht, indiskret zu sagen, — indiskret sein konnte, ohne es zu scheinen. Bei diesem tiefen Eindringen in des Menschen Inneres hals ihm auch die Gabe, aus halbgesprochenen Worten, kaum merkbaren Regungen die feinsten Nuancen zu verstehen, und beizeiten zu schweigen, um dann zu gelegener Zeit wiederzukommen. Niemand wird jemals berechnen können, was für Summen er infolge seiner Milde und Güte von an sich gebefreudigen Männern und Frauen zu erlangen verstand dadurch, daß er sie anfeuerte und zum Geben ermutigte. Wußte er doch auch, daß seine Gemeinde im Laufe der Jahre um Hunderte und Tausende von Flüchtlingen aus dem Osten angewachsen war, und daß so ihre Bedürfnisse immer in höherem Maße die Quellen überstiegen, die er ihnen zugänglich machen konnte; und nicht ohne Trauer sah er den Abfall vom Glauben in dem Kreise wachsen, sich vervielfachen,. in dein er als Mahner bestellt war. Während der 36 Jahre seiner Amtswaltung sind etwa zwanzig große jüdische Vermögen, die von Leuten erworben wurden, die treu zum Judentum hielten, auf dem Wege von Mischheiraten in die Hände von Personen gelangt, die für die Leiden der armen. Juden kein oder nur geringes Interesse besitzen, um es nicht schärfer auszudrücken. Er litt daran wie an einem der Leiden, die auf Israel lasten. Und tatsächlich nimmt der Jude überall die Fehler seines sozialen Niveaus an. Seine privilegierten Vertreter (versteht sich durch das Vermögen, nicht durch Gemüt) glauben sich noch mehr zu erhöhen, wenn sie einen Sack Taler für ein Lächeln, das oft noch einen üblen Beigeschmack hat, eintauschen können. „Was tut^s", sagte ich manchmal zu ihm, „au denen verliert das Judentum nicht viel." „Ja, aber die Leiden, das Elend der Juden, braucht deren Hilfe." Und diese wohltätige Kraft sah er mit Schmerz sich entgehen. Die Güte Zadoc Kahns galt gleicherweise allen Menschen ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse. Es würde ein