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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Lräglichen Anerkennung eines in erster Reihe stehenden Kämpfers handelt, eines jüdischen Helden. Ein letzter Versuch, die Revision zu'hintertreiben, ging vom Ministerium Dupuy aus, dem wir auch ein Gesetz verdanken, das mit ehernen Lettern der Geschichte einverleibt werden müßte. In dieser Epoche der Verwirrung hatte Zadoc Kahn mehrere Besuche eines jüdischen Offiziers erhalten, der zu ihm in Familienangelegenheiten kam; dieser richtete an ihn einmal eine Frage über Esterhazy. Der Elende (ich kenne seinen Namen, will ihn aber nicht nennen) hinterbrachte die Angelegenheit seinem Hauptmann, der die Regierung benachrichtigte: das Ministerium Dupuy bedachte Zadoc Kahn mit einem amtlichen Tadel. Er beantwortete dieses Schreiben mit Würde und der Ruhe eines guten Gewissens. Dieser Tadel ist einer seiner Ehrentitel geblieben. Zadoc Kahn sollte die Rehabilitierung Dreyfus^ nicht mehr erleben; aber er hatte die Genugtuung, zu sehen, wie die demokratische Gesinnung über Sitten und Ziele des Antisemitismus aufgeklärt wurde. Eine Vergangenheit voller Finsternis hatte Auferstehung gefeiert in diesem Kampf gegen die Errungenschaften des Jahres 1789, gegen die moderne Gesellschaft. Hätte Zadoc Kahn bis 1906 gelebt, wäre dann auch er der Meinung gewesen, daß dieser traurige Zwischenfall der Geschichte abgeschlossen sei, wie man jetzt sagt, voller Harmonie? Ich glaube es nicht! Er war zu weitblickend, um sich nicht darüber im klaren sein zu müssen, daß die Samenkörner des Hasses und der Verleumdung im Boden versteckt, nicht aber vernichtet seien, und daß der Antisemitismus, jetzt, wo er zum Nationalismus avanciert ist, das politische Glaubensbekenntnis einer achtunggebietenden Minorität der Franzosen darstellt. ä§i25iS£8§i MM Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Die Bekehrten. III. ber Elkan vermochte es nicht, die einmal aufgetauchte Idee zu überwinden. In seinem elenden Dachzimmer der Hesterstraße — das ihn an jene Stube erinnerte, in der er sie einst gesunden, obwohl es noch einige Stockwerke höher war— beschäftigte sich seine Phantasie damit, sich Gittels Bild in den hellsten, verlockendsten und üppigsten Farben auszumalen. Wenn er nachts einschlief, waren seine Träume von grotesken Kombinationen erfüllt: er sah Gittel Goldstein, wie sie in einem Badezimmer Zigaretten rauchte, bewunderte Avonne Rupert,, die in einer kleinen Kapelle jüdische Heldinnenrollen vortrug. Wenn der Morgen hereinbrach, waren diese lächerlichen Träume vergessen, aber wenn er dann tagsüber bei der Arbeit war, stellten sich die ihn verfolgenden quälenden Gedanken wieder ein. Um Mittag benutzte er die Frühstückspause dazu, eine Wonne Rupert-Zigarre zu rauchen, deren Genuß ihm dazu verhalf, sich in das halbkranke Gefühl hineinzuträumen, daß er seine Gittel wiedergefunden habe. Ein solcher Traum war köstlich. Er ging in den Raum, in dem die Kistchen fabriziert wurdenwo gerade der Mann, der die kunstvolle, die Nägel in die Brettchen treibende Maschine dirigierte, aus einem Haufen mexikanischen Zedernholzes saß und sein aus Wurst und Brot jbpi“* „ V*, J? ** - bestehendes Frühstück verspeiste, dessen Duft dem unermüdlichen Raucher das Wasser im Munde zusammenlaufen machte. „Haben Sie diese Hvonne Rupert einmal gesehen?" srug er forschend. „Sie könnten ebensogut fragen, ob ich ihre Zigarren rauche", brummte der Mann mit vollem Munde. „Aber sie tritt doch bei Webster und Dixics auf?" „Gewiß." „Ich denke, ich gehe doch einmal hin, aus Neugierde." Aber die große Yvonne hatte gerade eine Reise durch die Provinzen unternommen, so mußte er notwendig warten. Unterdessen begab er sich an einem Samstag Abend, mit einer schmutzigen Zweidollarnote und ein paar Kupferstücken in der Tasche, in das Restaurant, wo die jungen russischen Literaten sich versammelten, die für die jüdischen Arbeiterzeitungen schrieben und „die alles wußten". Er wollte ausforschen, was sie von Uvonne Rupert wußten. Er setzte sich möglichst nahe an den Tisch, an dem Freidenker mit langen Haarmähnen und langen Fingern saßen und sich über Lassalle unterhielten. „Ach," sagte der eine, „unvergeßlich ist die Art, wie er schon als Knabe auf den Tisch sprang, um gegen die Ungerechtigkeit des Lehrers gegen einen seiner Kameraden zu protestieren! Wie leuchtete das göttliche Feuer da aus seinen Augen!" Diese unruhigen Skeptiker schmückten die Lassallelegende aus und vermischten sie mit messianischen Mythen mit derselben phantastischen orientalischen Erfindungskraft, mit der sie die trockenen Lehren des Pentateuchs mit erfundenen Vignetten zierten. Er horchte ihren Gesprächen ungeduldig. Er hatte selbst in den Tagen, wo er kaum zu essen gehabt, sich doch niemals von . den Sozialisten betören lassen. Er war selbst einst ein Arbeitgeber gewesen und sah daher den Sozialismus immer noch von dem Standpunkte eines solchen an. Sie sprachen von der Frau, um derentwillen Lassalle den Tod gefunden. Einer von ihnen hatte sie auf dem Amerikanischen Theater gesehen, sie war eine tüchtige burleske Schauspielerin gewesen. „Wie Hvonne Rupert?" wagte er zu fragen. „Hvonne Rupert?" Alle lachten. „Ach, wenn sich Hbonne eine solche Chance geboten hätte! Einen Mann wie Lassalle betrogen und in den Tod geschickt zu haben! Welche Reklame!" „Ja, das würde ganz ihr Fall gewesen sein", gab die ganze Tischgesellschaft zu. Er srug, ob sie Wonne Rupert für sehr klug hielten. Der ganze Tisch lachte, als ob er einen guten Witz gemacht habe. „Ich bin überzeugt, daß sie meine Ophelia mindestens so gut wie Frau Goldwasser spielen würde", behauptete Pinchas. „Man sagt, daß sie einen jüdischen'Akzent habe", wagte Elkan einzuwerfen. Die Tafelrunde lachte noch lauter. „Ich habe oft von etwas Jüdisch-Deutsch gehört," rief Pinchas. „aber niemals von Jüdisch-Französisch." Elkan Mandle war tief erschrocken.' An der Trauer, die ihn erfüllte, merkte er, daß er immer noch gehofft. Gittel wieder zu finden und daß er keinen Groll mehr gegen sie hege. Dennoch gab er die Hoffnung immer noch nicht ganz auf. Er studierte eifrig alle Theateranzeigen, und als Yvonne Rupert wieder in New Ljork auftrat, beschloß er, sie auf jeden Fall zu sehen. Er sagte' sich jedoch bei reiflichem Ueberlegen, daß der billige Platz, den er sich im besten Falle leisten konnte, soweit ab von der Bühne sei, daß es ihm unmöglich sein würde, Gittel zu identifizieren, besonders wenn er in Betracht

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