Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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v . Von.Salon: on Reinach?) 1. ’ eine Herren! Am Tage, der auf das Hinscheiden Zädoc Kahns folgte, erhob sich in vielen Herzen schicksalsbang die Frage, was aus der französischen Judenheit werden würde, nun sie ihr Leiter, ihr Hirte, auf immer verlassen. Schicksalsbang angesichts der Größe, derTätigkeit dieses wahrhaft unermüdlichen Mannes, dieser Wirksamkeit,-die in immer sich gleichbleibender Treue über eine Zeitspanne von 36 Jahren sich erstreckte! Schicksalsbang angesichts der Lücke, die der Tod gerissen, die, einem Abgrunde gleich, die Früchte einer solchen Geisteskraft, solchen Fleißes, zu verschlingen drohte. Einer Anzahl retzer Werke in unserer Gemeinschaft — schien uns — würde der Fortgang in Frage gestellt sein. Sü^dachM/gab viele von uns in der ersten Macht des Schmerzes und ehrten damit — sieh unbewußt — den Großen, der uns entrissen. Taten wir aber recht daran? Waren wir 'nicht' jrT 'Gefahr, ,- igttV' indem wir ihn als Unersetzlichen betrauerten, in der Kraft seiner Persönlichkeit herabzumindern, zu verkleinern, indem wir ihn doch meinten? Ja, weine Herren, das hätten wir nicht' gedurft. Denn es hätte die Nolle, die' Zadod; Kahn' in unserem' «Greife / gespielt hat, als eine wahrend ihres 'Bestehens nutzbringende dargestellt, nicht als eine Wertvolle, wertschaffende an sich, wenn wir nicht gleichzeitig darauf hätten vertrauen dürfen, daß er es verstanden hat, Gebilde von Dauer zu formen, sich in seinen Mitarbeitern Helfer im wahrsten Sinne zu schaffen, Charaktere wenn nicht von der Größe, sö doch von der Art seines Charakters, in ihnen sich zu erziehen. '/ // Mau kann sagen, meine Herren, ohne daß man sich der Schönrederei zu zeihen brauchte, daß Zadoc.Kahns Geist unter uns noch lebt, in uns noch schafft, mit uns arbeitet. Der Einfluß und die Anregungen, die, uns, von ihm geworden sind, sind so stark und echt, gewesen, haben sich den,.Zielen so angepaßt gezeigt, daß der Uebergang von der Staatssynagoge zur freien Synagogengemeinschaft sich ohne Störung vollzogen, daß keines, seiner Werke auch nur für Augenblicke gefährdet gewesen wäre. Ja, mehr als erhaltend hat sein Einfluß sich , erwiesen, als fruchtbringend und. fortzeugend im Sinne des , Verstorbenen. Nach seinem Tode ist die Reihe unserer Institute um eines vermehrt worden,, das seinen Namen trägt, und das, so .glaube ich, berufen ist, eine große Entwicklung zu nehmen, zum Wohle des Judentums. Schon - aber lichtet sich die Zahlderer,; bie: ihn gekannt haben, und ihrer werden immer weniger. Da ist es für uns Alte, die wir ihn -noch am Werke gesehen haben, eine hohe Pflicht, das Andenken an ihn zu pflegen, indem wir sein Bild scharf Umrissen zeichnen, indem wir die Erinnerung an das, was er war, was er wollte, was er galt, - herausbeschwören und so dazu beitragen, daß dieses Gedenken, um das schöne Gleichnis von -Samte-- Beuvst; zu gebrauchen, in immer neuer Melle: an das Ufer der werdenden Generationen dringe. - Ein genaues Lebensbild Zadoc Kahns zu schaffen, gleich dem, welches er selbst seinem Kameraden und Freunde Isidor Loeb gewidmethat, ist nicht nur Bedürfnises ist unsere Pflicht/ und das sranzöstsche Judentum würde dastehen -wie Für unsere Leser wird/ die' Rede, dir der berühmte Pariser Müseumsdirektof SaldMon Rein ach vor der Gesellschaft ehemaliger Schüler der Schulen Halphen und Lücien de Hirsch' über den tiefbetrauerie:c Zadoc Kahn gehalten; hatsicher von großen: Interesse sein^ 'j'jO y>-‘i uns Ovt . Die Red. , die schlechten Erben, die das Grab ihres Wohltäters verfallen lassen, , wenn es nicht dieses Buch entstehen und in tausenden von Bänden verbreiten ließe. Zadoc Kahns Tatkraft und das Gebiet, aus dem er sie walten ließ, sind als universell zu bezeichnen: er hat nach und nach, bald aber als Leiter, alle Unternehmungen umfaßt, an deren Bestrebungen er teilnehmen konnte. Groß-Rabbiner der Pariser Gemeinde war er bereits mit 29 Jahren, dann, seit 1890, nahm er dieselbe Stellung für ganz Frankreich ein, nachdem, er seit langer Zeit deren Amtsbesugnisse — ohne jedoch den Titel zu führen — während der langandauernden Krankheit des Großrabbiners Lazar Isidor ausgeübt hatte. So weihte er sein Leben der Gemeinde Paris, dem französischen Judentum, ja dem Judentum der ganzen Welt. In ihm war der Mittelpunkt all der mildtätigen Gründungen zu erblicken, die während dieser 40 Jahre der Welt geschenkt worden sind, selbst derer, die jenseits der Grenzen unseres Vaterlandes entstanden. So hat er Frankreich gedient, seiner Religion, der edelu Menschlichkeit, allem gleich in dem klaren Erfassen des weseut-. lichen Kerns, in der treuen Hingabe an den damit verbundenen Zweck. So war er — ich berichte hier Allbekanntes — Ehrenvorsitzender der „Alliance Israelite Universelle“, deren Sitzungen er ohne Ausnahme beiwohnte, Präsident der Kommission für das jüdische Seminar, Mitglied im Ausschuß der Jewish Colonisation Association, in dem er besonders die Angelegenheiten der Ansiedlungen in Palästina bearbeitete, Mitglied des Vorstandes der „Alliance Franchise“, der „Societe des Prisons“, ferner war er Gründer, Mitarbeiter und Förderer einer Unzahl weiterer Institutionen, des Wohlfahrtsausschusses (Comile de Bienfaisance), des Asyls von Plessis-Piquet, des von Neuilly, der jüdischen 'Studiengesellschaft (Lociete des Etudes juives). Und wieviele habe ich zu erwähnen noch vergessen! Und das waren keine Ausruhposten, keine Sinekuren, er gab sich in ihnen aus, ihm war die Hingabe Bedürfnis. Sein Körper war stets gebrechlich und kränklich, aber beherrscht bis zum letzten Augenblick von einem heiligen Eifereiner glühenden Seele. Diesen Aufgaben widmete er gleicherweise seine Ferien, in denen er wenige Ruhetage an der Seite der ausgezeichneten Frau, die ihm zu unser aller Leidwesen nur kurze Zeit überlebt, verbrachte; auch in diesen Stunden war sein Geist gerichtet auf die Werke des Wohltnns, die er zu fördern suchte, auf die Leiden, die er trösten wollte. Ich spreche hier aus: bester Erfahrung; war es mir doch vergönnt, ihn während einer dieser Zeiten seiner Halbmuße kennen zu lernen. Wenn das. Werk, das er schuf, ein ungeheures war,: wohl imstande, auch einen robusten Organismus aufzubrauchen, so war es doch nicht -aus seinem bloßen Willen heraus so. aufreibend,sondern auch aus dem Lauf der Geschichte. Machte doch unser Judentum, hineingerissen in den Strudel des politischen Lebens, unter seiner Führung die ernsteste Krise durch, die es seit der Revolution zu überwinden hatte. * Der Beginn der Laufbahn Zädoc Kahns fällt noch in eine glückliche Zeit. Das zweite Kaiserreich war den Juden wohl geneigt, und .mehrere von ihnen, zählen zu den Intelligentesten und Reichsten in den Reihen derer, die die Bestrebungen Napoleons III. durch ihre großen und/- großzügigen Unternehmungen auf dem Gebieteder öffentlichen Arbeiten unterstützten. -Ich erinnere mich da — es wird Ihnen allgemein bekannt sein — besonders daran, daß es' Juden sind,- denen Frankreich sein Schienennetz verdankt, auf die es die Neuwerdüng von Marseille und Paris zurückzusühren haU Der Kaiser selbst, auf religiösem Gebiete von weitgehender Toleranz, . hatte 'die Kühnheit, gehabt,- sich