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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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mit Pius IX. zu Überwerfen, indem er die Auslieferung eines jüdischen Knaben durchsetzte; es war der kleine Mortara aus Bologna, der in einem Kloster festgehalten wurde. Ein Jude, Achille Fould, war'dreimal sein Minister, er nahm die Gastfreundschaft von James von Rothschild auf dem Schlosse von Ferneres an. Und doch war es dieser selbe Napoleon, der,.als er noch Präsident der Republik war, den Grund, den entferntesten, zu dem Ursprung des Antisemitismus gelegt hatte, als er, um sich der klerikalen Partei zu versichern, die „loiFalloux“ in derKammer durchbrachte, ein Gesetz, durch das ein Gutteil der französischen Jugend den Händen von Mönchen ausgeliefert wurde. So fern liegt dieser Same von der Frucht, die er später treiben sollte, daß manein Ueberschauen der Konsequenzen zu jener Zeit nicht wird annehmen können. Lange dauerte es, bis sich die Wirkung dieses Schrittes fühlbar machte. Noch nach dem Kriege von 1870/71 zeugten die Präsidentenjahre von Thiers und Mac Mahon von einem ungeteilten Wohlwollen für die Juden; als Cremieux 1880 starb, beschloß das Parlament, ihm eine nationale Ehrung zuteil werden zu lassen. Auch war ein Gesetz in Kraft, das das Staatsministerium ermächtigte, Schriften aufreizenden Inhalts zu verfolgen, sofern sie geeignet waren, Rassenhaß und Zwietracht unter den Bürgern zu verbreiten. An diesem Gesetz setzten die Antisemiten den Hebel an. Es wurde abgeschasst, und fast gleichzeitig, 1881, erscheint eine Zeitung: „Der Judenfeind" (französisch: „L’Anti-Juif“). Noch jetzt werden Versuche gemacht, der unheildrohenden Entwicklung zu steuern — so traf zu dieser Zeit Jules Ferry seine übrigens wirkungslos verlaufenden Maßnahmen gegen die Kongregationen und drohte ihnen mit der Entziehung der Lehr- und Erziehungstätigkeit. Wer aber kam dann? Niemand weiß so recht, jetzt Ursache und Wirkung zu scheiden. Zweierlei nur steht fest, über allen Zweifel erhaben. Die erste Tatsache ist die/ daß die Broschüre „Jüdisch-Frankreich" („La France JuiVe“) von Edouard Drumont, die im Jahre 1886 veröffentlicht wurde, auszugsweise von dem Jesuitenpater Dulac zum Vortrag gebracht wurde, ein Liebesdienst, den man gemeiniglich derlei Pamphleten und niederen Elaboraten nicht zuteil werden läßt. Und die zweite Tatsache, die überdies durch schriftliche Bekenntnisse.eines englischen Jesuiten, die während derDreyfus- Affäre bekannt wurden, dokumentarisch bewiesen wird, ist die, daß die französischen Jesuiten Geld gaben zur Gründung der »Libre Parole“ desselben Drumont. Der Sturm entfesselte sich mit einer Rapidität, die sich nur erklären läßt, wenn wir an einen sorgsam entworfenen Plan glauben, dessen Umsetzung in die Wirklichkeit von einer Zentralstelle überwacht wurde. Es handelte sich für jene darum, die Gefahr abzuwenden, die ihren so mächtigen und reichen Kongregationen drohte, und dies taten sie, indem sie den Juden Fehde ansagten, nicht nur den mächtigen und reichen, auch denen, die auf Grund ihrer amtlichen Befugnisse Stellungen innehatten, an die ein Teil der Staatsgewalt geknüpft war, oder die an Plätzen standen, die anderen zusagten. Diese zweifellos unfaire Kampsesweise hatte einen ans Unglaubliche grenzenden Erfolg, und es fällt nicht schwer, der Meinung zu sein, daß diese reaktionäre Bewegung, hätte sie nicht ihre anfänglichen Erfolge mißbraucht, hätte sie nicht, wie sich der Stier mit gesenktem Haupt auf ein rotes Tuch stürzt, in die Affäre Dreyfus sich verwickelt, heute noch herrschen würde. Frankreich wäre, wie ehedem, die klerikale Republik, eine Staatssorm, die wie übereinstimmend gewisse amerikanische Staaten dartun, - der Monarchie vorzuziehen ist — zum mindesten in den Augen der Pfaffen. Als einer der ersten erkannte Zadoc Kahn die Gefahr. Seine Meinung war, daß alle Juden, die beleidigt oder verleumdet waren, Front machen, überall; den Rechtsweg ergreifen sollten. Aber andere Pläne, halbe und laue, gewannen das Obergewicht. Schweigen müsse man, sagten alle, schweigen und sich hüten, für den Antisemitismus Reklame zu machen dadurch, daß man ihn bekämpft. Abgesehen von dieser Kompromißwirtschaft, besteht bei mir darüber kein Zweifel, daß zu Beginn der antisemitischen Welle ihr Komplizen und Zuträger unter den Juden erwachsen sind. Alte Streitigkeiten,persönliche Gehässigkeiten suchten und fanden Gelegenheit, sich zu entladen. Wer aber, außer den Führern dieser Bewegung,- vermöchte authentisch darüber die Wahrheit zu berichten! Sicher wird mehr denn ein Jahrhundert verrinnen, his man diesen finsteren und unangenehmen Winkel der Zeitgeschichte beleuchtet, wenn es überhaupt einmal geschehen wird. Kurz, die Losung war: „Hände in den Schoß", und bald sah man , sich vollständig überflutet durch die antisemitische Bewegung. Die Drehfus-Affäre war nur die letzte und hervorstechendste Episode eines Feldzuges zur Saat des Hasses und des Mißtrauens gegen die Juden. Zadoc Kahn war befreundet mit der, Familie .des Hauptmanns Dreyfus; er hatte genug erfahren, um Non seiner Unschuld überzeugt zu sein; aber er war Beamter. Er. wußte, welche Interessen auf dem Spiele standen, von seiner Diskretion abhingen. Er tat, was zu tun ihm den Umständen nach noch gestattet war, nicht mehr. Und als ich ihm am Tage der Verurteilung sagte: „Das ist das Opfer, an dem der Antisemitismus zugrunde gehen muß," da war er nicht weit; entfernt davon, meinen Optimismus zu teilen, aber er glaubte die Wiederkehr einer gesunden öffentlichen Meinung erst in sehr ferner Zukunft erwarten zu dürfen. Kurze Zeit darauf, als die Entfesselung der Leidenschaften der Ungerechtigkeit wuchs, als ein Boykott der Juden in Frankreich und besonders in Algier tausende von diesen aufs Pflaster warf, hatte Zadoc Kahn eine Audienz beim Präsidenten der Republik Felix Faure und trug ihm all das vor, was die Lage unserer Glaubensgenossen an Leid und Schmerz erkennen ließ, was sie an Ungerechtigkeit bot. „Sagt euren Frauen, sie sollten, wenn sie in die Oper gehen, ein bißchen weniger Diamanten tragen", war die Antwort dieses „Biedermannes", der kurz darauf Trarieux, der ihn aufsuchte, um mit ihm über Dreyfus zu sprechen, erwiderte: „Ich, Herr Senator, bin stets auf seiten der Polizei." Er hätte auch, allerdings freier, sagen dürfen: „Ich bin auf der Seite derer, die gerade obenauf sind." . Wie der Zufall manchmal spielt, wäre es leicht möglich gewesen, daß Zadoc Kahn, vor Scheurer-Kestner, die Entdeckung gemacht hätte, daß das Borderau von Esterhazy herrühre. Als wir eines Abends aus einer Sitzung der Alliance Israelite kamen, sagte er zu mir, daß einer seiner Söhne, der bei einem Offizier des Kriegsministeriums arbeitete, eine Handschrift gesehen habe, die eine Ähnlichkeit mit der des Borderau zu haben scheine, es wäre die des Kommandanten Esterhazy. „Wie," rief ich aus, „die von Esterhazy, des Zeugen von Cremieux-Foa!" Wir dachten nicht weiter daran, beide nicht; ja wir müssen an diesem Abend geradezu blind gewesen sein. Zadoc Kahn ermutigte die mächtige Initiative von Bernard Lazar, der zwei Schriften erscheinen ließ, eine vor, die andere nach der Veröffentlichung des Faksimiles des Borderau, und die eine erste Drohung darstellen, gerichtet an das Verbrechen, das sich damals im Vollgefühl seines Triumphes fühlte. Man scheint das heute vergeffen zu Haben, aus Bosheit mehr als aus Unwissenheit, und heute noch tritt der Antisemitismus hervor, wo es sich um die Ablehnung der nach-

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