Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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sie, daß das Kriegsministerium der Duma 'einen Gesetzentwurf vorlegt, der-die Armee von diesem Nebel befreit. Von der Opposition trat Roditschew gegen diesen unsinnigen Antrag auf. Nur in einem Sklavenstaate könnte ein solcher Vorschlag verwirklicht werden. Vor allem betonte Roditschew, daß die Juden bei der Ableistung der Wehrpflicht bisher ungerecht behandelt rvurden; man solle keinen kranken Juden ausheben, dann würden keine unglücklichen jüdischen Soldaten vorhanden sein. Die Behauptungen über die Zahl der fahnenflüchtigen Juden seien falsch weil die jüdischen Personenregister nachlässig geführt und Gestorbene, sowie Ausgewanderte in ihnen nicht vermerkt werden. „Die Befreiung einer Klasse von Staatsangehörigen vom Militärdienst." sagte Roditschew weiter, „führt zum Verfall." Die Erfahrung der westlichen Länder hat gezeigt, daß die Juden alle staatsbürgerlichen Pflichten ebenso gewissenhaft erfüllen, wie die übrigen Bürger. Nicht die Juden haben Rußland zur Niederlage von Tsuschima geführt. In England, Italien, Frankreich dienen eine Unmenge Inden; sie geben zu keiner Klage Anlaß." (Zwischenruf: Und Deutschland?) „Auch Deutschland," fährt Roditschew fort, „besitzt viele Antisemiten. Bismarck hat gesagt, daß der Antisemitismus der' Sozialismus der Dummen ist. Gebt den Juden Rechte; ihr könnt ihnen alsdann auch Pflichten auferlegen! Betretet den Weg des Rechts und der Gerechtigkeit; das ist der Weg, ein starkes und mächtiges Rußland, eine starke und mächtige Armee zu schaffen." (Langanhaltender Beifall.) Danach sprach Purischkewitsch; er begründete das Verlangen der Entfernung der Juden vom Militärdienst gerade mit der Absicht, ihnen alle politischen Rechte zu nehmen. Er griff dabei Roditschew in grober, unparlamentarischer Weise an; er behauptete, Roditschew sei von den Juden bestochen. Ihm folgten noch 25 Redner. Schließlich wurden am folgenden Tage in geheimer Beratung die beiden von Krupenski eingebrachten Zusätze, welche den Ausschluß der Juden vom Militärdienst bezweckten, mit bedeutender Stimmenmehrheit abgelehnt. Charakteristisch für die russischen Zustände bleibt trotzdem die Tatsache, daß eim solcher Antrag überhaupt hat ciugebracht werden können. * In einem Berichte aus Jerusalem an das englische Auswärtige Amt über die Landwirtschaft in Palästina und die israelitische Kolonisation führt Konsul Blech aus, daß die Geschicklichkeit und Ausdauer Bewunderung verdienen, mit welcher die jüdischen Landwirte in Palästina ihren Boden bewirtschaften. Auch der syrische Bauer arbeite mit der größten Sorgfalt und lasse nicht eine Zollbreite seines Eigentums unbeachtet. Die bemerkenswerte Fruchtbarkeit des Terrains um Jerusalem herum, welches den Anschein von Dürre hat, rührt von unterirdischer Feuchtigkeit her. Die Ebenen von Saron, die gleichfalls sehr fruchtbar sind, werden durch artesische Brunnen mit Wasser versorgt. Dieses System wurde insbesondere von den israelitischen Kolonisten eingesührt, die sich dort angesiedelt haben. In der Nachbarschaft von Jaffa werden Brunnen von großer Tiefe gegraben. Es befinden sich dort etwa 500, aus denen das Wasser mit Petroleum-Motoren geschöpft wird. Die Kolonien von russischen, deutschen, polnischen und rumänischen Juden, die von Baron Rothschild gegründet und im Jahre 1900 an die Israelitische Kolonialgesellschaft abgetreten wurden, treiben zumeist Weinbau und. haben unter der Weinkrise etwas gelitten. In dem Gebiete von Saron und Jericho hat man mit der Kultivierung der Baumwolle begonnen und gute Erfolge erzielt. Im Distrikt Gaza wurden große Orangenpflanzungen angelegt, die bereits ein Ergebnis von 630 000 Kisten liefern. In wenigen Jahren wird man eine Million erreicht haben. Dir LLprditjon?u den Wlalchss. ^^^ekanntlich hat die Alliance Israelite Universelle eine Expedition zur Erforschung der in Abessinien lebenden Falaschas ausgeschfckt. Der Leiter dieser Expedition, Herr Nahum, hat nun über den Empfang und die weitere Tätigkeit derExPedition nachstehenden hochinteressantenBericht eingeschickk, den wir der „Deutschen Konferenzgemeinschaft" verdanken und der sicher allgemeines Interesse erregen wird : Addis-Abeba, 12. März 1908. Ich bestätige ergebenst meinen Brief vom 6. d. M., in dem ich Ihnen in der Eile den wohlwollenden Empfang gemeldet habe, den S. M. Menelik der Mission der Alliance an diesem Tage gewährt hat. (Dieser Bericht ist nicht an seine Adresse gelangt, somit wahrscheinlich verloren gegangen.) Anderen Tags, am Sonnabend kam der Zeremoniemneister und erste Hosdolmetsch Ato Haile Mairam zu uns ins Hotel. „Ich komme," sagte er, „im Aufträge Ihrer Majestät der Kaiserin, deren kaiserliche Grüße zu überbringen, Ihnen für das schöne Geschenk zu danken, das Sie Ihrer Majestät gebracht haben, und Sie herzlich zu Ihrer gestrigen Rede vor dem Kaiser zu beglückwünschen. Ihre Majestät die Kaiserin würde sich freuen, wollten Sie ihr eine genaue Niederschrift schicken. Zugleich, überbringe ich Ihnen die Einladung zur Teilnahme an dem kaiserlichen Frühstück am Sonntag." Am Montag, 9.März, erkundigte sich der nämliche Würdenträgßrwn Aufträge des Kaiserpaars nach unserem Befinden. Ich behielt ihn zu Tisch. Er wiederholte, daß Se. Majestät viel von meiner Rede spricht, von der ich hier einen kurzen Auszug gebe: Vor einem orthodoxen Kaiser sprechend, der ein glühender Verehrer der Bibel und namentlich der Psalmen ist, ging ich von dem Bibelspruch (1. Mos. 12, 3) aus: „Durch dich werden alle Völker der Erde gesegnet werden." Ich zeigte einerseits die moralische Größe der Mission Israels, anderseits die hohe Macht des alten Aethiopien; wie jenes durch Jahrhunderte der Unwissenheit und durch die Verfolgungen des Mittelalters hindurch seine Glaubenseinheit bewahren, wie dieses trotz zahlreicher Ueberfalle seine Unabhängigkeit ungeteilt erhalten konnte; kam dank auf die Renaissance Israels und aus die neue Blüte Aethiopiens. Die Israeliten und die jüdische Wissenschaft schreiten immer weiter voran, dank ihrer lebendigen Organisation in bei: Alliance Israelite Universelle, bie für die ganze Menschheit arbeitet, indem sie für die Israeliten sich einsetzt. Aethiopien wiederum hat den Weg zur Zivilisation beschritten, dank der hohen Einsicht, der Duldsamkeit, der Güte Ihrer Majestäten, die Gerechtigkeit, Eintracht. Frieden zur Herrschaft bringen wollen, nach dem Wort des Psalmisten: „Güte und Wahrheit begegnen sich, Gerechtigkeit und> Friede umarmen sich" (Pf. 85, 11). Dieses Zitat gefiel dem Kaiser so sehr, daß er es sofort nachschlagen ließ. Der ausgezeichnete französische Bevollmächtigte Brice, von dem uns bereiteten Empfang durch unseren Begleiter, den französischen Konsul Herrn Roux, und vom Palais aus benachrichtigt, beglückwünschte uns zu den Sympathiekundgebungen, mit denen die Kaiserin uns beehrt hatte. Die Kaiserin verläßt nur sehr selten und immer nur verschleiert den Harem. Fast nie sieht sie Fremde. Die zu unseren Gunsten gemachte Ausnahme war für uns von hoher Bedeutung, weil die Provinzen, die wir besuchen wollen, in „ihrem Lande" liegen (Schoa und Amhara sind hier, was Aragonien und Castilien für die katholischen Könige sind) und von ihrem Bruder und Neffen verwaltet werden. Gestern verlangte die Französische Gesandtschaft vom Palastsekretariat den Schutzbrief für unsere weitere Reise. Es wurde geantwortet, Se. Majestät wünsche zunächst, daß ich die Ruinen und Inschriften besichtige, die sich drei Tagereisen von der Hauptstadt befinden, auch die mit Inschriften versehenen antiken Gegenstände, die in dem Schatz von Gebbi verwahrt sind. Bevor ich Ihnen den Weg angebe, den ich mir vorgezeichnet habe, gestatte ich mir, Ihnen die Plätze"zu nennen, die nach Abbad ie und I. Halevy vermutlich von Falaschas bewohnt sind: Abbadie