Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228818--64494-3276560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-;224 Lrirk aus London. Von Reverend Dr., Chotzner. ' erfchiedene jüdische Zeitungen, die auf. dem: Kontinent erscheinen, haben jüngst Nachrichten - veröffentlichtdas; - der moderne Antisemitismus augenblicklich auch im freien England sich eingebürgert habe und daß derselbe sich augenscheinlich dort mehr und'mehr entfalte. Es dürfte daher von Interesse sein, hier einige.Bemerkungen darüber zu machen. Es ist, meiner Meinung nach, ganz unrichtig, zu behaupten, daß der Antisemitismus hier in England in demselben Sinne existiere, wie er in verschiedenen kontinentalen Staaten gewöhnlich zum Vorschein kommt. Dort wird,/wie es scheint, der gebildete wie der ungebildete Jude von. einem großen Teil der allgemeinen Bevölkerung mehr oder weniger gehaßt. Auch die Regierungen dieser Staaten geben es häufig .zu -erkennen, daß sie im Staatsdienst keinen „ungetansten" Juden haben mögen, und infolgedessen ist wahrscheinlich auch die soziale Stellung der Juden daselbst keineswegs angenehm und befriedigend.' In einem viel rosigerem Lichte aber' zeigt sich der gegenwärtige Zustand der im britischen Weltreiche wohnenden Juden. In erster Reihe Möchte ich auf die Tatsache Hinweisen, daß der König, der Kronprinz und verschiedene andere hochgestellte Persönlichkeiten im Staate recht häufig englische'Juden mit ihren speziellen Besuchen beehren, die sie ebenso gern mit ihren eigenen Einladungen auszeichnen. Verschiedene „ungetanste" Juden sind in verschiedenen Teilen des englischen Reiches im Staatsdienste tätigt und die in ihrem Berufe erzielten Resultate werden hier und da mit wohlverdienten Auszeichnungen gekrönt. (Der Sohn des Schreibers dieser Zeilen bekleidet seit Jahren einen hohen Posten im indischen Staatsdienste, den er als recht junger Mann schon erlangt hat.) Außerdem haben wir hier jüdische Lords, jüdische Barone und jüdische Ritter tKnights), während Juden hier und in den englischen Kolonien als Premierminister und Minister der Krane fungieren. : Auch int englischen Militärdienst haben Juden respektable Stellungen. Es würde den Nahmen meines Briefes überschreiten, wollte ich noch weitere Beweise von der günstigen höheren sozialen Stellung der Juden Englands hier anführen. Es sei mir jedoch gestattet, hier noch hinzuzusügen, daß das englische nichtjüdische Bürgertum den Juden nicht abhold zu sein scheint, da letztere, im entgegengesetzten Falle, nicht so häufig zu Lordmayors und Mayors (Oberbürgermeister und Bürgermeister) gewählt worden wären. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, daß wir hier beachtenswerte jüdische Vertreter sowohl auf dem Gebiete der Wissenschaft, Literatur und Kunst haben, als auch auf dem der Industrie und des Großhandels. Eintracht herrscht auch da zwischen Juden und Nichtjuden, und. erstere haben gar keinen Grund, mit ihrer sozialen Stellung unzufrieden zu sein. ■ Natürlich spreche ich hier ausschließlich von solchen englischen Juden, die trotz ihres Reichtums oder ihrer sonstigen Vorzüge in materieller oder geistiger Hinsicht bescheiden sind und keine Spur von Arroganz bekunden. Leider gibt es aber auch bei uns Ausnahmen in dieser Beziehung, und was Wunder, daß der Engländer auf derartige Juden mit einer gewissen Aversion herabsieht, die er zuweilen auf die ganze jüdische Gemeinschaft ausdehnt, obschon Vertreter anderer Religionen von gleichen und , ähnlichen Fehlern nicht ganz frei .sind. Hinc illae lacrimae. ' Viel hervorstechender sind vielleicht. noch manche -unliebsamen Eigenschaften, die einzelne Juden besitzen, die aus dem Osten nach hier eingewandert sind und mitten unter den . niederen^-Schichten!der englischen-Bevölkerung^ leben. ^'Mese - armen Leute' haben in' ihrer früheren H'eimät fäfkäüsfch'ließlich nur Hebräisch und Jiddisch gelernt und keine äü'dere' Sihülbildung genossen. Außerdem verkehrten sie'leider daselbstmit solchen'nichtjüdischen 'Landsleuten, die auf Reinlichkeit ÜndMtzrlichkeit kein besonderes Gewicht legen,'welcher. Umstand natürlich nicht recht vorteilhaft auf ihre Manieren und.ihren.Charakter' eingewirkt. haben mußte. Nun haben-sich in den letztem Jah.Gn , solche Juden meistenteils: im, LMchen- Teile -Londons u ansässig gemacht- und; ihr Tun. und Treibeir - ist zuweilen derart auffallend, - daß - es sowo hl - in den gebildeten nichtjüdischen wie jüdischen Kreisen in England Jndignätiön hervorrüft. Ja, es kommen manchmal in diesen' 'Kreisen'-Fälle'' vor^ die dem Judentum unddessen VertreternkeinetzweAs EhremächeN. Folgendes Beispiel wird das Besagte einigermaßen illustrieren. Einer dieser russischen Immigranten brachte jüngst - einem „Schochet" (der sich hier immer --Reverend" oder „Rabbi"! nennt) ein Huhu, damit es von ihm rituell' geschlachtet -wird. Da er aber die kleinen üblichen Gebühren nicht entrichten wollte, so glaubte der Schochet in seinem wollenRechte zu sein, wenn er der 'Aufforderung seines Landsmannes keine Folge leistete. Letzterer bezweifelte aber dieses Recht und hatte nichts Eiligeres zu tun,' als den ihm verhaßten- Schochet , vors Gericht zu zitieren. Der Prozeß,, wobei" der Chief-Rabbials Sachverständiger und Zeuge auftreten mußte, machte natürlich Aufsehen, und manche nichtjüdische Zeitungsschreiber fanden die ganze Angelegenheit gar zu komisch. Einer von ihnen kam sogar zum lächerlichen Schluffe, daß nämlich, da der einfache Rabbi (Schochet) nur Hühner und sonstiges Geflügel schlachte, die Hauptbeschüftigüng des Chief-Rabbi sein müßte, alles größere Rindvieh nms Leben zu bringen. . Solche -und ähnliche Fälle nun sind es, die oft-die Veranlassung geben, daß man sich in gewissen englischen Kreisen - falsche -und lächerliche Begriffe vom eigentlichen Wesen des Judentums macht, wobei natürlich die Anhänger desselben als ganz^ wunderliche Leute angesehen werden müssen. Wenn wir Juden daher so empfindlich sind, daß uns zuweilen Lieblosigkeit von seiten mancher unserer christlichen Mitbürger gezeigt wird, so müssen wir niemals die Gründe dafür außer acht lassen. Wir müssen vielmehr stets bestrebt sein, das Gute zu üben und alles Auffallende und Lächerliche in Wesen und Charakter zu vermeiden. Dies ist sicherlich. der einzige und beste Weg, den Antisemitismus nach und nach aus der Welt zu schaffen. — Von Zeit zu Zeit unterstützt die hiesige ,,Jewisli /Historicäl Society of England“ jüdische wie nichtjüdische Autoren. mit den nötigen Mitteln, die sie in den Stand setzen, Werkezu veröffentlichen, die ein . historisches Interesse haben. Ein Mitglied des genannten Vereins, Mr. A. ÄE Hyamson,. veröffentlichte jüngst ein höchst interessantes Buch, das .„^-Eistory ok the Jews in.England“, betitelt ist. Wie schon der.Titel, besagt, behandelt das Werk die. Geschichte der Juden in England von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (1907), und es übertrifft - an historischen Wert alle bisher erschienenen Arbeiten, die denselben Gegenständ' behandeln. Eine ausführliche Besprechung desselben werde ich vielleicht später bringest. Jetzt will ich bloß bemerken, - daß, der Aussage des Verfassers gemäß, die jüdische Bevölkerung Englands im Beginne ^des vorigen Jahrhunderts nur aus 20O00 Seelen bestandest hat. Ich hatte demnach Recht, wenn ich in meinem vorigen . Briefe die Richtigkeit der Angabe bezweifelte, die. der-Missionar de- Le' Roy machte, daß sich nämlich im selbes Jahrhundert .23 0.00 Jud.en .hier..hätten.-taufen taffem..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.