Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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zog, welche Künste sie angewandt haben würde, um möglichst schön und blendend auf der Bühne zu erscheinen. Den Lohn einer ganzen Woche konnte er unmöglich riskieren. Nein, es würde ein besserer und sparsamerer Plan sein, am Eingänge des Theaters auf sie zu warten, wie er es früher auf Gittel getan. Er wollte an der Türe stehen, bis sie käme. Der Weg zum Varietetheater war sehr weit, und da es schlechtes, regnerisches Wetter war, konnte er nur mit Mühe einen Stehplatz in dem Omnibus bekommen, , der wie ein überfülltes Schiff durchden regnerischen Abend schwankte und in dem jedes, auch das kleinste Plätzchen von wassertriefenden Passagieren besetzt war, die eng aneinander gedrückt auf' den Bänken saßen oder in dem Durchgang stehend sich an den von oben herabhängenden Lederschlingen fest hielten. Auch die^ Plattformen waren dicht besetzt, und nur mühsam vermochte der arme geduldige Einnehmer des Fahrgeldes seinen Rundgang durch den von unangenehmen nassen Dunst erfüllten Wagen zu machen. Als Elkan das Ziel erreicht, schmerzte ihn sein Kopf so sehr, daß er den eiskalten Regen, der seine Stirn benetzte, wie eine Wohltat empfand. Die glänzenden Equipagen, die vor dem Eingang deS Varietes hielten, erfüllten ihn zum erstenmal mit tiefer Bitterkeit. Er wagte es nicht, sich unter die von weißen Umhängen umhüllten, köstlichen Wohlgeruch ausströmenden Damen und ihre elegante Mäntel tragenden Kavaliere zu mischen, obgleich er darauf brannte, das Portal zu überschreiten, um die Bilder Hvonne Ruperts, die im Vestibül hingen, zu studieren. Er suchte und fand den Weg zu der von den Darstellern benutzten Türe und fand dort ein Plätzchen, das ihm Schutz vor dem niederströmenden Regen gewährte. Aber lange bleierne Stunden verstrichen, ohne daß sie erschienen wäre, und das Fieber der Erwartung bemächtigte sich Elkans so sehr, daß ihm bald heiße, bald kalte Schauer durchrieselten. Die Schauspieler kamen und gingen, meistens zu Fuß und seltsame, schwer zu beschreibende Männer und Frauen glitten durch die eifersüchtig bewachte Tür. Er war bis zur Haut durchnäßt von dem immer stärker herabfallenden hartnäckigen Regen, als endlich ein elegantes Kppee vorfuhr. Ein Diener in Livree stieg vom Kutschersitz, öffnete einen Regenschirm und riß die Tür des Kupees auf. Aus dem Wagen sprang die schicke, unglaublich reizend aussehende Gestalt Gittel Goldsteins. Ja, das Unglaubliche war dennoch wahr! Unter jenem kokett, arrangierten Schleier, unter dem Heiligenschein ihres köstlichen Goldhaares leuchteten die pikanten dunklen Augen, die er so oft geküßt hatte. Einen Augenblick blieb er wie erstarrt stehen und blickte sie staunend an. Der Türhüter reichte ihr aus seiner Loge einige Briefe. Ja, er kannte jede Bewegung ihrer Schultern, jede Wendung ihres Nackens. Sie blieb einen Augenblick stehen, um die Adressen der Kuverts zu prüfen. Als ihr Diener, der die Tür für sie. aufgehalten, sich zum Gehen /wandte und die Tür zufiel, rannte er darauf zu und drückte - sie wieder , auf. „Gittel," rief er in verzweifelndem Tone, „Gittel". Sie wandte mit rascher Bewegung den Kops, und der bestürzte Ausdruck ihres Gesichtes,, die glühende Röte, die es plötzlich übergoß, verrieten ihm, daß.'auch sie ihn erkannt habe. Der Duft ■ von Kirschblütenein Parfüm, das sie.stets bevorzugt .hatte, das ihren kostbaren Gewändern entstieg, regte tausend zärtliche Erinnerungen in ihm an. - . / „Erkennst Du mich nicht?" rief er ihr in jüdischem .Dialekte zu. . - Aber;ihr doppelt verschleiertes Antlitz blickte ihn kalt und .mit hochmütigem Ausdruck an. . . . .. „Was für ein Mensch ist das?" srug sie den Türhüter in ihrem entzückenden Französisch-Englisch. Er versuchte es nun mit Englisch. „Ich bin Elkan, Dein eigener Elkan." Ach> der bitteren, süßen Erinnerungen, die ihn überwältigten. Nun war sie ihm wieder so nahe, o, so nahe! Die verführerische kleine Hexe. Er versuchte es, ihre Hand zu ergreifen. Sie aber trat schaudernd von ihm zurück und öffnete rasch die zu den Ankleidezimmern führende Türe. „Der Mann ist verrückt!" Sie verschwand mit dem köstlichen Achselzucken, womit sie die Vereinigten Staaten für sich gewonnen hatte. Eine unsinnige Wut bemächtigte sich Elkans. Was! Dieses Geschöpf, das ihm, der sie von dem Londoner Ghetto-Theater weggenommen, all seinen Ruhm verdankte, diese herzlose Dirne wagte es, ihm mit eherner Stirne zu trotzen und wollte ihm wieder entschlüpfen? Er stürzte ihr nach, der Türhüter kam rasch aus seiner Loge, ihn zurück zu drängen, aber er wurde in einem raschen, verzweifelten Kampfe zu Boden geschleudert. Einen Augenblick später befand sich Elkan ohne zu wissen, wie er dahin geraten, auf offener Bühne und gegenüber einem bis zum letzten Platze gefüllten Hause. Dann erst entdeckte er ein paar Exzentrikdarsteller, deren Szene er durch sein unerwartetes Erscheinen auf der Bühne gestört hatte. Da sie nicht die Geistesgegenwart hatten zu tun, als ob der Eindringling zu ihnen gehörte, lachte das Publikum, das erst über Elkans stürmisches Hereinpoltern gelacht, nun noch mehr über seinen eigenen Irrtum. Aber im nächsten Augenblick hatte die rächende Hand des Türhüters und eines Polizisten Elkan am Kragen gefaßt, und er wurde gewaltsam von der Bühue geführt. „Ich will Ivonne Rupert sprechen", schrie Elkan, sich verzweifelnd wehrend. „Sie ist mein — mein. Sie hat mich einst geliebt." Das Gelächter des Publikums begleitete ihn, während er hinausgedrängt wurde, um sofort von der Polizei arretiert und abgeführt zu werden, weil er den Türhüter beleidigt und überfallen habe. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Das letzterichienene Heft der „Monatsschrift f ü r G e s ch i ch t e und Wissenschaft des Judentums" enthält eine sehr interessante Arbeit von Pros. Dr. Ernst Meyer in Upsala: „Die Literatur für und wider die Juden in Schweden im Jahre 1815", der uns mit kundiger Hand buchstäblich in ein den jüdischen Historikern unbekanntes Land führt. Die Judenfrage war nämlich -1815 in Schweden brennend geworden, und es erschien'eine Unmasse von Streitschriften für und gegen die Juden. Einleitend gibt Meyer eine wertvolle Uebersicht über die Geschichte der Juden in Schweden, aus der hervorgeht, daß - die jüdische Gemeinde zu Stockholm um jene Zeit bereits eine wohlhabende und angesehene war. Ein Hofjuwelier Sander eröffnete die Reihe der Angriffe gegen die Juden. Er blieb nicht ohne Antwort. Dann folgten zwei Abgeordnete, Staback und Wagalin. Ein Adjutant des Kronprinzen, Major Pählmann, antwortete ihnen in scharfer Weise. Schließlich wurde die Frage sogar an einen besonderen Reichstagsausschuß verwiesen. Die Folge war eine Verschärfung der Ausnahmebestimmungen gegen die Juden in Schweden. Es wäre zu wünschen, daß der gelehrte Historiker, — der übrigens, was unsere Leser auch interessieren wird, ein Enkel des unvergeßlichen Kommerzienrats Joel Wolf Meyer sel. And. ist — der Geschichte der Juden in Schweden sein besonderes Augenmerk zuwenden-möchte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. . Bel-antwörtlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.