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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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Ein solches Dokument hatte man uns in Dire-Daüa für unsere Reise in die Hauptstadt gegeben. Diese kaiserlichen Briefe werden gewiß in einigen Jahren verschwinden; sie sind deshalb von den Sammlern sehr gesucht. Ich besorgte mir weiter vier Empfehlungsbriefe, einen an den Ras Mangascha, Gouverneur von Godscham, Agumeder und von Kuara, einen an den Neffen der Kaiserin, Ras Guxa, Gouverneur von Begemender, Simen und Gondar, einen an Ras Uolie, Bruder der Kaiserin, Gouverneur von Lästa, und endlich an Dedschasamtsch Gabrn Sellassi, Gouverneur von Adua. Gegen den 1. April werden wir uns auf den Weg machen, um zu den Falafch.is Beziehungen zu gewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich nichts vernachlässigen werde, um einen Erfolg unserer Mission zu sichern. Ich glaube, daß unsere Falascha-Reise drei Monate dauern wird, während derer Sie keine Nachricht von uns haben werden. In ganz Amhara gibt es weder Posten noch Telegraphen. Sollten wir aber unterwegs einen Reisenden kreuzen, so werden wir ihm Briese mitgeben. Auf diese Weise können Sie vielleicht erfahren, wo wir sind und wie es uns geht. Uebersetzung des Geleitbrieses für die Alliance-Mission. (Siegel.) „Der Löwe des Stammes Juda, der Sieger Menelik II., von Gottes Gnaden, König der Könige von Aethiopien. Die Träger dieses Brieses, die Herren Nahum und Eberlin, sind nach Aethiopien gekoinmen, um die Falaschas zu sehen. Sie mögen überall hingehen, in alle Lande — hindert sie nicht daran. Ihr, Oberhäupter der Provinzen, bringt ihnen alles, was sie zu kaufen nötig haben, geleitet sie in guter Sicherheit, damit sie das Land'in ungestörter Gesundheit durchschreiten. Ich befehle, daß es also sei. * Geschrieben und gegeben in der Stadt Addis-Abeba am 9. Maggabit im Jahr der Gnade 1908." Addis-Abeba. den 3. April 1908. Letzten Samstag, gegen 472 Uhr nachmittags, als wir uns eben zum Ausgehen bereiteten, um einige Abschiedsbesuche zu machen, kam Ato Haile Mariam eilends zu uns, um uns zu sagen, daß der Kaiser die Gnade gehabt habe, uns eine Abschiedsaudienz um 5 11 hr zu bewilligen. Wir begaben uns auf der Stelle nach dem in dem vorigen Schreiben geschilderten Saal, wo man uns zur bestimmten Stunde zu Seiner Majestät führte. Dieser Empfang war überaus herzlich. Zunächst ließ der Kaiser mich wissen, daß er mir Titel und Insignien eines Kommandeurs des Ordens vom Siegel Salomonis verliehen habe. In einer kleinen Ansprache dankte ich dem Kaiser im Namen der Alliance für alle Ehrungen, die uns bereitet worden seien, und sprach Gebete aus für das Gedeihen seiner Negierung. Kaiser Menelik erwiderte: „Bringen Sie meine Kaiserlichen Grüße allen Mitgliedern der Alliance Israettte Universelle und sagen Sie ihnen, daß ich ihnen für die Gebete danke, die sie für mich sprechen.. In der Tat, das Gebet ist die Kraft der Könige. Besuchen Sie die Falaschas und die archäologischen Denkmäler, und schicken Sie mir durch den französischen Herrn Minister ausführliche Berichte. Ich wünsche Ihnen gute Reise und bitte Sie, mir telegraphisch von Ihrer gesunden Ankunft daheim Kenntnis zu geben." Der französische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herr Pichon, hat der Alliance in Paris verschiedene Depeschen niitgeteilt, die er über die Mission von dem Vertreter Frankreichs in Addis- Abeba erhalten hat. Folgendes ist der Bericht, den Herr Brice über den Empfang dem Ministerium erstattet hat: , „Addis-Abeba, den 10. März 1908. Ich habe die Ehre^ zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen, daß auf mein Gesuch Seine Majestät Menelik am 6. d. M. die Herren Nahum. und Eberlin empfangen hat. Nach der Verlesung und Ueberreichung der Adresse der Alliance Israelite Universelle hat Herr Nahum sehr geschickt den Zweck der philologischen und ethnographischen Forschung auseinandergesetzt, die er in diesem Lande anstellen will. Indem er Aethiopien mit einer lange Zeit der Sonne beraubten Blume verglich, die zum Aufblühen nur einen Lichtstrahl erwartete — hat er Menelik zu diesem Lichtstrahl gemacht, dank dem die. Blume sich geöffnet und das bis zu seiner Thronbesteigung in Finsternis getauchte Land aus der Isolierung hervorgetreten ist, um mit der übrigen Welt in Beziehungen zu sein ... Sehr eingenommen durch diese blumenreiche Sprache, hat der Kaiser Herrn Nahum zugesagt, daß er ihm alle erforderlichen Ermächtigungen geben werde, in seinem Reiche sich zu bewegen und in aller Freiheit seinen Studien nachzugehen. Er bezeichnete ihm selbst gewisse Inschristen in der Umgegend von Addis-Abeba, deren Sinn er gern kennen lernen möchte. Anderen Tags ließ die Kaiserin Taitu Herrn Nahum sagen, daß sie seinen Arbeiten mit Aufmerksamkeit olgen werde, und daß sie ihn wie seine Gefährtin im Thronsaalzu m Frühstück einlade. Lador Kahn. Von Salomon Reinach. II. man hat gesagt, Zadoc Kahn sei nicht nur Großrabbiner von Paris, sondern von der ganzen Welt gewesen. Und tatsächlich hat sich niemals jemand — zumindest in moderner Zeit — inmitten des Judentums einer derartigen Hochachtung in aller Herren Länder, eines solchen Ansehens erfreut, wie Zadoc Kahn. Hatte er schon den Schmerz, in Frankreich den Antisemitismus wachsen und groß werden zu sehen, so betrübte ihn noch mehr das Schauspiel der Judenverfolgungen in Rußland, Rumänien, Persien und Marokko, Ereignisse, die. ein finsteres Mittelalter in eine lichtreichere Gegenwart versetzten. So gab es eine Zeit, in der er zionistischen oder territorialistischen Bestrebungen in seinem Innern Nahrung gab. Er dachte an die Gründung einer jüdischen Bank mit 100 Millionen Kapital, deren Ausgabe sein sollte, den Juden Ländereien zü verschaffen und sie zum Ackerbau zurückzuführen; die kolonisatorische Arbeit in Palästina hatte von Anfang an seine volle Sympathie für sich, und so war es in gleichem Maße mit der „Association, äs Kolonisation anglaise“ (die wir oben als „Jewish Colonisation Association“ kennen lernten), die endlich so vielen schönen und hochherzigen Träumen eine reale Basis schuf. Als der Sohn des Baron von Hirsch im Jahre 1887. gestorben war, das Bild vor meinen Augen erinnert mich daran, antwortete der Baron einer Gesandtschaft, die ihm ihr Beileid ausdrücken wollte: „Ich habe meinen Sohn verloren, aber nicht meine Erben." Er hielt Wort. Nach Versuchen, die uns hier wenig interessieren, wurde das argentinische Kolonisationswerk aus sehr ausgedehnter Grundlage begründet. Es ist hier nicht der Ort, dem Ausdruck zu geben, was erreicht ist, noch dem,, was man noch zu erreichen hofft, um auch dem zweifelhaftesten. der Zweifler zu beweisen, daß die Juden zum Ackerbau sich eignen, und um neue Zentren der Kolonisation zu schaffen, der Industrie wie dem Handel jenseits des Meeres. Trotz der Kritiken alll derer, die die Schwierigkeiten nicht kennen, deren man Herr geworden ist, und die, wie so oft von Sachen sprechen, die sie nicht verstehen, ist das bisher Geleistete sehr ehrenvoll für das Judentum. Tausende, ja zehntausende jüdischer Familien selbst sind gerettet, durch seine unmittelbare Einwirkung in gleichem Maße wie durch die wohltätige Wechsel- und Rückwirkung, deren Einfluß unwiderstehlich ist. Ein Lichtstrahl, der Hoffnung zu spenden verhieß, erstrahlte den russischen Juden seit der Berufung der ersten Duma. Aber nur, um einem schrecklichen Morgen zu weichen. Ich kann wohl sagen, daß die letzten Tränen Zadoc Kahns den russischen Juden gegolten, haben. Krank, verurteilt das Zimmer, ja selbst das Bett zu hüten, weinte er, als er den Bericht über

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